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Lebensqualität bei Menschen mit Demenz

Warum Angehörige sich oft darin täuschen, wie es Menschen mit Demenz geht – und was wir daraus lernen können. Ein Gespräch mit Psychiater Prof. Robert Perneczky.

von Kai Klindt, 12.04.2021

Herr Professor Perneczky, Sie erforschen die Lebensqualität von Menschen mit Demenz. Worum geht es Ihnen dabei?

Wichtig ist mir, den Gedanken auszutreiben, dass demenzkranke Menschen immer ein schlechtes Leben haben. Man stellt sich vor, wenn jemand Demenz hat, ist alles dahin. Aber die Einschätzung der Betroffenen selbst über ihre Lebensqualität ist meistens gar nicht so schlecht, wie man meinen würde.

Die Angehörigen schätzen die Lebensqualität der Patienten meist schlechter ein, haben Sie herausgefunden. Woran liegt das?

Dem Betroffenen geht es eher darum, wie stark er im Alltag beeinträchtigt ist. Wenn er spürt, ich kann im Alltag nichts mehr machen, ist seine Lebensqualität schlechter. Wie vergesslich er ist, spielt dabei keine so große Rolle. Die Einschätzung der Angehörigen hängt dagegen sehr davon ab, wie belastet sie durch die Pflege sind.

Prof. Robert Perneczky, München

Wer eng mit dem Patienten zusammenlebt, schätzt dessen Lebensqualität beispielsweise niedriger ein als Kinder, die nur ab und an da sind. Man meint: Mir geht es schlecht – dann wird es dem demenzkranken Angehörigen wohl auch schlecht gehen.

Aber das ist ein Trugschluss.    

Genau! Wobei man sagen muss: Beide Einschätzungen hängen schon zusammen. Wenn der Angehörige meint, es gehe dem Kranken schlecht, wird dessen Lebensqualität nicht wirklich gut sein. Nur schätzt der Patient sie generell deutlich höher ein.

Was fördert die Lebensqualität von Menschen mit Demenz?   

Das Umfeld sollte demenzgerecht sein, sodass der Patient zurechtkommt. Also zum Beispiel ein regelmäßiger Tagesablauf, möglichst wenig Faktoren, die einen verunsichern können. Die soziale Einbindung ist sehr wichtig, der Kranke sollte sich sicher und geborgen fühlen können.

Und was ist ungünstig?  

Erkrankungen, die noch zur Demenz dazukommen und oft übersehen werden. Zum Beispiel ein schlecht eingestellter Blutzucker. Oder eine Depression, die ganz häufig mit einer Demenz einhergeht. Sie lässt sich zwar nicht so gut behandeln wie bei jemandem ohne Demenz – aber sie lässt sich behandeln! Und das hat großen Einfluss auf die Lebensqualität.

Zu Hause oder im Heim – wo ist die Lebensqualität höher?

Dazu ist mir keine Studie bekannt. Ich denke, es ist sehr individuell. Entscheidend ist die häusliche Situation und wie es um die Beziehung zwischen den Angehörigen und dem Patienten steht.

Worauf sollten Pflegende achten?

Sie sollten unbedingt auch auf ihre eigene körperliche und psychische Gesundheit achten. Viele meinen, alles selbst machen zu müssen, und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie zum Beispiel einen Pflegedienst beauftragen. Ja, ich weiß, das sagt sich leicht. Aber wenn Angehörige für sich sorgen, kommt das auch dem Kranken zugute.