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"Ich begreife, was es mit dem Leben auf sich hat"

Medienfrau Christine Westermann erzählt im Interview, wie sie trotz Angst vor der Kamera so erfolgreich wurde und wie es jenseits der 70 weitergeht.

von Thomas Röbke, 21.01.2019
Christine Westermann

Senioren Ratgeber: Wie ist das Leben ohne "Zimmer frei!"?

Christine Westermann: Es gab schon immer ein Leben neben "Zimmer frei!", und so, wie es ist, ist es genau richtig. Es sind auch wieder neue Sachen gekommen.

Wie das "Literarische Quartett" …

Genau. Fast 50 Jahre nach meinem Volontariat bin ich zum ZDF zurückgekehrt, wo ich mit 20 Jahren bei der "Drehscheibe" anfing. Jetzt gehen noch mal andere Türen auf, auch im Radio, und es ist einfach schön, das zu erfahren. Je älter ich werde, desto mehr begreife ich, was es mit dem Leben auf sich hat. Es ist schön, zurückschauen zu können, wo man überall herumgeirrt ist und wie bedächtig man heute ist. Nicht im Sinne von Langsam-, sondern von Achtsamkeit.

Sie haben nicht das Gefühl, dass Sie an einem bestimmten Punkt etwas ganz anders hätten machen müssen?

Ich glaube einfach, dass jeder Weg, den ich gegangen bin, Sinn ergibt. Der liebe Gott bringt Dinge auf Wiedervorlage: Was man beim ersten Mal nicht gebacken kriegt, bekommt man wieder vorgesetzt.

Das Ende von "Zimmer frei!" gab auch den Anstoß zu einem Buch. Darin schreiben Sie, dass Sie ein Talent zum Abschiednehmen hätten. Wie drückt sich das aus?

Indem ich gut loslassen kann. Der Abschied von "Zimmer frei!" war drei Jahre vorbereitet und hat mich enorm bewegt. Ich dachte, es wäre spannend, darüber etwas zu schreiben, und dann habe ich aufgeschrieben, welche Abschiede für mich wichtig waren.

Christine Westermann

  • *2. Dezember 1948 in Erfurt
  • Nach Volontariat und Journalistenschule 1971 TV-Premiere in der "Drehscheibe"
  • Danach "Aktuelle Stunde", von 1987 an mit Frank Plasberg. 20 Jahre lang "Zimmer frei!" mit Götz Alsmann
  • Seit 2015 beim "Literarischen Quartett"
  • Privatfrau Westermann lebt mit ihrem Mann in Köln

Dinge bedeuten Ihnen auch nichts? Jeder hat doch alte Briefe, Fotos, ein altes Kuscheltier oder seine erste selbst gekaufte Platte?

Das habe ich auch. Als ich für zehn Jahre nach San Francisco ging, hatte ich meine Dinge bei Freunden untergestellt – als ich zurückkam, inter­essierte mich nicht mehr, was wo war. Dafür habe ich aus Amerika jede Menge mitgebracht, Bücher vor allem, aber auch Lampen.

Sie schreiben: "Es kam immer etwas Neues, und es hat mir gutgetan." Gilt das immer, oder hatten Sie einfach viel Glück?

Was das Abschiednehmen schwierig macht, sind die Furcht vor einer Veränderung und der fehlende Mut, sie anzunehmen. Ich wurde schon oft in Veränderungen hineingeschubst, und wenn man dann weiß, was man will, wird man auch belohnt. Das hat mit Glück erst einmal nichts zu tun.

"Die moderiert wie ein Kalb, wenn’s donnert!", tönte der Intendant 1972 zu Ihrer Moderationspremiere. Woher nahmen Sie den Mut, weiterzumachen?

Dass die mich haben weitermachen lassen, wundert mich. Er hatte ja recht. Ich hatte große Angst vor der Kamera, mit 20 Jahren konnte ich noch nicht viel Persönlichkeit aufbieten. Aber ich hatte das Gefühl: Ich kann das besser. Und das habe ich ­irgendwann bewiesen. Bei manchem, wo ich früher gedacht hätte: "Das schaffe ich nie!", weiß ich heute, dass es mir gelingen wird. Weil ich mich auf mich und mein Handwerkszeug verlassen kann. Mir hat mal jemand gesagt: "Im Alter lernt man, Geschenke auszupacken, die man sich vor vielen Jahren selbst eingepackt hat."

Haben Sie sich Ziele gesetzt? Gibt es Eigenschaften, die Sie erwerben oder ändern wollen?

Was ich gelernt habe: Es gilt das Hier und Jetzt. Ich würde gerne das "Literarische Quartett" mit mehr Leichtigkeit machen. Da sitzen Leute, die ­­Bücher anders lesen und anders darüber reden können als ich, weil sie studierte Literaturwissenschaftler sind. Davon muss ich mich frei machen und mir immer wieder sagen: "Aber so hat es Westermann gelesen!" Es gibt vieles, was ich gerne können würde: malen, Klavier spielen, mich geschmeidiger bewegen, besser Golf spielen, einen sicheren Modegeschmack entwickeln.

Und wie soll es jenseits der 70 weitergehen?

So, wie es ist, würde ich es gerne anhalten. Ich möchte nicht mehr 65, 50 oder 40 sein, überhaupt nicht. Ich möchte einfach so sein wie jetzt. Das allein zählt und nicht, wie es sein könnte, wenn ich 74 bin.

Denken Sie über seniorengerechtes Wohnen nach?

Ich würde sehr gerne umziehen, aber mein Mann sagt: "Wir ziehen ins Erdgeschoss oder in den ersten Stock." Aber wenn die neue Wohnung eine Dachterrasse hat, ziehe ich auch in den vierten Stock. Ich weiß, das ist Quatsch. Aber wenn etwas schön ist, will ich es haben, da will ich mit dem Kopf durch die Wand.

Kann man es lernen, Abschiede leichter zu nehmen?

Da kann ich keinen Ratschlag erteilen. Was hilft, muss jeder für sich selbst herausfinden. Abschiede sind immer auch Herausforderungen, sich selbst zu trauen, sich selbst zu vertrauen. Alles im Leben hat seinen Sinn, davon bin ich fest überzeugt. Man lebt nach vorne und begreift in der Rückschau, warum es wichtig war, etwas loszulassen.

Dann wäre doch der Rat, keine Angst vor Abschieden zu haben!?

Das sagt sich so leicht. Ich kann nur sagen, ich habe viele ungewollte Abschiede erlebt, und es ist immer besser geworden, nie schlechter. Der Satz "Es kann nur etwas Neues kommen, wenn etwas Altes geht" stimmt einfach. Manchmal sieht man das Neue nicht, weil man noch nicht vor die Tür getreten ist.

Und der Abschied von einem geliebten Menschen?

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie ich das anpacken sollte. Das Leben hat es toll eingerichtet, dass mit dem Tod eines Menschen nicht auch alle Erinnerungen weg sind. Sie machen die Augen zu oder schauen sich ein Bild an – und schon ist er wieder da. Er ist physisch weg, aber Sie haben ihn immer bei sich, wann immer Sie das wollen. Das hat die Natur wunderbar eingerichtet.


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