"Ich habe keine Angst vor der Begegnung mit dem Tod"

Schauspieler Thomas Rühmann erzählt, warum ihm seine Familie wichtig ist und er ein eigenes Theater auf dem Land gebaut hat.

von Thomas Röbke, 05.12.2018
Interview Thoma Rühmann

Wäre Arzt auch etwas für Sie gewesen?

Nein. Als Jugendlicher habe ich mal ein Praktikum im Krankenhaus gemacht. Einmal zog ich einer alten Dame die Uhr auf – eine Stunde später war sie gestorben. Das war eine Lebenswirklichkeit, die mit meinem Harmoniebedürfnis nicht zusammenkam. Ich ziehe die Arbeit ohne Verantwortung vor: Mir macht es mehr Spaß, einen Arzt zu spielen, als einer zu sein.

Fast wären wir Kollegen. Sie haben Journalistik studiert ...

Ja, und dort in Leipzig gab es eine Studentenbühne, die auch Stücke machen durfte, die im Berufstheater verboten waren. Meine Rollen wurden größer, ich sprach an der Schauspielschule in Berlin vor und wurde angenommen. In der Übergangszeit schrieb ich dann übers Theater, etwa eine Zeitungsreportage über eine Schauspieltruppe auf Tournee.

20 Jahre "In aller Freundschaft" – wie fühlt sich das an?

Das passiert von Jahr zu Jahr, und nach fünf Jahren ist man überrascht, dass es die Serie noch gibt, nach zehn Jahren noch mehr, und 20 Jahre sind fast unwirklich. Meine Filmkinder sind längst erwachsene Männer!

Sind Sie generell eher der ­beständige Typ?

Ja. Ich war lange am Theater, ich war lange in meiner Großfamilie in Magdeburg, ich habe inzwischen seit 20 Jahren ein eigenes Theater. Ich bin niemand, der sich erschreckt, wenn sich Dinge wiederholen.

Was ist Ihnen bei einer Freundschaft wichtig?

Ein Freund ist jemand, den ich um zwei Uhr nachts anrufen könnte, und er wäre nicht genervt. Sich auf den anderen verlassen können und Anteilnahme spüren, das ist wichtig. Es kann auch Auseinandersetzungen geben – mein bester Freund und ich haben oft ganz unterschiedliche Ansichten.

Hatten Sie im Leben immer solche Freundschaften?  

Ja, aber ich habe sie nicht immer gut gepflegt. Frauen können das besser als Männer. Doch Freunde hatte ich immer. Nicht viele, aber sehr intensive. Und auch Freundinnen, im platonischen Sinne.

Interview Thoma Rühmann

Könnten Sie mit Ihrer Figur, Dr. Heilmann, befreundet sein?  

Was seine Professionalität betrifft: ja. Er hat auch einen guten Humor. Seine Sturheit würde mich nerven. Er ist so ein Stoffel, nicht wirklich offen. Insgesamt finde ich ihn gar nicht so sympathisch, wie er oft gehandelt wird, sondern oft unmöglich.

Werden Sie häufig auf der Straße angesprochen?   

Ja, das ist einfach in mein Leben gekommen, daran habe ich mich gewöhnt. Ich habe mich bewusst entschieden, auch wenn ich durch eine große Menschengruppe muss, dass ich nicht die Straßenseite wechsle und keinen Umweg gehe. Ich will mein Leben in dieser Hinsicht überhaupt nicht ändern. Ich gehe gerne zu Fuß, die Mehrheit der Leute ist diskret. Die Auf-die-Schulter-Hauer sind die allerwenigsten.

Eine Staffel hat 42 Folgen – in wie vielen davon spielen Sie mit?

Bestimmt in 38 oder 39. Das sind mehr als 100 Drehtage im Jahr.

Dann machen Sie noch Theater im Oderbruch …

… und ich ziehe mit meinen Bands durch die Gegend. Und ein Privat­leben habe ich auch noch. Das ist ein Leben in Hülle und Fülle!

Was machen Sie, wenn Sie einen Moment für sich haben?

Ich sitze und gucke. Ich lebe ländlich, und wenn das Tor zugeht, setze ich mich auf eine bestimmte Stelle – und da bleibe ich eine ganze Weile. Wenn ich im Oderbruch bin, gehe ich den Deich entlang. Mal nach links, mal nach rechts – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Mir gefällt es, wenn man nicht von einem Spektakulären ins andere fällt. Es sind kleine Ver­änderungen, winzige Details, die froh machen.

Sie betreiben Ihr Theater in einer nahezu menschenleeren Gegend. Schon etwas verrückt, oder?

Ja, wahrscheinlich. Es war aber auch nie die Absicht von Tobias Morgenstern und mir, ein Theater zu gründen. Es ist uns passiert. Wir wollten einfach ein Stück in seinem Wohnzimmer spielen und haben dann nicht mehr aufgehört. Jetzt steht da ein Theaterbau komplett aus Eichenholz und Lehm für 200 Zuschauer, der nach drei Seiten in die Landschaft geöffnet werden kann.

Sie haben fünf Schwestern und einen Bruder. Sie alle vertragen sich und treffen sich alle zwei Jahre ohne Anhang.  

Zwischen uns sind keine Rechnungen offen. Es ist nicht jeder mit jedem gleichermaßen innig, aber es gibt kein grundlegendes Problem, das die Familie gespalten hätte.

Sind Sie alle so ausgleichende Charaktere?

Wir haben einfach ein gutes Zusammengehörigkeitsgefühl. Es bedeutet uns etwas, zur Großfamilie Rühmann zu gehören. In der Pubertät ­habe ich mich allerdings immer abgesondert, wenn wir zusammen an der Straßenbahnhaltestelle standen. Dann fand ich die Truppe nur nervig und peinlich.

Hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Sie nicht mit Heinz Rühmann verwandt sind?

Gelegentlich bekomme ich mal zu hören: "Ich sehe so gerne Filme mit Ihrem Vater."

Hat die Arztrolle Ihren Blick auf Krankheit verändert?

Ich kann mir vorstellen, dass die dauernde Beschäftigung mit dem Thema Sterben mir später helfen wird. Ich habe keine Angst mehr vor der Begegnung mit dem Tod. Meine Mutter starb, als ich sechs war – das Thema Tod zieht sich bei mir durchs Leben.

Haben Sie eine Vorstellung, wie Sie im Alter leben wollen?

Es gibt den schönen Satz: "Fang nicht an aufzuhören, hör nicht auf, anzufangen." Ich hoffe, dass ich das hinbekomme. Eines Tages nichts mehr zu tun, kann ich mir nicht vorstellen. Und solange man auf Erden zu tun hat, lebt man.

Was war der beste Ratschlag, den Sie jemals bekommen haben?

"Das grüne Akkordeon" von Annie Proulx ist überschrieben mit: "Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg bahnt sich im Gehen." Die Dinge entstehen, und dann spürst du, denen musst du nachgehen. Sonst nimmst du eine falsche Weiche. So war das in meinem Leben eigentlich immer.


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