Alltag meistern

Schluckstörungen: Stressfrei essen

Schluckstörungen können unbehandelt zu Mangelernährung oder einer schweren Lungenentzündung führen. Doch man kann gegensteuern.

Woran erkenne ich eine Schluckstörung?

Jemand isst sehr langsam, räuspert sich beim Essen, würgt, niest oder hustet. Stimme und Sprache verändern sich: Heiseres, kraftloses Sprechen zeigt schwache Stimmbänder an. Oder die Stimme klingt feucht. Undeutlich wird es, wenn die Zunge nicht kräftig oder geschickt genug ist. Dann befinden sich lange nach dem Essen noch Reste im Mund. Oder jemand nimmt stetig ab, weil er wenig isst, wird schläfrig oder tüdelig, wenn Flüssigkeit fehlt. Vor allem häufige ­­Infekte oder Fieber unklarer Ursache können auf eine "stille Aspiration" hinweisen: Essen, Trinken oder Speichel gelangen unbemerkt in die Luftröhre.

Was kann dahinterstecken?

Am häufigsten treten Schluckstörungen im Zusammenhang mit einem Schlaganfall auf; in jedem zweiten Fall lassen sie wieder nach. Lange nach dem Anfall kann es zu einem weiteren kommen oder zu Durchblutungsstörungen, die das Schlucken betreffen. Bei Parkinsonkranken entwickelt sich oft früh und unabhängig von der Schwere der Krankheit eine Schluckstörung. Selten steckt dahinter ein Krebsleiden im Mund-Hals-Bereich. Oder die Störung tritt ­ohne eine Krankheit im hohen Alter auf, wenn die Muskeln schwächer werden.

Lässt sich jede Schluck­störung körperlich erklären?

Nein. Darüber hinaus kann es sein, dass einem Menschen die Orientierung fehlt. Ein Demenzkranker sitzt dann etwa am Tisch und weiß mit dem Besteck nichts anzufangen. Animieren Sie ihn durch Schlüsselreize zum Essen. Etwa, indem Sie ihm "Guten Appetit" wünschen oder sich ihm gegenüber hinsetzen, sodass er abschauen kann, was Sie tun. Auch wenn es in der Küche nach ­Essen duftet oder Sie mit Geschirr klappern, setzen Sie Impulse.

Wer behandelt das?

Ihre Anlaufstelle ist der Hausarzt, der die Schluckstörung bestätigt, die Ursache feststellt und bei Bedarf an den Neurologen überweist. Eine Schlucktherapie gibt es nur auf Rezept.

Wie finde ich den richtigen Therapeuten?

Bei Logopäden oder Sprachtherapeuten mit einer Spezialisierung auf Schlucktherapie sind Sie richtig. Um in kompetente Hände zu kommen, sollten Sie am Telefon gezielt fragen: "Behandeln Sie als logopädische ­Praxis auch Menschen mit Schluckstörungen?" Noch besser: Nennen Sie zusätzlich die Erkrankung.

Wie läuft eine Schlucktherapie ab?

Am Schlucken sind unter anderem Zunge, Kehlkopf und Stimmbänder beteiligt. Die Logopädin überprüft deren Kraft und Beweglichkeit. Sie fragt auch nach Auffälligkeiten beim Essen, Trinken und Speichelschlucken. Vom Befund hängt die Therapie ab. Nach einem Schlaganfall trainiert die Logopädin mit dem Kranken die ausgefallenen Muskeln. Reicht das nicht, um die alte Schluckfähigkeit wieder zu erreichen, zeigt die Therapeutin spezielle Schlucktechniken.

Wer sagt mir, was mein Angehöriger essen kann?

Die Logopädin. Grundsätzlich ist Weichstückiges, Breiiges leichter zu schlucken als Flüssiges; Feuchtes einfacher als Trockenes. Gemischte Konsistenzen, Faseriges oder sehr Kleinteiliges können Probleme bereiten. Also Flüssigkeiten andicken, statt Nudelsuppe lieber pürierte Gemüsesuppe, statt Fleisch besser Fisch, statt Reis Kartoffeln, und auf Kräuter als Deko verzichten.

Und wenn der Kranke trotzdem nicht genug isst?

Dann kann Trinknahrung oder auch eine Sonde sinnvoll sein. Kann jemand zwar essen, aber nicht genug trinken, lässt sich fehlende Flüssigkeit mittels einer Sonde geben. Strengt jeder Schluck an, wird diese als Entlastung empfunden.

Wie erleichtert die richtige Körperhaltung das Schlucken?

Eine aufrechte Haltung beugt Verschlucken vor. Am besten am Tisch sitzen, alternativ Kopfteil des Bettes in die Senkrechte bringen. Der Kopf sollte mittig und gerade sein. Faustregel: Kinn Richtung Brustbein, langer Nacken, kurzer Hals. Bei Halbseitenlähmung Kopf leicht zur gesunden Seite neigen. Falls Sie das Essen reichen: Tun Sie es teelöffelweise, jeweils nachschlucken lassen. Nächsten Bissen erst geben, wenn der Mund leer ist. Nicht plaudern. Fragen erst stellen, wenn Patient geschluckt hat.

Kann man durch spezielle Schlucktechniken unterstützen?

Ja, dabei werden Schlucken, Ein- und Ausatmen ganz bewusst aufei­nander abgestimmt, um das Einsaugen von Nahrung in die Luftröhre zu vermeiden. Solche Techniken erfordern fachliche Anleitung und Übung.

Gibt es Ess- und Trinkhilfen?

Aus einem Becher mit Nasenaussparung lässt sich trinken, ohne den Kopf zurückzunehmen, das schützt vor Verschlucken. Einhandbrett und erhöhter Tellerrand erlauben einhändiges Essen. Hilfen nur auf fachliche Anweisung benutzen.

Fachliche Beratung:
Dr. Melanie Weinert, Sprachtherapeutin und Fachtherapeutin für Dysphagie, Leiterin des Dysphagiezentrums Köln

Text: Heidi Loidl, 18.11.2019
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