Pflege verändern

Alexa in der Pflege?

Andre Hellwig untersucht am Fraunhofer-Institut in Dortmund, was Senioren von der Technologie halten.

Herr Hellwig, Sprachassistenten und Senioren - passt das zusammen? 

Ich denke, ja! Wir haben ältere, pflegebedürftige Menschen gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, Sprachassistenten zu nutzen. Einige unserer Teilnehmer haben gesagt, sie würden damit gern Nachrichten abrufen, den Wetterbericht hören oder sich an Arzttermine erinnern lassen. Sprachassistenten können auch Dinge in eine andere Sprache übersetzen. Manche Teilnehmer finden, dass das gerade bei ausländischen Pflegekräften praktisch wäre: Die sprechen ja nicht immer gutes Deutsch - und mit einem Sprachassistenten könnte man sich besser verständigen.

Gab‘s auch Bedenken?

Manche hatten Angst, dass die Technologie zwischenmenschliche Kontakte ersetzt. Dass Angehörige einen dann nicht mehr besuchen kommen, weil sich ja ein Sprachassistent um einen kümmert.

Kann die Technik denn zwischenmenschliche Beziehungen ersetzen?

Nein. Unsere Teilnehmer haben gesagt, sie würden sich schon mal einen Witz von dem Gerät erzählen lassen - aber sie würden dem jetzt nicht ihre Geschichte erzählen. Das Ding spricht einen ja auch nicht direkt an, so wie ein Mensch es tun würde.

Andre Hellwig
Meine Erfahrung

Wir hatten eine 93-jährige Patientin, die hört sehr gerne klassische Musik. Jetzt nutzt sie Alexa. Es fällt ihr viel einfacher, Stopp zu sagen, als einen Stoppknopf zu drücken. Ihren CD-Player verwendet sie deshalb gar nicht mehr.

André Hellwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut in Dortmund

Was macht es schwierig, Sprachassistenten in der Pflege zu nutzen? 

Man muss natürlich verstehen, wie man die Geräte bedient. Bei Alexa muss man am Anfang "Alexa" sagen, sonst reagiert das Gerät gar nicht. Man kann Sprachassistenten Dinge fragen - aber es kann auch mal sein, dass das Gerät sagt: "Ich weiß es nicht". Ältere Leute wissen dann oft nicht, wie sie damit umgehen sollen. Auch die Wohnung kann ein Problem sein: Wenn das Gerät im Nebenzimmer steht, muss man schon extrem laut und deutlich sprechen, damit das klappt. 

In welchen Fällen ergibt ein Sprachassistent keinen Sinn?

Vielen Schlaganfallpatienten ist es nicht möglich, Sprachassistenten zu nutzen - weil sie oft nicht mehr gut sprechen können. Und Patienten mit Schizophrenie und Paranoia hören ohnehin schon Stimmen im Kopf. Da braucht man nicht auch noch eine digitale Stimme hinzufügen.

Was ist mit Demenzpatienten? Ist die Bedienung für sie überhaupt machbar?

Es kommt auf vieles an: auf den Grad der Demenz, wie viel Bezug zur Technik jemand hat. Wir hatten eine 93-jährige Patientin, die hört sehr gerne klassische Musik. Jetzt nutzt sie Alexa. Es fällt ihr viel einfacher, Stopp zu sagen, als einen Stoppknopf zu drücken. Ihren CD-Player verwendet sie deshalb gar nicht mehr.

Wie sieht es mit Pflegekräften aus, würden die die Technologie akzeptieren?

Bei den Pflegekräften, mit denen wir gesprochen haben, kam die Vorstellung gut an. Sie wünschen sich, ihre Arbeit damit zu dokumentieren. Dass man also aufnimmt: Das wurde gemacht, darauf legt der Senior Wert. Das kann hilfreich sein für die nächste Pflegekraft, die sich das z.B. im Auto auf dem Weg zur Arbeit anhören könnte. Die freuen sich über jedes Stück Technik, das ihr Leben leichter macht.

Alexa und andere Sprachassistenten hören ständig mit. Sie sammeln also die Daten derer, die sie nutzen...

Ja, die landen dann auf einem Server in Amerika. Aber bisher gibt es noch keine Lösung, bei der die Daten in Deutschland bleiben. Wollen wir, dass Daten über uns gesammelt werden? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber ich denke, man sollte auch nicht zu viel Technologieangst haben. Wenn eine bettlägrige Patientin den Thermostat oder das Licht mit ihrem Sprachassistenten steuert, kann das ein großer Vorteil im Alltag sein.

Sehen Sie Sprachassistenten als Zukunft der Pflege?

Ja, da geht noch viel! Das System könnte etwa mit der Wohnung vernetzt sein. Wenn die Rollläden mittags immer noch runtergefahren sind, könnte es fragen: Was ist los mit dir? Man könnte auch Prozesse zu den Emotionen automatisieren. Als Senior ist man vielleicht nicht immer ehrlich zu den Familienmitgliedern und denkt sich: Heute geht es mir schlecht, aber ich will damit niemanden belasten. Eine automatische Sprachanalyse könnte erfassen, wie es einem wirklich geht.

Frau Kummert
Meine Erfahrung

Alexa ist ein Hilfsmittel für Menschen, die selbst keinen Fernseher lauter oder leiser stellen können, die nicht selbst telefonieren, Radio hören, Licht ein und ausschalten können - also bettlägerige oder körperlich behinderte Menschen. Meine Freundin Inge lebt im Pflegeheim. Für sie ist Alexa ein unverzichtbares Hilfsmittel, das ihr dabei hilft, selbstständig zu sein.

Rita Kummert, besucht ihre MS-kranke Freundin fast täglich im Pflegeheim
Text: Elsbeth Bräuer, 29.04.2019
Lesen Sie auch:
nach oben