Im Heim leben

So helfen Sie bei der Eingewöhnung im Pflegeheim

Ihr Angehöriger ist gerade ins Pflegeheim gezogen. So erleichtern Sie ihm das Einleben

Die Gänge sind fremd, das Bett fühlt sich anders and und man vermisst die vertrauten Gesichter. Der Umzug ins Pflegeheim ist für viele ältere Menschen eine große Umstellung. So helfen Sie Ihrem Angehörigen, sich rasch einzuleben.

1. Bereiten Sie sich gemeinsam auf den Umzug vor

Sprechen Sie unbedingt vorher mit dem pflegebedürftigen Menschen über den Umzug – er hat ein Recht, sich darauf einzustellen. Es kann helfen, schon vorher die Räumlichkeiten zu besichtigen. Viele Heime bieten Senioren-Mittagstische an: Gehen Sie dort gemeinsam essen oder nachmittags einen Kaffee trinken. Lernen Sie die Heimleitung kennen und nehmen Sie Kontakt zu anderen Bewohnern auf. Auch eine "Probe-Übernachtung" kann helfen. Möglich ist das etwa im Rahmen der Kurzzeitpflege: Dabei lebt die Person zwischenzeitlich in einem Pflegeheim, etwa während Sie selbst im Urlaub sind. 

Frau Kummert
Meine Erfahrung

Hängen Sie Fotos auf und nehmen Sie die wichtigsten Lieblingssachen ins neue Zuhause mit - auch wenn die Vase noch so hässlich ist! Ganz wichtig ist es, jeden Tag anzurufen und die Person regelmäßig zu besuchen. Beim Besuch kann man in die Cafeteria oder den Park gehen und den Bewohner so auch in Kontakt mit anderen Heimbewohnern bringen. Das hilft beim Einleben.

Rita Kummert pflegt seit 18 Jahren ihre an MS erkrankte Freundin.

2. Helfen Sie dem Personal, Ihren Angehörigen kennenzulernen

In den meisten Pflegeheimen kann man ein Vorgespräch mit dem Personal führen. Hier können Sie gemeinsam mit Ihrem Angehörigen spezielle Wünsche, aber auch Unsicherheiten und Ängste ansprechen. Erzählen Sie dem Pflegepersonal möglichst viel über die Person. "Das macht es uns leichter", sagt Ursula Rutkowski, die die Pflegeüberleitung im Alten- und Pflegeheim Ebenhausen organisiert. "Wenn wir zum Beispiel wissen, dass die Mutter gern lang ausschläft oder wann der Vater gerne seinen Kaffee trinkt, können wir uns darauf einstellen."

Wer liebgewonnene Gewohnheiten beibehalten kann, lebt sich oft leichter im Heim ein. Mittlerweile gehören "Biografie-Bögen" in vielen Heimen mit dazu. Wie ist das Leben Ihres Angehörigen verlaufen? Welchen Beruf hat er erlernt und wie ist das Verhältnis zu seiner Familie? Diese Informationen können den Pflegekräften helfen, eine gute Beziehung zum neuen Bewohner aufzubauen.

3. Zeigen Sie: Ich lasse dich nicht allein

Gerade in den ersten Wochen ist es tröstlich, viel Besuch zu bekommen – und in der neuen Umgebung vertraute Gesichter zu sehen. Wenn Sie regelmäßig vorbeikommen, zeigen Sie Ihrem Angehörigen: Ich schiebe dich nicht ab, ich bin weiter für dich da. Sprechen Sie sich mit Familienmitgliedern, Nachbarn und Bekannten ab. Am besten legen Sie Ihre Besuche so, dass sie sich nicht mit den sozialen Aktivitäten des Heims überschneiden. Sie können sich auch im Heimbeirat engagieren oder dem Personal bei der Organisation von Festen oder Ausflügen zur Hand gehen.

Angehörige im Heim
Meine Erfahrung

Natürlich hilft alles Vertraute beim Einleben im Heim. Gerade zu Anfang sollten Verwandte durch häufige Besuche die Situation im Auge behalten. Aktive Angehörige sind das A und O für die Lebensqualität der Bewohner.

Eva-Marie Cosar, besucht ihre Mutter täglich im Heim 

4. Richten Sie gemeinsam das neue Zuhause ein

Es gibt kaum etwas Ungemütlicheres, als am Tag des Einzugs in einem weißen Zimmer voller Packkisten zu stehen. Fahren Sie deshalb, wenn möglich, schon ein paar Tage vorher hin, montieren den Fernseher oder bringen Wäsche vorbei. Gestalten Sie das Zimmer zusammen mit Ihrem Angehörigen wohnlich. Wie wäre es mit frischen Blumen, einer Foto-Collage der Enkel oder einem bunten Namensschild an der Tür? Auch Alltagsgegenstände wie Nachthemden oder Hausschuhe geben Geborgenheit. Vielleicht lassen sich auch die Lieblingskommode oder andere Möbel von zuhause mitbringen, sprechen Sie dazu am besten mit der Heimleitung. Gerade bei demenzkranken Personen ist es sinnvoll, das neue Zimmer so ähnlich einzurichten wie das alte. Das kann bei der Orientierung helfen. Orientieren Sie sich gemeinsam mit Ihrem Angehörigen: Wie funktioniert die Notrufglocke? Wo ist das Bad? Und wie kommt man am besten zum Gemeinschaftsraum?

5. Geben Sie Ihrem Angehörigen Zeit

"Wenn alles gut läuft, lebt sich der Bewohner in vier bis sechs Wochen ein", sagt Ursula Rutkowski. Es kann aber auch länger dauern, bis sich jemand im Heim wohlfühlt. Besonders schwierig ist der erste Monat. Das nennt man auch "first month syndrome". Vielleicht ist der pflegebedürftige Mensch unzufrieden, traurig oder zornig. Manchmal fühlt er sich auch "abgeschoben" oder "weggegeben". "Einer von zehn zieht sich da erst mal zurück und igelt sich in seinem Zimmer ein", sagt Rutkowski. Akzeptieren Sie das und haben Sie dafür Verständnis: Die Person stellt sich nicht an – oft ist das Trauerarbeit, um den Verlust des alten Zuhauses zu verarbeiten. 

Gerade bei demenzkranken Menschen kommt es manchmal zu dramatischen Reaktionen: Manche werden ausfallend, depressiv oder versuchen wegzulaufen. Auch wenn es schwer fällt: Beziehen Sie dieses Verhalten nicht auf sich. Sie sind nicht daran schuld! Nehmen Sie die Signale trotzdem wahr und sprechen Sie darüber. 

6. Lassen Sie Ihren Angehörigen mitentscheiden

Die meisten Menschen ziehen nicht freiwillig ins Pflegeheim ein. Oft geht es nach einem Krankenhausaufenthalt oder einer Kurzzeitpflege übergangslos in die Langzeitpflege. Manchmal legen auch Angehörige ihnen nahe: Es geht nicht mehr. Der pflegebedürftige Mensch hat dann oft das Gefühl, es wird über seinen Kopf hinweg entschieden.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Wer das Gefühl hat, mitentscheiden zu können, tut sich beim Übergang ins Pflegeheim viel leichter. Dann sind pflegebedürftige Menschen geringer belastet, zufriedener und brauchen sogar weniger Medikamente. "Selbstbestimmung ist ganz wichtig", sagt Rutkowski. In vielen Heimen gibt es Versammlungen, bei denen sich die Bewohner mit dem Einrichtungsleiter treffen: Was läuft gut, was könnte man verbessern? Wie wäre es mit neuen Ausflugszielen? Oder kann man neue Gerichte in den Speiseplan aufnehmen? "Das ist ein bisschen Freiheit, zu wählen, was ich auf dem Tablett habe!" Und wenn das nur bedeutet, die Brotsorte beim Frühstück aussuchen zu können. 

Text: Elsbeth Bräuer, 29.04.2019
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