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Keiner muss immer da sein: Verhinderungspflege

Mit der Verhinderungspflege sorgen Sie dafür, dass Ihr Angehöriger auch während Ihrer Abwesenheit gut betreut wird

Verhinderungspflege heißt: Jemand kümmert sich zuhause um Ihren Angehörigen, während Sie weg sind. Die Kasse zahlt in der Zeit die Betreuung. Pro Jahr gibt es dafür ein Budget von 1612 Euro. Auf die Verhinderungspflege haben pflegebedürftige Menschen einen gesetzlichen Anspruch.

Die Kurzzeitpflege ist etwas sehr Ähnliches – nur wird der Angehörige dabei nicht zuhause betreut, sondern in einem Pflegeheim.

Wann brauche ich Verhinderungspflege?

Es gibt viele Gründe, verhindert zu sein. Pflege ist anstrengend und Sie brauchen auch einmal eine Pause. Vielleicht möchten Sie ein paar Stunden zum Sport, zum Frisör oder zu einer Selbsthilfegruppe gehen. Vielleicht sind Sie im Urlaub, auf Reha oder selbst krank. Warum Sie verhindert sind, ist nicht wichtig.

Voraussetzung:

Ihr Angehöriger muss den Pflegegrad 2 oder einen höheren Pflegegrad haben. Außerdem dürfen Sie die Verhinderungspflege erst nutzen, wenn Ihr Angehöriger schon seit mindestens sechs Monaten zuhause versorgt wird – ganz gleich, ob mit oder ohne Pflegegrad. Von wem er gepflegt wurde, ist egal. Das muss auch nicht am Stück gewesen sein - eine "Pflege-Pause" von vier Wochen ist in Ordnung.

Kornelia Schmid
Meine Erfahrung

Wenn ich weg bin, trage ich das in den Kalender ein – z.B. einen Arzttermin. Für die Zeit bitte ich meinen Sohn, meinen Mann zu betreuen. Am Jahresende mache ich eine Aufstellung, wann ich wie viele Stunden weg war. Ich schicke ein formloses Anschreiben an die Kasse, dass ich für diese Zeit die Verhinderungspflege in Anspruch nehmen will. Grund muss man keinen angeben. Die Kasse überweist mir rückwirkend das Geld, das ich meinem Sohn gebe.

Kornelia Schmid, pflegt ihren MS-kranken Mann
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Wer darf die Verhinderungspflege übernehmen?

Jeder kann die Ersatzpflege leisten. Eine Qualifikation braucht es nicht. Es kann eine Nachbarin oder Bekannte sein, ein ambulanter Pflegedienst oder auch nahe Verwandte, also: Eltern, Kinder, Enkel, Großeltern, Geschwister, Schwager.

SR Pflegekenner Oppel Markus
Meine Erfahrung

"Wenn es sich einrichten lässt: Suchen Sie sich für die Verhinderungspflege einen Nachbarn oder jemanden aus dem erweiterten Familien- oder Freundeskreis. Wenn jemand zu nah verwandt ist und die Betreuung übernimmt, steht weniger Geld zur Verfügung. Wenn es nur mit nahen Familienangehörigen möglich ist, können Sie die Zahlung bis zum Maximalbetrag 2418 € auch aufstocken: Erstatten Sie Ihren Angehörigen jeden Kilometer mit z.B. 20 Cent oder machen Sie einen Verdienstausfall geltend, wenn Sie z.B. eine andere Tätigkeit absagen, um kurzfristig die Betreuung und Pflege abzudecken."

Markus Oppel pflegt seine beiden Kinder und seinen Vater
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Für nahe Angehörige gelten besondere Bedingungen bei der Abrechnung!

Normalerweise gibt es für die Verhinderungspflege ein Budget von 1612 Euro im Jahr. Für nah verwandte Angehörige (bis zum 2. Grad) steht weniger Geld zur Verfügung. Im Jahr ist dafür ein Budget vorgesehen, das sich so berechnet: Pflegegeld im Monat x 1,5. Bei Pflegegrad 2 sind das also 1,5 x 316 Euro = 474 Euro, die im Jahr einmalig zur Verfügung stehen. Allerdings können Angehörige "aufstocken", in dem sie z.B. Fahrtkosten und Verdienstausfälle geltend machen. Diese Kosten werden von der Pflegeversicherung erstattet, bis der Betrag von 1612 Euro erreicht wird.

Wie rechne ich das ab?

Für die Verhinderungspflege steht Ihnen ein Budget von höchstens 1.612 Euro zur Verfügung. Wie Sie diese 1.612 Euro aufteilen und was Sie der Ersatzpflegeperson pro Stunde bezahlen, entscheiden Sie selbst. Meistens sind das Beträge zwischen dem Mindestlohn und 20 Euro. Wenn Ihnen das Budget von 1.612 Euro nicht reicht, können Sie auch einen anderen Budget-Topf zum Teil dazunehmen: die Kurzzeitpflege (s. unten).

Viele Angehörige strecken das Geld vor und lassen es sich dann im Nachhinein von der Kasse erstatten. Andere zahlen es erst dann aus, wenn die Kasse es überwiesen hat. Manche Kassen überweisen das Geld auch direkt auf das Konto der Ersatzpflegeperson, wenn Sie eine Abtretungserklärung unterschreiben.

Verhinderungspflege gibt es für höchstens 6 Wochen im Jahr (=42 Tage), wenn Sie tageweise verhindert sind. Sie können die Tage auch ansparen – die Verhinderungspflege z.B. ein paar Monate gar nicht nutzen und dann für einen langen Urlaub einsetzen. Sie müssen das Budget aber im selben Kalenderjahr aufbrauchen.

Verhinderungspflege rückwirkend

Die meisten Kassen wünschen sich zwar einen Antrag, bevor Sie die Verhinderungspflege nutzen. Verpflichtet sind Sie dazu aber nicht. Sie können Ihre Unterlagen auch im Nachhinein an die Kasse schicken, um das Geld erstattet zu bekommen. Manche Familien machen das monatlich, andere halbjährlich oder jährlich.

In dem Schreiben muss stehen, wann und für wie lange die Ersatzperson da war und wie viel sie verdient hat. Fügen Sie Belege bei, also z.B. Unterschrift und Rechnung oder Kontoauszug.

Passen Sie auf, dass die Verhinderungspflege nicht verfällt. Sie wird z.B. für das Kalenderjahr 2018 gewährt. Wenn Sie sie nicht oder nicht vollständig genutzt haben, ist sie ab dem 31. Dezember verfallen.

Vier Jahre lang kann man das Geld rückwirkend bekommen, wenn man die Leistung in Anspruch genommen hat. Wenn man sie nicht in Anspruch genommen hat, kann man nichts machen.

Wie hole ich das Meiste aus der Verhinderungspflege heraus?

1) Kurzzeitpflege ausnutzen:

Wenn Sie möchten, dass Ihr Angehöriger möglichst zuhause betreut wird, können Sie einen Teil des Budgets der Kurzzeitpflege in die Verhinderungspflege hinüberschaufeln. Einen Betrag bis zur Hälfte der Leistungen für Kurzzeitpflege (also bis zu 806 Euro) können Sie umwandeln. Dann haben Sie mehr Geld für die Verhinderungspflege.

2) Besser stundenweise verhindert:

Wichtig ist der Unterschied zwischen stunden- oder tageweiser Verhinderungspflege. Stundenweise bedeutet: Sie als Pflegeperson sind unter acht Stunden am Tag verhindert. Zum Beispiel, wenn Sie zwei Stunden beim Frisör sind, im Kino oder beim Sport.

Unter acht Stunden weg zu sein, ist oft günstiger. Wenn Sie nämlich einen ganzen Tag verhindert sind, wird das Pflegegeld gekürzt. Am ersten und letzten Tag der Verhinderung bekommen Sie das Pflegegeld noch vollständig. An den anderen Tagen bekommen Sie nur die Hälfte des Geldes.

Wenn Sie eine Woche im Urlaub sind oder im Krankenhaus liegen, geht es natürlich nicht anders, als tageweise verhindert zu sein. Bleiben Sie auf jeden Fall bei der Wahrheit.

SR Pflegekenner Simela Aslanidou
Meine Erfahrung

Vor einem Jahr hatte ich einen Aha-Effekt: und zwar, dass ich die Verhinderungspflege immer stundenweise abrechne, wenn ich zum Beispiel abends auf eine Party gehe oder eine Freundin besuche. So wird mir das Pflegegeld nicht gekürzt. Ich bin zwar schon 28 Jahre in der Pflege meines Mannes tätig, aber da habe ich mir gedacht, das hast du jahrelang falsch gemacht!

Simela Aslanidou, pflegt ihren Mann, der eine Querschnittslähmung hat
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Bei der stunden- oder tageweisen Verhinderungspflege geht es darum, wie lange Sie als Pflegeperson verhindert sind – nicht, wie lang Ihr Angehöriger von einer Ersatzperson betreut wird. Sind Sie also sechs Stunden mit Freunden unterwegs und drei Stunden ist jemand als Ersatz bei Ihrer Oma, zählt das als sechs Stunden. Wie Sie die Verhinderungspflege am besten für sich nutzen können, erklärt Ihnen ein Berater Ihrer Pflegekasse oder eines Pflegestützpunkts.

Fachliche Beratung:
Gudula Wolf, AWO Online- Pflege- und Seniorenberatung
Tina Land, Compass Pflegeberatung

Daniela Kowalzyk, AOK Bayern

Text: Elsbeth Bräuer, 29.04.2019
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