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Warum lässt die Diplomatie mit den Jahren nach, Lisa Fitz?

Im Rampenlicht: Fitz entstammt einer bayerischen Künstlerdynastie. Mit ihrem neuen Solo-Programm „Dauerbrenner“ ist sie gerade auf Deutschland- Tournee

von Thomas Röbke, 25.10.2021
Interview Warum Lisa Fitz

Lisa Fitz *15. September 1951 in Zürich

Bühnenreif: Nach Schauspielschule mit Gesangs-, Ballett- und Gitarrenunterricht machte sie als Kabarettistin Karriere.
Privat: Aus erster Ehe mit Kabarettist Ali Khan hat sie Sohn Nepomuk. Mit Lebensgefährte Peter Knirsch bewohnt sie einen Hof in Rottal.

Ihr neues Programm steht im Zeichen Ihres 40-jährigen Bühnenjubiläums. Mit Verlaub: Sie stehen doch schon viel länger auf der Bühne …

Meine erste Rolle hatte ich mit zehn Jahren als Waldschrat. Meine Großmutter leitete ein Kindertheater, da spielte ich öfter mit. 1972 wurde ich schlagartig bekannt als Moderatorin der "Bayerischen Hitparade". Das passte aber nicht zu mir. Mit dem Kabarett habe ich tatsächlich erst nach 1980 angefangen.

Was gab Ihnen damals den entscheidenden Anstoß?

Es fing an mit dem Lied "Mein Mann ist Perser", ein antirassistisches Lied auf rassistische Zuschriften nach meiner Hochzeit mit Ali Khan. Den hatte ich 1980 geheiratet und kurz darauf unseren Sohn bekommen. Das war der Einstieg in die härtere Satire. Das hat ein paar ältere Fans weggesprengt. Viele Frauen hätten das sicherlich auch gekonnt, trauten sich aber nicht auf die Bühne.  

Sie waren die erste weibliche Kabarettistin mit Soloprogramm und eigenen Texten?

Genau, es gab kaum Kabarettistinnen, und selbst Lore Lorentz bekam ihre Texte von ihrem Mann geschrieben. Die Alibifrauen in Teams wie der Lach- und Schießgesellschaft sagten damals Frauenthemen auf mit Texten, die von Männern geschrieben wurden. Ich war aber keine Emanzenkämpferin, ich war am Anfang auch nicht politisch, höchstens gesellschaftspolitisch und nie bösartig.

Wie haben Sie sich über die Jahre auf der Bühne verändert?

Die frühe Lisa Fitz war nett und versöhnlich, keinesfalls systemkritisch. In den 1990ern war mein Programm sehr schillernd, ich spielte mit Erotik und Verkleidungen. Dann wurde ich politischer. Aber weil ich Kabarettistin bin und kein Aal, muss ich nach links und rechts austeilen können. Es ist doch der Sinn der Satire, dass sie überspitzt darstellt und bestimmte Dinge mit viel Humor flankiert. Unsere Zeit ist leider sehr humor­befreit und moralinsauer.

Hat Comedy das klassische Kabarett abgelöst?

Der Comedian erzählt eher etwas Lustig-Belangloses aus dem eigenen Leben. Der Kabarettist hat immer ein Anliegen, will etwas bewirken. Die Grenzen sind fließend, auch Kabarett muss unterhalten. Aber wir Kabarettisten werden leider immer weniger.

Was wollen Sie als Kabarettistin bewirken?

Auch ein geistiges Haus baut sich aus vielen Steinen: Schon mit einzelnen Sätzen, die hängen bleiben, kann man den Leuten etwas geben. Ich weiß, dass ich vielen Frauen sehr den Rücken gestärkt habe. Die haben sich mehr getraut.

Ihre Mutter war Ihnen einerseits Vorbild, andererseits lehnten Sie das Frauenbild ab, das sie verkörperte. Wie passt das zusammen?  

Für ihre Zeit war meine Mutter total modern und fortschrittlich. Sie stand mit meinem Vater und dessen Bruder auf der Bühne, war wunderschön, eine Mischung aus Ingrid Bergman und Marilyn Monroe. Dazu hoch­moralisch und sehr treu. Obwohl die Männer an ihrer Hoteltür kratzten wie verrückt. Ich bin die erste Generation der Pille, der sexuellen
Freiheit. Das war ein echtes Zusammenprallen der Generationen.

Meine Mutter kam sich vor wie ein Huhn, das ein Entenküken ausgebrütet hat, das sofort schwimmt, und sie läuft gackernd am Ufer auf und ab. Natürlich hatte jeder von uns ein bisschen recht. Aber so etwas begreift man erst 40 Jahre später.

Wen haben Sie als Teenager bewundert?

Die Beatles natürlich! Ich wollte Paul McCartney heiraten und schrieb ihm einen Liebesbrief. Er hat leider nie geantwortet. Später war es Tina Turner. Die Moderation der "Bayerischen Hitparade" bekam ich nur, weil die Vorgängerin als zu alt galt. Ab 45 Jahren war das damals so. Tina Turner hat diese Regel gebrochen. Das war einmalig, dass eine Frau über 40 so eine zweite Karriere macht, dazu als Farbige und im Rockbusiness. 

Interview Warum Lisa Fitz

Welche Eigenschaften mögen Sie an sich?

Meine Langstreckenzähigkeit. Wenn ich etwas will, warte ich wie die Zecke am Baum, bis es endlich eintritt. Bei meinen Texten und beim Erstellen von Programmen bin ich dagegen wie eine Ameise. Außerdem kann ich gut auf Ratschläge hören, und ich achte auf meine Gesundheit.

Achten Sie verstärkt auf Ihre Ernährung, treiben Sie Sport?

Ich habe 30 Jahre viel Bodybuilding gemacht und bin drei Halbmarathons gelaufen. Bei denen habe ich mir leider die Knie kaputt gelaufen und beim Bankdrücken die Schulter etwas demoliert. Meine Erkenntnis wäre also, dass man es auch übertreiben kann und vorsichtig sein muss.

Jetzt mache ich viel Yoga, das tut wirklich gut. Aber auch dabei habe ich mir neulich was gezerrt. Man muss auf seinen Körper hören. Und man kann auch nicht mehr so viel Essen in sich reinschaufeln.

Spüren Sie so etwas wie Altersweisheit?

Kennen Sie den Begriff "altersprotzig"? Wenn man altersprotzig ist, sagt man denen, die einen nerven, deutlich die Meinung. Man ist nicht mehr so liebedienerisch, sondern steht mehr zu sich selber. Außerdem hat es bei mir mit 60 Jahren angefangen, dass ich mich müheloser in jemanden hineinversetzen kann, ohne dass ich seinen Standpunkt akzeptieren muss. Ich kann jetzt ganz ruhig sagen: "Ich bin nicht Ihrer Meinung." Das hat eine viel größere Wirkung als so eine Aufgeregtheit.

Was hätten Sie im Rückblick noch gerne anders gemacht?

Ich bin zu lange in Beziehungen geblieben, die ich eigentlich hätte abbrechen sollen. Oder aus Abenteuerlust in unsinnige Beziehungen getappt. Ich wäre gerne mutiger, Menschen privat die Meinung zu sagen. Und ich habe zu viel Zeug angesammelt. Zu viele Texte, zu viele Ideen, zu viele Sachen im Haus.

Es gibt da ganz tolle Aufräumbücher …

Ja, die habe ich natürlich auch alle gesammelt.