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Hasch auf Rezept? Medizinisches Cannabis

Hanfmedikamente helfen gegen chronische Schmerzen. Ein Palliativmediziner erklärt, welche Patienten sie auf Rezept erhalten und davon profitieren.

Hasch auf Rezept. Das klingt überraschend ...

Prof. Sven Gottschling: Cannabis spielt in der Behandlung von chronischen Schmerzen tatsächlich eine wachsende Rolle. Die therapeutischen Wirkstoffe stammen aus der Hanfpflanze – wie beim Rauschmittel auch. Die Medizinprodukte zeichnen sich aber durch einen genau festgeleg­ten, gleichbleibenden und überprüften Wirkstoffgehalt aus.

Um welchen Wirkstoff aus der Hanfpflanze handelt es sich?

Um das Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Je nach Dosis und Darreichungsform hat der Stoff ganz unterschied­liche Wirkungen. Der Hasch-Konsument inhaliert ihn, um high zu werden. In der Medizin dagegen arbeiten wir mit Tropfen oder Kapseln, der Kick bleibt aus. Als Medikament muss THC behutsam und sehr individuell bei ­Patienten dosiert werden. Deshalb gehört die Therapie unbedingt in die Hand eines erfahrenen Arztes.

Wie wirkt THC im Körper?

Es beeinflusst unsere Erholungsfähigkeit, die Muskelspannung, das Lernen, die Wahrnehmung, unseren Appetit. Es kann unter Umständen schlaf­anstoßend, antientzündlich und anti­depressiv wirken. Diese vielfältigen Effekte ergeben sich, weil der Mensch in fast allen Geweben Rezeptoren für Cannabinoide besitzt. Unser Organismus stellt nämlich selbst Stoffe her, die Cannabis ähneln.

Was kann das Hanfmedikament dann in der Schmerztherapie?

Es kann bei chronischen, insbesondere bei Nervenschmerzen erfolgreich sein. Weil es manchmal auch anti­depressive und durchschlaffördernde Eigenschaften hat, wirkt es auf mehreren Ebenen. Nicht der Schmerz ändert sich, sondern der Umgang mit ihm. Beeinflusst wird also die Schmerzwahrnehmung des Patienten. Anders ausgedrückt: Das Pro­blem fühlt sich für ihn leichter an.

Für welche Schmerzpatienten kommt die Therapie infrage?

Seit 2017 ist gesetzlich geregelt, dass der Hausarzt oder ein anderer behandelnder Arzt einem Patienten ein Cannabis-Medikament verordnen darf und die Krankenkasse die Kosten dafür übernehmen kann. Die Therapie kommt aber ausschließlich bei einer schweren Erkrankung infrage, wenn herkömmliche Behandlungen versagt haben und die berechtigte Hoffnung besteht, dass THC bei einem Patienten positive Wirk­effekte erzielt. Kurz: Es bleibt nach wie vor ein Reservemedikament.

Verträgt sich der Stoff mit anderen Medikamenten?

Durchaus. Bislang gibt es so gut wie keine Wechselwirkungen. Doch THC ist kein Allzweck-Wundermittel. Es kann eine Opioidbehandlung meist nicht ersetzen. Viele Schmerzpatienten nehmen es zusätzlich zu Opioiden.

Wie groß ist die Gefahr, dass Patienten abhängig werden?

Nicht groß. Die körperliche Gewöhnung ist sogar geringer als bei den Opioiden.

Stecken in der Hanfpflanze noch mehr interessante Stoffe?

Wissenschaftler interessieren sich auch für Cannabidiol, das sich aber weitaus weniger mit anderen Wirkstoffen verträgt als THC und von dem man sehr hohe Dosierungen braucht, um therapeutische Effekte zu erzielen. Das wird dann schnell teuer.

Sven Gottschling ist Palliativmediziner und Schmerzexperte am Uniklinikum Saarland.

Text: Elke Schurr, 14.04.2020
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