Erste Schritte

Denkanstöße: Will ich pflegen?

Wer sich um einen Angehörigen kümmert, nimmt große Verantwortung auf sich. Will ich das? Sieben Fragen

1. Warum will ich pflegen?

Aus Liebe?
Aus Verantwortungsgefühl?
Weil ich es versprochen habe?
Weil es für mich emotional keine Alternative gibt?
Weil ich das Gefühl habe, etwas zurückgeben zu müssen?
Weil meine Geschwister es nicht tun?
Weil ich damit Anerkennung bekommen möchte, die ich lange nicht bekommen habe?
Weil wir uns ein Pflegeheim nicht leisten können?
Weil ich Angst habe, dass meine Mutter dort vernachlässigt wird?

Waltraud LeBrun
Meine Erfahrung

Ihr müsst den Angehörigen, den ihr pflegt, lieben. Das ist das Um und Auf, sonst kann man das nicht machen.

Waltraud LeBrun pflegt ihren demenzkranken Mann nach einem Narkose-Zwischenfall.
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Lassen Sie sich durch niemanden unter Druck setzen und nehmen Sie sich Zeit. Es ist Ihre Entscheidung. Es gibt nicht den einen richtigen Grund, zu pflegen. Und es ist in Ordnung, wenn Sie sich nicht vorstellen können, Ihren Angehörigen zu pflegen. Sie können trotzdem immer für ihn da sein, nur eben anders. Die Angst vor dem Heim ist bei vielen stark verwurzelt. Auch wenn es berechtigte Kritik gibt: Viele Einrichtungen sind gut und auch die finanzielle Belastung ist nicht so hoch, wie manche meinen. Wenn ein Heim für Sie beide nicht in Frage kommt: Sie haben mehr als nur die Wahl zwischen Pflege zuhause und Pflege im Heim. Es gibt viele Zwischenstufen - von Haushaltshilfen über Tagespflege bis hin zu betreutem Wohnen.

2. Will mein Angehöriger, dass ich ihn pflege?

Tut er sich leicht damit, Hilfe zuzulassen?
In welcher Form möchte er Hilfe von mir?

Auch wenn die meisten von uns davon ausgehen: Nicht jeder möchte von seiner Familie gepflegt werden. Manche Menschen haben Angst davor, ihre Lieben zu belasten oder von ihnen abhängig zu werden. (Hören Sie gut hin, ob Ihr Angehöriger das auch wirklich so meint oder damit nur keinen Druck aufbauen will.) Vielleicht möchte Ihr Angehöriger auch nur bestimmte Hilfen von Ihnen und lehnt andere ab, z.B. bei der Intimpflege. Die Entscheidung liegt vor allem beim pflegebedürftigen Menschen. 

3. Wie ist mein Verhältnis zu meinem Angehörigen?

Kann ich mir vorstellen, viele Stunden mit ihm zu verbringen?
Gibt es unausgesprochene Konflikte zwischen uns?
Wie sind wir bisher mit Problemen umgegangen?

Wer pflegt, ist seinem Angehörigen sehr nah – räumlich, körperlich, emotional. Das macht den Umgang mitunter schwierig. Gerade in belastenden Situationen kommen gern alte Konflikte hoch, und Belastungen werden Sie wahrscheinlich viele erleben: wenig Schlaf, Rückenschmerzen, Streit oder Ärger über die Kasse. Was dazu kommt: Die pflegebedürftige Person ist auf Ihre Hilfe angewiesen und muss Ihnen manchmal Entscheidungen überlassen. Dadurch verschieben sich Rollen. Gerade wenn es sich um Ihre Eltern handelt, ist die Situation anfangs ungewohnt und sorgt oft für zusätzlichen Druck.

4. Habe ich genug Unterstützung?

Was schaffe ich allein?
Wobei brauche ich Hilfe von anderen?
Gibt es Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, die uns unterstützen können?
Fällt es mir leicht, um Hilfe zu bitten?

Pflege kann belasten. Gerade emotional und körperlich ist sie oft anstrengend. Dabei ist es leichter, wenn man ein großes Netzwerk hat, in dem man Aufgaben verteilen kann: Wer organisiert die Betreuung, wer kümmert sich um den Haushalt, wer übernimmt die Kommunikation mit den Kassen? Wenn Sie niemand haben, der Ihnen beistehen kann: Sprechen Sie andere Menschen darauf an. Oft ist die Hilfsbereitschaft größer, als Sie denken - gerade bei Kleinigkeiten wie: Kannst du mich zum Arzt bringen oder mir was vom Bäcker mitnehmen? Lassen Sie sich beraten: Helfen können z.B. auch Ehrenamtliche, Minijobber, Betreuungsdienste, Kirchen oder Sozialverbände.

5. Kann ich Pflege und Beruf vereinbaren?

Was sagt mein Arbeitgeber dazu, dass ich pflegen will?
Wie wichtig ist mir meine Karriere?
Kann ich nach der Pflege wieder einsteigen?

Fakt ist: Es ist schwer, Pflege und Job zu vereinbaren. Es gibt Angebote, die es leichter machen. In akuten Situationen – wenn ein Pflegefall überraschend und unerwartet eintritt – können Sie sich zehn Tage von der Arbeit freistellen lassen. Bis zu sechs Monate können Sie ganz oder teilweise eine Auszeit nehmen (Pflegezeit). Wenn die Pflege länger dauert, geht das auch bis zu zwei Jahre lang (Familienpflegezeit). Sie haben Anrecht auf ein zinsloses Darlehen. Allerdings nehmen das nur wenige Angehörige in Anspruch.

6. Was wird sich in meinem Alltag ändern?

Was ist mir wichtig im Leben, was kann und möchte ich nicht aufgeben?
Was macht die Pflege mit meinen Freundschaften und meiner Partnerschaft?
Spüre ich, wenn mir alles zu viel wird?
Kann ich auf mich achten und Nein sagen?

Simela Aslanidou
Meine Erfahrung

"Ich kann nicht" wird immer gleichgesetzt mit Egoismus. Aber es ist auch eine Form von Mut zu sagen, ich schaffe das nicht. Es ist in Ordnung, als Ehefrau zu sagen, ich liebe meinen Mann über alles, aber ich schaffe es nicht ihn zu pflegen, ohne dass wir beide kaputtgehen.

Simela Aslanidou, pflegt ihren Mann, der eine Querschnittslähmung hat

Wer pflegt, muss sich nicht selbst aufgeben. Gerade für pflegende Angehörige ist es wichtig, Hobbys und Freunde nicht zu vernachlässigen. Manchmal tut es gut, Fixpunkte zu benennen, auf die man nicht verzichten will: auf den Chor oder die Yoga-Stunde einmal pro Woche, auf den Kinobesuch mit dem Partner oder den Kaffee mit der besten Freundin. Es gibt verschiedene Budgets von der Kasse, mit denen sich solche Auszeiten organisieren lassen, während Ihr Angehöriger betreut wird. Bestehen Sie auf diesem Recht, auch wenn die Belastung (noch) gering ist - wenn Sie sich am Donnerstagabend immer frei nehmen, ist das eben so und wird auch später nicht in Frage gestellt.

7. Wie werde ich mit der Pflege zurechtkommen?

Wie ist der Verlauf der Krankheit?
Was wird die Pflege umfassen?
Bin ich körperlich und psychisch in der Lage, zu pflegen?
Bin ich bereit, viel über Pflege zu lernen?
Wo sind meine Grenzen und Hemmschwellen?

Sie müssen nicht alles selbst machen. Legen Sie fest, was für Sie in Ordnung ist – und wo Ihre Grenzen sind. Der eine hat vielleicht kein großes Problem damit, die Einlagen seines Vaters zu wechseln, der andere kann sich das gar nicht vorstellen.

Pflegesituationen können viele Jahre dauern. Wie wird das später mal?, fragen sich viele Angehörige. Bei vielen Krankheiten ist der Verlauf nicht vorherzusehen. Oft können Sie nicht sagen, was auf Sie zukommt. Sie können nur für den Moment entscheiden, jemanden zu pflegen - nicht für die Zukunft. Vielleicht merken Sie irgendwann, es wird mir zu viel, ich schaffe es nicht mehr. Vielleicht verschlimmert sich auch die Krankheit, so dass eine Betreuung zuhause nicht mehr in Frage kommt. Sie können immer wieder auf die Anfangsentscheidung zurückkommen und sie ändern.

Text: Elsbeth Bräuer, 30.04.2019
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