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So fit wie heute waren Senioren noch nie. Die ­­Erfolgsgeschichte einer lebensfrohen Generation

von Raphaela Birkelbach , 03.07.2018
Seniorin

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das knallblaue Outfit heute habe sie nicht nur wegen der Fotoaufnahmen für den Senioren Ratgeber ausgesucht, betont Gudrun Ellenberg aus Wolfsburg. "Modische Hingucker waren immer mein Ding", erzählt die ehemalige Kosmetikerin. "Heute mit 74 Jahren liebe ich sie erst recht." Der augenzwinkernde Blick aufs Leben, findet Ellenberg, "hält mich jung".

Leuchtende Farben statt Rentnerbeige. Fit statt gebrechlich. Mobil statt passiv.Von wegen biederes Seniorendasein: Auch Menschen wie Gerda Wünsch- Hartwig und Günther Krabbenhöft streifen dieses Image immer mehr ab. Altersforscher sind verblüfft. Die heutige Generation 65 plus sei einmalig, gratuliert Professorin Adelheid Kuhlmey vom Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaften an der Berliner Charité: "Noch nie sind so viele Senioren so alt geworden wie heute." So haben derzeit 70-Jährige im Schnitt noch rund 15 Jahre zu leben, rund 17 000 Deutsche sind 100 oder noch älter.

Generation Grau trumpft nicht nur mit einem Zugewinn an Lebenszeit. "Das Alter hat sich gleichzeitig verjüngt", ergänzt Forscherin Kuhlmey. In die Jahre Gekommene fühlen sich laut eigenen Aussagen deutlich jünger, als sie tatsächlich sind – und wirken auch so. "Das wird einem vor allem bewusst, wenn man auf alten Fotos Menschen sieht, die damals 70 waren. Sie sehen aus wie heute 90-Jährige", findet die Soziologin aus Berlin.

Wie wir altern, liegt auch an den Genen - aber nicht nur

Ist das aber mehr Schein als Sein? Übertünchen Faltencremes und moderner Dress lediglich das wahre Geburtsdatum? Nein, entgegnet Kuhlmey, „ein heute 70-Jähriger ist in seiner Leistung etwa so fit wie ein 65-Jähriger vor 30 Jahren“. Statt im Ruhestand kürzerzutreten, legen viele der Junggebliebenen noch einmal los. Sie zeigen sich wissbegierig, buchen Aktivurlaube, schnüren Sportschuhe fürs Walken, gründen Senioren-WGs oder engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Auch die Zahl älterer Semester an der Uni steigt. Selbst die letzte Bastion der Jugend erobern die Unternehmungslustigen: 70 Prozent der über 65-Jährigen nutzen das Internet jeden Tag oder fast täglich – bald sind es alle, so die Prognose.

Sportliche Seniorin

Wer heute in die Jahre kommt, schreibt mit an einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte. Auf guten Genen allein, wie häufig vermutet, fuße sie nicht, sagt Professor Jürgen Bauer von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). „Erbanlagen beeinflussen unser Altern nur zum Teil.“

Für die Fitness von Senioren sind vor allem äußere Einflüsse bedeutsam, „etwa der rasante medizinische Fortschritt“, erklärt der Altersforscher aus Heidelberg. Ob innovative Operationsverfahren, passgenaue Blutdruckmittel oder detaillierte Kernspinbilder: Die Chancen für Schwerverletzte, Schlaganfallkranke oder Krebspatienten, wieder gut auf die Beine zu kommen, stehen besser denn je.

Nicht nur mehr Know-how von Medizinern und Pharmazeuten zahlt sich aus. Auch das seit Mitte des vorherigen Jahrhunderts verstärkte Bemühen, Menschen zu einem gesunden Lebensstil zu animieren, zeige Wirkung, freut sich DGG-Experte Bauer: "Ab 40 stellt der Mensch die Weichen, wie es ihm später im Alter ergeht." Hält 70 plus vergleichsweise gut mit, haben die Betreffenden in der Regel jahrzehntelang in ihre Gesundheit investiert, viel Gemüse gegessen, häufig Sport getrieben, auf ausreichend Schlaf geachtet – Schnaps und Zigaretten hingegen gemieden. Der Lohn dafür seien geschenkte Jahre, erklärt Bauer. "Die Phase zunehmender Gebrechlichkeit verschiebt sich immer weiter nach hinten."

Altern beginnt im Kopf

Ein nie dagewesener Kick für die Menschen, die Experten gerne als „junge Alte“, „Best-Ager“ oder „Silver Surfer“ umschreiben. „Sie haben so gar nichts mehr mit den Senio­ren der 1970er-Jahre zu tun“, vergleicht Professor Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg. Steht die Geburt einer Enkelin oder die Goldene Hochzeit an, zählen sie sich nicht automatisch zum alten Eisen, erklärt der Psychogeron­tologe und Buchautor. Statt zu hadern, verkündet die Seniorengeneration frohgemut: „Ich bin so alt, wie ich mich fühle!“ Nämlich jung. 

Wer so denkt, fühlt sich wohl in seiner Haut und handelt entsprechend. „Altern beginnt im Kopf“, betont der Heidelberger Forscher. Auch Studien untermauern, dass die eigene positive Einstellung das Älterwerden erheblich wuppt. Wer sich den Umbruch von jung zu alt zutraut, meistert ihn meist besser als Verzagte. Mehr noch: Optimistisch Eingestellte sind länger gesund. „So jemand lebt auch länger“, sagt Wahl.

Sprechstunde

Positives Denken und innerer Ansporn als Jungbrunnen! Doch der Psychogerontologe wünscht sich manchmal mehr Mumm von 60 plus. Viele von ihnen übernehmen unbewusst Altersklischees, beobachtet er. "Bekommt eine ältere Dame vom Arzt zu hören, dass sie mit 71 nicht mehr so springen könne wie mit 21, tritt sie ängstlicher auf und nutzt nicht alle ihre Möglichkeiten." Wer Alter mit Abbau gleichsetze, bremse sich selber aus, warnt Wahl: "Seien Sie auf der Hut vor solchen negativen Bildern." Oder drehen Sie einfach mal den Spieß um, und sagen Sie: "Ich bin alt und stolz darauf, wie ich das alles schaffe!" Solche Gedankenspiele gehen dem Wissenschaftler aus Süddeutschland öfter durch den Kopf. "Vielleicht fürchten sich künftige Generationen dann nicht mehr vorm Älterwerden, weil das Altersbild so positiv ist."

Zugegeben, das Alter hat seine Tücken. Krankheiten,kleine und größere Handicaps nehmen zu. Doch all das meistern Senio­ren häufig mit Bravour und passen sich den Gegebenheiten an. Sie gärtnern im Hochbeet, tauschen die Italienreise gegen eine Kur in Bad Kissingen oder stellen einen Hocker in die Dusche. Ihrer Zufriedenheit tut das keinen Abbruch, beweisen Umfragen. Im Gegenteil. Die allermeisten Senioren fühlen sich genauso zufrieden wie gesunde Erwachsene jungen und mittleren Alters. Schon erstaunlich, horchen Fachleute auf. Woraus schöpfen selbst Hundertjährige ihren Lebensmut? Was steht in der Gebrauchsanleitung für erfolgreiches Altern?

Professorin Adelheid Kuhl­mey von der Charité in Berlin ist auf der Suche nach Antworten. Nur die eine gibt es nicht, ist der Soziologin wichtig. "Dazu sind Senioren viel zu unterschiedlich, jeder findet seinen individuellen Weg." Doch wer ihre Biografien durchforstet, stößt auf gewisse Muster. Zufrieden mit seinem Leben ist nicht nur der, der gesundheitlich einigermaßen gut klarkommt. "So jemand ist meist auch neugierig, lebt am Puls der Zeit und pflegt soziale Kontakte", weiß Soziologin Kuhlmey aus wissenschaftlichen Befragungen. An seinem Lebensabend Pläne zu schmieden, zählt ebenso als Glücksfaktor. "Sich noch gebraucht zu fühlen, ist ein guter Motor."

 

 

Unbewusst oder willentlich setzen Menschen an vielen Hebeln an, um gut durchs Alter zu kommen, registriert auch Geriater Jürgen Bauer. Doch irgendwann gelinge das immer weniger, räumt er ein. Vermehrt macht das Herz zu schaffen, die Luftnot drückt, der Blutzucker entgleist, oder das Augenlicht schwindet. "Das Leben ist endlich, seine allerletzte Phase bleibt immer eine große Anstrengung", macht sich der Altersmediziner nichts vor. "Je älter Menschen werden, umso weniger gelingt ihnen gutes Altern."

Trotzdem macht er Mut. Haben sich Hochbetagte früher mit ihren schwindenden Kräften abgefunden, stemmen sich heute immer mehr dagegen, erlebt er. Um selbstständig zu bleiben, wuchten 87-Jährige Hanteln oder mühen sich im Rudergerät. "Gezieltes Krafttraining, aber auch hochwertige eiweißreiche Kost beugt dem altersbedingten Muskelabbau vor, der in die Pflegebedürftigkeit führen kann", erklärt Bauer. Eine von vielen Erkenntnissen der noch recht jungen Geriatrie, die dem Alter seinen Schrecken nimmt. In vielen Köpfen spukt das Gespenst Vergesslichkeit, weiß der Heidelberger Mediziner aus vielen Gesprächen. Hochaltrigkeit bedeute aber nicht automatisch, tüdelig zu werden, hält er dagegen. Ob mit kniffligen Rätseln oder Sport, "wir wissen immer besser vorzubeugen". Aktuelle Studien lassen vorsichtig hoffen, dass künftig weniger Menschen an Demenz erkranken – "dank verbesserter Therapien von Bluthochdruck, Schlaganfall oder Diabetes".

Hanteln stemmende Senioren

Menschen könnten bis zu 120 Jahre alt werden, schätzen Forscher

Das Know-how für ein gutes langes Leben wächst. „Die Menschen fordern es auch verstärkt ein“, freut sich die Apothekerin Margit Schlenk aus Nürnberg. Sie informiert rund um Einnahmeregeln und unerwünsch­­te Wirkungen von Arzneien. Auch ihr Wissen als Ernährungsberaterin und Präventionsmanagerin ist gefragt. „Patienten haben oft keinen Zugang zu Informationen. Wir als Heilberufler können wertvolle Tipps zum guten Altern geben – ohne Arzttermin.“ Ob empfehlenswerte Impfungen, gesunde Ernährung, Osteoporosevorbeugung oder Bewegung bei Diabetes: „Verstehen Patienten Zusammenhänge besser, sind sie eher bereit, schädliches Verhalten zu ändern.“ Und oft ist das einfacher als gedacht, betont Margit Schlenk. 

Vielleicht schenkt der Fortschritt vielen von uns weitere gute Zeit. Laut Wissenschaftlern ist Luft nach oben. Sie schätzen, dass Menschen bis zu 120 Jahre alt werden können. Da passiert noch einiges. Willkommen im Club.

Was hält Sie jung? Egal ob Gewichte-Stemmen, Tango-Tanzen oder das Youtube-Video mit den Enkeln: Erzählen Sie uns davon! Wir freuen uns auf Ihre Fotos und Gedanken unter SR@wortundbildverlag.de


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