Erste Schritte

Die Eltern brauchen Hilfe - wie spricht man darüber?

Die Eltern werden alt und brauchen Unterstützung. Wie findet man in so einer Situation die richtigen Worte?

Der Mutter wird das Kochen plötzlich zu viel. Der Vater tut sich schwer, die Wasserflaschen aus dem Keller zu holen. Oft fällt Kindern auf, wenn ihre Eltern alt werden. Aber wie spricht man das an? "Du brauchst Hilfe – mit diesem Satz kommt man nicht weit", sagt Petra Schlitt, die als Coach Angehörige berät. Gespräche gelingen besser, wenn man wie beiläufig über das Thema spricht.

Versetzen Sie sich in Ihre Eltern

Über die eigenen Schwächen denkt niemand gern nach – auch Ihre Eltern nicht. Dazu kommt, dass man sich vom eigenen Kind ungern etwas sagen lässt. "Wie würde es Ihnen gehen, wenn Ihre Kinder plötzlich ankommen und sagen, alles muss anders werden?", fragt Petra Schlitt.

Führen Sie das Gespräch in einem guten Moment. Nicht zwischen Tür und Angel und auch nicht, wenn Sie an Weihnachten ausnahmsweise zuhause ist. Gut sind ruhige Situationen – etwa beim Kochen oder beim Spaziergang.

Von sich sprechen

Die Mutter war beim letzten Besuch so unsicher auf den Beinen? Formulieren Sie das nicht als Feststellung, sondern als eigene Beobachtung. Das ist weniger konfrontativ.

Zum Beispiel:
Mama, ich hab das Gefühl, du kochst dir gar nichts mehr. Mir ist aufgefallen, dass du oft Schwierigkeiten hast, aufzustehen.
 Muss ich mir Sorgen machen? Gibt’s irgendwas, wobei ich dir helfen kann?

Hinhören, was wirklich hilft

Wer nicht zuhause wohnt, weiß oft nicht, wie der Alltag der Eltern aussieht. Deshalb: gut zuhören und zwischen den Zeilen lesen. Viele ältere Menschen sprechen Probleme nicht an, weil sie ihre Kinder nicht belasten wollen. "Wenn die Mutter erzählt, heute bin ich so müde, könnten Sie sagen: Du machst total viel, das ist super. Wie schaffst du das überhaupt? Manchmal kommt dann: Das frage ich mich auch." Nehmen Sie nicht einfach an, dass ein Kinonachmittag oder Kuraufenthalt der Mutter gut tun würde. Fragen Sie genau nach, was hilft. Vielleicht sind es kleine Dinge, z.B. den Rasen mähen oder die Gartenhecke schneiden.

Zum Beispiel:
Was würde dir helfen? Was würde dir jetzt gut tun? 
Wo denkst du dir oft, das fällt dir schwer, dabei könnte ich jemanden brauchen, der mir hilft?

Mit den Geschwistern abstimmen

Sprechen Sie mit Ihren Geschwistern über die Situation. Teilen Sie sich die Arbeit untereinander auf: Vielleicht übernimmt einer die Arztbesuche, ein anderer die Korrespondenz. Bei der Absprache kann eine WhatsApp-Gruppe helfen.

Gerade Frauen ohne Kinder werden oft zur Pflege gedrängt. "Dann heißt es oft: Du kannst dich doch kümmern, du hast doch nicht so viel zu tun!", sagt Schlitt. Reagieren Sie unbedingt auf solche Sprüche – und stellen klar, dass das nicht stimmt.

Zum Beispiel:
Ich habe vielleicht keine Kinder – aber ich habe auch meinen Job, meinen Partner. Ich werde nicht mehr machen als ihr.

Das Thema ansprechen, wenn es im Umfeld auftaucht

Mit einem konkreten Anlass spricht es sich über schwierige Themen leichter. Eine Bekannte ist gerade in eine Einrichtung für betreutes Wohnen gezogen? Gehen Sie dort gemeinsam einen Kaffee trinken. Das kann Ängste nehmen und den Eltern die Situation vertrauter machen, bevor sie betroffen sind. "Bei manchen hilft das. Andere sehen am Eingang das Wort Pflegeheim und sagen, ich geh da nicht rein", beobachtet Schlitt.

Zum Beispiel:
Die Tante ist jetzt im betreuten Wohnen, der war es alleine zu viel und die ist jetzt ganz glücklich, weil sie sich weniger kümmern muss und mehr Anschluss hat – lass uns sie mal besuchen.

Man muss nicht pflegen – man kann sich auch anders kümmern

Oft steht zwischen Eltern und Kindern die unausgesprochene Erwartung: Wenn ich alt werde, pflegst du mich. "Machen Sie sich bewusst: Ich muss darauf nicht automatisch reagieren", sagt Schlitt. Sie sind keine schlechte Tochter, wenn Sie Ihre Eltern nicht pflegen wollen.

Zum Beispiel:
Ich kann dir helfen, indem ich dir Hilfe organisiere. Ich mache nicht nichts, ich helfe dir – aber so, dass es für mich auch gut ist.

Klein anfangen – und den Fuß in die Tür kriegen

Haushaltshilfen, Pflegedienste, Ehrenamtliche: Es gibt viele Möglichkeiten, sich Hilfe von außen zu holen. Doch ältere Menschen wollen oft keine fremden Personen im Haus haben. "Viele haben als Kriegskinder gelernt: Nur wenn man unter sich ist, ist man sicher", erklärt Petra Schlitt.

Wer mit kleinen Hilfen anfängt, hilft den Eltern, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Über den Hausarzt kann man sich z.B. eine Medikamentengabe verschreiben lassen. Dabei kommt jemand regelmäßig ins Haus und richtet die Arzneimittel her. "Das sind kurze Kontakte und gut zum Eingewöhnen."

Zum Beispiel:
Du musst ja jetzt so viele Medikamente nehmen. Von der Krankenkasse gibt es da so ein Angebot, dass jemand ins Haus kommt und dir hilft, die herzurichten.
Wir versuchen jetzt mal zwei, drei Monate, dass dir jemand im Haushalt hilft – und dann schauen wir einfach mal.

Schwierige Dokumente: Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung

Eine Vorsorgevollmacht wird auch wichtig, wenn es darum geht, die Pflege der Eltern zu finanzieren. "Viele sagen, wenn’s so weit ist, verkauft ihr halt mein Häuschen", sagt Schlitt. "Dann können Sie etwa sagen: Ich habe rausgefunden, dass das nur geht, wenn man mit der Vollmacht beim Notar war!" Mit einer Patientenverfügung regelt Ihr Angehöriger, welche medizinischen Maßnahmen er z.B. am Lebensende ablehnt. Das ist auch für Sie wichtig - sonst müssen Sie als Vertreter eine Entscheidung treffen, obwohl Sie sich vielleicht gar nicht sicher sind, was sich Ihre Eltern wünschen. Manchmal hilft es auch, für sich selbst ein Dokument aufzusetzen und davon zu erzählen.

Zum Beispiel:
Ich hab mich gerade schlau gemacht und meine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung gemacht. Wie schaut das eigentlich bei euch aus?
Wir Kinder möchten gerne in eurem Sinne handeln. Bei der Vollmacht geht es nicht nur um euch, sondern auch um uns! Ihr macht uns ein Geschenk, wenn ihr sagt, wer sich um euch kümmern soll und wie ihr versorgt werden wollt, wenn ihr es selbst nicht mehr äußern könnt.

Nicht erwarten, dass sich sofort alles ändern

Nach solchen Gesprächen wünscht man sich einen klaren Plan. Aber in vielen Fällen blocken die Eltern ab. "Wenn jemand keine Hilfe annimmt, muss man das erst mal akzeptieren", findet Schlitt. Manchmal dauert es einfach länger, bis jemand erkennt, dass er Unterstützung braucht. Immerhin gibt jedes Gespräch einen kleinen Denkanstoß.

Fachliche Beratung:
Petra Schlitt
, Coach für pflegende Angehörige

Text: Elsbeth Bräuer, 29.04.2019
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