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Geriatrie hat einen ganzheitlichen Ansatz

Bei einer altersmedizinischen Behandlung arbeiten verschiedene Fachärzte Hand in Hand. Das Ziel: Der Patient soll im Alltag wieder selbstständiger werden. Älteren bringt das Vorteile.

von Sabine Meuter, dpa, 20.11.2020

Gesund und munter im hohen Alter? So wünschenswert das ist, so sieht die Realität vieler älterer Menschen doch anders aus. Oft plagen sie gleich mehrere, mitunter chronische Krankheiten zugleich. Blutarmut, Nierenschwäche, Osteoporose, die Liste möglicher Erkrankungen ist lang.

Um Senioren mit Mehrfach-Krankheiten das Leben so angenehm wie möglich zu machen, braucht es einen ganzheitlichen Therapieansatz. Genau darum geht es bei der geriatrischen, also altersmedizinischen, Behandlung: Geriater blicken als Spezialisten nicht nur auf bestimmte Symptome, sondern den Gesamtzustand des älteren Patienten.

"Dabei geht es um weit mehr als nur um die rein medizinische Therapie", sagt Prof. Hans Jürgen Heppner, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Helios Klinikum in Schwelm (NRW) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).

Ein Beinbruch mit Folgen

Er nennt ein Beispiel: Ein alleinlebender Mann, mehr als 70 Jahre alt, hat vier verschiedene Krankheiten - konkret Diabetes, Arthrose, Bluthochdruck und eine Herzschwäche. Eines Tages stürzt er in seiner Wohnung und bricht sich ein Bein. Die Auswirkungen für seinen Alltag können schwerwiegend sein: Womöglich benötigt er künftig Hilfe beim Einkaufen, An- und Ausziehen oder Waschen. Mit diesem Sturz steigt auch das Risiko, dass sich ein solcher Unfall wiederholt. Weitere Folgen können Mangelernährung und schlechte Hygiene sein.

Damit es soweit erst gar nicht kommt, kann es helfen, wenn ein Geriater den Mann nach seinem Sturz behandelt. Der untersucht den Körper und erhebt die Krankengeschichte. Anschließend unterzieht sich der Patient einem sogenannten geriatrischen Assessment. Was steckt dahinter? "Dabei handelt es sich um eine Bestandsaufnahme, welche Fähigkeiten und welche Ausfälle ein Patient hat", sagt Heppner. Diese Bestandsaufnahme nimmt ein "multiprofessionelles" Team vor. Neben dem Arzt gehören Vertreter des Pflegedienstes, der Physio-, der Ergo- und der Logopädie sowie des Sozialdienstes dazu.

Ein individueller Therapieplan

Diese Fachleute ermitteln über standardisierte Untersuchungen und Tests, was ein Patient mit Blick auf seine Alltagsaktivitäten kann und was nicht. "Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme fließen in einen strukturierten individuellen Therapieplan ein", erklärt der Geriater Michael Musolf, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Physikalische Medizin und Ärztlicher Direktor am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg.

In dem Plan sind neben den therapeutischen Zielen die verschiedenen Behandlungen aufgelistet. Um bei dem Fall des Mannes mit Beinbruch zu bleiben: Der Geriater will natürlich auch herausfinden, was den Sturz ausgelöst hat - um weitere Stürze zu verhindern.

Er lässt den Patienten daher unter anderem von einem Kardiologen untersuchen, um auszuloten, ob der Mann die richtigen Medikamente zur Regulierung seines Bluthochdrucks einnimmt. Ein falsch eingestellter Blutdruck kann zu Schwindel führen, der ein Hinfallen begünstigt.

Auch Orthopäden, Internisten oder Psychologen können je nach Fall zum Team eines Geriaters gehören. "Alle gemeinsam haben den Patienten im Blick und schauen, was für ihn das Beste ist", so Heppner.

Stationär oder ambulant - die Behandlungen

Geriatrische Behandlungen finden oft stationär statt, etwa in der Geriatrie eines Krankenhauses oder in Reha-Kliniken. "Die Therapie wird teils auch in Tageskliniken oder ambulant angeboten", ergänzt Heppner. In aller Regel muss ein Mediziner, zum Beispiel der Hausarzt, eine geriatrische Behandlung verordnen - und die Krankenkasse muss sie bewilligen.

Bei einem stationären Aufenthalt erhält der Patient pro Wochentag mehrere Therapie-Einheiten. Wie oft am Tag und in welcher Länge sie erfolgen, hängt von dessen Belastbarkeit ab. Einmal pro Woche tagt das geriatrische Team, bespricht den Behandlungserfolg und stimmt eventuell weitere Therapien ab. Zusätzlich zu diesen Therapien erfolgen eventuell auch Akut-Behandlungen - etwa die Gabe von Antibiotika bei einer Infektion oder die Einstellung des Blutdrucks auf optimale Werte.

Dauer nicht vorhersehbar

Wie lange zum Beispiel der stationäre Aufenthalt in der Geriatrie einer Klinik dauert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. "Der eine Patient ist nach fünf, der andere nach zehn oder der nächste erst nach dreißig Tagen fit für seinen Alltag daheim", sagt Heppner.

Ältere Menschen können eine geriatrische Behandlung so oft in Anspruch nehmen, wie sie sie brauchen. "Das kann unter Umständen auch mehrmals innerhalb eines Jahres sein", erklärt Musolf, der auch im Vorstand des Bundesverbands Geriatrie sitzt.

Von Vorteil kann eine ambulante geriatrische Reha sein. Dabei versorgt ein geriatrisches Team den Patienten in seiner häuslichen Umgebung mit Therapie und Pflege. Das kann Hürden senken. Denn, so Musolf: "Viele Ältere scheuen einfach einen Klinikaufenthalt und
wollen lieber in ihren eigenen vier Wänden bleiben."

Egal, welche Form einer geriatrischen Behandlung man am Ende bevorzugt: "Ältere Patienten sollten ihren Arzt gezielt auf diese Form der Therapie ansprechen und sie auf den Weg bringen", empfiehlt Heppner. Denn in vielen Fällen bestehen gute Aussichten, dass der erkrankte ältere Patient wenigstens einen Teil seiner früheren Selbstständigkeit wieder erlangt.


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