Alltag meistern

Aktivieren: Mehr Selbstständigkeit für Pflegebedürftige

Aktivierende Pflege nennt sich ein spezielles Konzept, bei dem der Pflegebedürftige kleine alltägliche Dinge selbst macht. Das kostet zwar Zeit, lohnt sich aber für alle Beteiligten

Für Millionen pflegebedürftiger Menschen in Deutschland ist jeder einzelne Handgriff ein Kraftakt: die Bluse zuknöpfen, eine Suppe löffeln oder eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht streichen. Täglich erleben sie, wie mutlos Gebrechlichkeit machen kann. Umso wichtiger ist es, sie anzuspornen, findet Marlies Beckmann, Professorin für klinische Pflege und Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Frankfurt. "Wir müssen vorhandene Fähigkeiten erhalten und fördern."  

Aktivierende Pflege: Hilfe zur Selbsthilfe

Fachleute nennen das "aktivierende Pflege". Ein Beispiel aus der Körperpflege: "Wenn ich nur den Ellenbogen stütze oder die Hand führe, kann der Kranke selbst mit dem Waschlappen durch sein Gesicht fahren", so Medizin-Pädagogin Beckmann. Solche vertrauten Handgriffe, die anfangs ungelenk wirken mögen, sitzen rasch wieder – und fördern die Geschicklichkeit, weil das Gehirn neue Impulse erhält. 

Aktivierende Pflege kann auch bedeuten, einem Gelenkkranken vor dem Aufstehen seine Schmerzmittel zu geben, damit er ohne viel Hilfe aus dem Bett kommt. Oder Möbel so zu platzieren, dass ein kurzatmiger Patient beim Gang durch die Wohnung ausruhen kann und sie Tritt-unsicheren eine Stütze bieten. Wenn die Kraft in den Händen nachlässt, kommen viele mit einem verdickten Griff von Gabel und Haarbürste besser klar. Beim Rasierer und bei der Zahnbürste "tut man sich mit einer elektrischen Ausführung leichter", schlägt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) vor.

Anke Gersmann
Meine Erfahrung

"Es ist wichtig, die Person möglichst viel selbst machen zu lassen. Meine Mutter ist Diabetikerin – ich richte ihr zum Beispiel den Insulinpen her, spritzen tut sie aber selbst."

Anke Gersmann, pflegt ihre Mutter
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Pflegebedürftigen nicht alle Aufgaben abnehmen

Bei einem Demenzkranken sollte lieber alles beim Alten bleiben: "Hält er eine herkömmliche Zahnbürste in der Hand, erinnert er sich eher an Abläufe von früher", sagt Knüppel. Das gilt auch für Jacke und Hose: Werden sie in der richtigen Reihenfolge auf den Stuhl gelegt, fällt es einem unsicheren Menschen leichter, sich anzukleiden.

Danebenzustehen ist oft besser, als anzupacken. Doch Angehörige nehmen Kranken gern alle Aufgaben ab. Ungefragt wischen sie ihnen den Mund ab, kämmen ihnen die Haare oder richten die Mahlzeiten. Weil es schneller geht, argumentieren sie – und liegen damit auf den ersten Blick nicht falsch. "Aktivierende Pflege benötigt mehr Zeit", bestätigt die Expertin vom DBfK. "Doch wer glaubt, schneller fertig zu sein, wenn er selbst zum Waschlappen greift, irrt. Dadurch verlernt der Kranke vieles, wird hilfloser, und die Pflege dauert dann am Ende länger."

Patienten einbeziehen

Doch was, wenn sich der parkinsonkranke Partner an der Tasse Kaffee verbrüht? Ist die schmerzgeplagte Mutter überfordert, wenn sie aufstehen soll? "Fragen Sie, falls möglich, den Betreffenden selbst", rät Pflegedienstleiterin Heike Reuter aus Bielefeld allen, die aus lauter Sorge lieber nichts anstoßen. Die Krankenschwester leitet einen ambulanten Pflegedienst, und sie erkundigt sich anfangs bei jedem neuen Patienten: Wie hilfsbedürftig sieht er sich selbst? Was würde er gerne künftig tun? "Diese Selbstdarstellung dokumentieren wir."

Körperliche Nähe zulassen

Fachleute haben gut im Blick, ob Wunsch und Realität zusammenpassen. "Keiner erwartet von Angehörigen, dass sie gleich alles richtig machen", betont Marlies Beckmann aus Frankfurt. Unterstützung erhalten Interessierte in speziellen Kursen. Eine andere gute Schule: Pflegekräften, die ins Haus kommen, über die Schulter schauen. "Angehörige sollten darauf achten, dass der ambulante Dienst tatsächlich aktivierend pflegt", rät Beckmann. Fragt der Mitarbeiter, was der Kranke selbst noch kann, und lässt er ihm Zeit, darauf zu antworten? Wichtig ist auch, wie er den Angehörigen berührt. "Er sollte nah bei ihm sein", betont die Frankfurter Pflegewissenschaftlerin.

"Körperlichkeit ist ganz wichtig." Auch viele Angehörige lassen körperliche Nähe nicht zu, erlebt die hessische Professorin. "Aber sie ist das Wichtigste, um mit dem anderen in Bewegung zu kommen."

Der Patient gibt das Tempo vor   

Klare, eindeutige Ansagen helfen oft aus der scheinbaren Sackgasse Krankheit. Ob Haarekämmen oder Waschen des Rückens: "Beschreiben Sie laut, was sie gerade machen", empfiehlt Krankenpflegerin Oberhuber. Das Tempo gibt der Patient vor. Fordern, nicht überfordern, ist die Devise. "Es hängt immer von der Tagesform ab, ob ich aktivierend pflegen kann", erklärt die Pflegerin. Schon bei leichten abwehrenden Bewegungen ihrer Patientin weiß sie: Heute geht nichts.

Vielleicht klappt morgen mehr. Jeder Patient reagiert anders auf Ansprache, wägt Heike Reuter aus Bielefeld ab. Macht ein Patient dicht, lässt sie ihn auch mal allein werkeln und zum Beispiel in aller Ruhe allein sein Hemd zuknöpfen. "Wenn jemand ständig neben mir stehen und sagen würde,  was ich zu tun habe, wäre ich auch genervt", fühlt die Krankenschwester mit. Stößt sie mit aktivierender Pflege an ihre Grenzen, bindet sie mitunter Außenstehende ein. Vielleicht schaffen es ja Enkel Max oder Pudel Otto, eine aufmunternde Atmosphäre zu verbreiten.

Wünsche des Patienten akzeptieren

Springt der Funke nicht über, sollten Pflegende innehalten. "Weigert sich jemand strikt mitzumachen, muss  ich das tolerieren. Ich darf mein Wohlgefühl nicht auf andere herunterbrechen", fordert Heike Reuter.

Text: Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 05.07.2020
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