Alltag meistern

Corona und Pflege: Was Angehörige wissen sollten

Pflegende Angehörige stellt die Coronakrise oft vor große Schwierigkeiten. Das kann bei der Pflege zuhause helfen.

Auf einen Blick: Neue Regelungen für die Pflege zuhause*

  • Keine Hausbesuche des Medizinischen Dienstes und keine verpflichtenden Beratungseinsätze zuhause
*befristet in der Corona-Pandemie

Gibt es jetzt mehr Geld für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch?

Ja, es können statt 40 Euro jetzt 60 Euro im Monat für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch abgerechnet werden. Das sind zum Beispiel Mundschutz, Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel für die Hände.

In letzter Zeit sind die Preise für einige Hilfsmittel rasant gestiegen: Deshalb bekommen pflegebedürftige Menschen auch mit dem größeren Budget jetzt nicht unbedingt mehr Produkte als vorher – das ist abhängig davon, welche Hilfsmittel Sie brauchen.

Sprechen Sie am besten Ihre Pflegekasse darauf an. Die neue Regelung gilt rückwirkend zum 1. April (Sie können z.B. Kaufbelege aus dem April einreichen), aber nur für die Zeit der Corona-Pandemie. Zur rechtlichen Grundlage hier entlang.

Experte Christian Pälmke
Meine Erfahrung

"Wir hören immer wieder, dass Pflegekassen die neue Verordnung zu Pflegehilfsmitteln nicht kennen. Verweisen Sie unbedingt auf die rechtliche Grundlage und sagen Sie der Kasse: Informieren Sie sich intern und geben Sie mir rasch Bescheid, wie ich das nutzen kann. Lassen Sie nicht durchgehen, dass das ungeklärt bleibt!"

Christian Pälmke, Pflege-Experte beim Verein "Wir pflegen"

Unser Pflegedienst kommt nicht mehr. Was jetzt?

Der Pflegedienst hat abgesagt, andere Dienste haben keine Zeit und Sie als Angehöriger können nicht einspringen? Für diese Fälle gibt es jetzt eine neue Regelung, wie der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen schreibt – zumindest übergangsweise. Wenn der Pflegedienst nicht kommen kann, kann man ausnahmsweise private Hilfe organisieren und über die Sachleistungen abrechnen. So kann ein einspringender Nachbar etwa Geld bekommen, das sonst für den Pflegedienst gedacht ist. Das soll bei Engpässen in der Versorgung daheim helfen. Fragen Sie bei Ihrer Kasse nach: Diese hilft Ihnen auch bei der Suche nach Alternativen, wie z.B. einem Mitarbeiter einer Tagespflegeeinrichtung.

Ich möchte für meine Mutter einen Pflegegrad neu beantragen – oder sie höher einstufen lassen. Geht das noch?

Ja, das ist weiterhin möglich. Der Medizinische Dienst führt aber derzeit keine Hausbesuche durch, um unnötigen Kontakt zu vermeiden. Bis September finden die Begutachtungen telefonisch statt oder nach Aktenlage. Manche Pflegeberater sehen das kritisch, da sich so vieles schlechter einschätzen und auch die Wohnsituation schlechter in Augenschein nehmen lässt. Andererseits ist die Regelung zum Schutz der Pflegebedürftigen gedacht, die Gutachter nehmen sich am Telefon gleich viel Zeit wie im persönlichen Gespräch und gehen ihre Fragenkataloge gründlich durch. Wenn der Pflegegrad in Ihren Augen zu niedrig angesetzt ist, können Sie in Widerspruch gehen.

Finden die verpflichtenden Beratungseinsätze weiter statt?

Normalerweise sind ab Pflegegrad 2 bestimmte Beratungstermine Pflicht, wenn man ohne Pflegedienst pflegt. Sonst wird das Pflegegeld gekürzt oder gestrichen. Diese Besuche sind vorerst ausgesetzt. Natürlich können Sie auf Wunsch weiterhin Beratung bekommen – etwa telefonisch oder im Video-Telefonat. Eine Beratungsstelle in Ihrem Umkreis finden Sie hier.

Wie ist das mit dem Entlastungsbetrag?

Um den Entlastungsbetrag von 125 Euro zu verwenden, muss man normalerweise mit  anerkannten Anbietern oder Privatpersonen mit Zusatzausbildung abrechnen. In der Corona-Zeit wird das in manchen Bundesländern flexibler gehandhabt. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel darf man jetzt auch mit Nachbarschaftshelfern abrechnen, die diese Qualifikation nicht haben. Auch diese Regelung ist befristet. Wie das in Ihrem Bundesland geregelt ist, fragen Sie am besten eine Pflege-Beratungsstelle – hier finden Sie eine in Ihrer Nähe.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sind sinnvoll, wenn ich mich zuhause um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmere?

Für pflegebedürftige Menschen ist eine Infektion mit dem neuen Corona-Virus besonders gefährlich. Ihr Immunsystem ist meist weniger schlagkräftig als die Abwehr junger Menschen, auch leiden viele Pflegebedürftige unter chronischen Erkrankungen. Bitte tragen Sie bei der Pflege Ihres Angehörigen daher einen Mundschutz. Es muss kein spezieller Infektionsschutzfilter sein – hier geht es vor allem darum, Ihren Angehörigen zu schützen. Vor der Pflege gründlich die Hände mit Seife waschen – mindestens 30 Sekunden lang.

Wiebke Worm
Meine Erfahrung

Ändert sich für mich persönlich viel? Nein! Ich komme seit vielen Jahren kaum noch raus. Hygiene wird bei uns schon immer groß geschrieben, dazu gehört auch das Händewaschen. Mein soziales Umfeld habe ich zum Großteil am PC, und Großveranstaltungen kenne ich nur noch aus Erinnerungen. Ändere ich trotzdem etwas? Ja, natürlich. Arztbesuche, die nicht lebensnotwendig sind, werden gecancelt. Die wenigen, die uns noch besuchen, MÜSSEN sich jetzt die Hände waschen, bevor sie zu meinem Mann dürfen. Ich umarme nicht mehr unbedarft. Ich überlege mir zweimal, was notwendig ist, aber letzten Endes ist bei uns eh schon alles reduziert, sodass es keine gravierenden Änderungen sind.

Wiebke Worm, pflegt ihren Mann
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Ich habe Erkältungsbeschwerden und fürchte, meinen kranken Angehörigen anzustecken. Wie kann ich das verhindern?

Übertragen Sie die Pflege nach Möglichkeit einer anderen Person, etwa einem gesunden Familienmitglied oder einem Pflegedienst. (Dessen Einsatz können Sie aus dem Topf der Verhinderungspflege finanzieren, sofern Ihr pflegebedürftiger Angehöriger einen Pflegegrad hat.)

Jeden Morgen kommt bei uns der Pflegedienst ins Haus, um meinen Angehörigen zu waschen. Wie sicher kann ich sein, dass die Mitarbeiter das Covid-19-Virus nicht einschleppen?

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Allerdings werden nun zunehmend auch Pflegekräfte ohne Symptome zur Sicherheit auf eine Corona-Infektion getestet. Und die Mitarbeiter des Pflegedienstes sind angehalten, sich vor jedem Einsatz die Hände zu desinfizieren und in der Regel auch Mundschutz und Handschuhe zu tragen. Die Pflegekraft ist offensichtlich erkältet? In diesem Fall rät der Krefelder Altersmediziner und Infektionsexperte Dr. Andreas Leischker, den Pflegedienst aufzufordern, einen anderen Mitarbeiter zu schicken.

Ich bekomme kein Händedesinfektionsmittel. Kann ich mir das Mittel auch selbst mischen?

Bitte nicht! Wer Desinfektionsmittel selbst zusammenrührt, riskiert nicht nur, dass es nicht wirkt. Zu groß ist die Gefahr, dass die Lösung die Haut reizt und sie rissig macht – und Sie sich am Ende nicht mal die Hände waschen können. Ohnehin ist ein Händedesinfektionsmittel zum Schutz nicht erkrankter Menschen vor dem Corona-Virus unnötig, weiß Leischker: Die wichtigsten und wirksamsten Maßnahmen sind gründliches Händewaschen, das Einhalten der Husten- und Niesetikette, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in kritischen Bereichen, der Gebrauch von Einmalhandtüchern, die sofort danach entsorgt werden, und das Vermeiden von Berührungen im Gesicht, insbesondere von Augen, Mund und Nase.

Mein Angehöriger lebt in einem Pflegeheim. Wie kann ich Kontakt zu ihm halten?

Aktuell zeichnet sich eine Lockerung der seit Wochen andauernden Besuchssperre in den Heimen ab. Sollte ein Besuch noch nicht möglich sein, halten Sie den Kontakt auf anderen Wegen aufrecht – etwa über Briefe und Postkarten, regelmäßige Telefonate oder Videotelefonie. "Vielleicht können die Jüngsten ein selbst gemaltes Bild schicken, oder man sendet Fotos aus dem Garten, wo Tulpen und Narzissen blühen", sagt die Sozialforscherin Prof. Annette Franke von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.
Mehr Informationen zu den aktuellen Besuchsregeln nach Bundesland hat die BIVA hier zusammengefasst.

Was ist jetzt mit der Physiotherapie?

Mitte März haben die gesetzlichen Krankenversicherungen den Weg frei gemacht, wenig später haben die privaten Kassen nachgezogen: Physiotherapie kann jetzt auch am Bildschirm stattfinden! "Die ersten Rückmeldungen zeigen, dass das gut funktioniert", sagt Ute Merz vom Deutschen Verband für Physiotherapie. "Vor allem bei laufenden Behandlungen." Krankengymnastische Übungen, Atemtherapie – alle Maßnahmen, bei denen der Therapeut nicht unbedingt Hand anlegen muss, sind per Videotherapie auf dem Handy, Tablet oder am PC möglich. Als Sonder-Kassenleistung für die Zeit der Corona-Pandemie ist die Videotherapie bis Ende Mai 2020 befristet. Auch Ergo- und Sprachtherapie können vorläufig online erfolgen – Ernährungstherapie sogar telefonisch. Allerdings bleibt es jeder Praxis überlassen, ob sie die Videotherapie anbietet. Am besten fragt man telefonisch an. Mehr erfahren Sie hier

Text: Kai Klindt, Elsbeth Bräuer, aktualisiert am 15.05.2020
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