Ich pflege
Walter Oberst

Mir hilft der Gedanke, dass meine Frau gut versorgt ist“

Walter Oberst pflegte seine demenzkranke Frau lange zuhause. Bis es irgendwann nicht mehr ging.

Ich pflege …

seit einiger Zeit nicht mehr. Meine Frau hat Demenz, ich habe sie lange zuhause betreut. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Ich habe monatelang kaum geschlafen: sie hat mich jede Nacht ein-, zweimal geweckt, um zu fragen, wo die Toilette ist. Sie hat mein Arbeitszimmer verwüstet, den Fernseher auf den Boden geschmissen. Danach sagte sie, es seien Einbrecher gewesen.

 

Was es auch schwer machte, war ihr Bewegungsdrang. Sie versuchte immer wieder von zuhause und von der Tagespflege wegzulaufen. Einmal ging sie abends mit dem Hund unserer ältesten Tochter spazieren und kam nicht wieder. Wir suchten sie mit Polizei und Hubschrauber. Am nächsten Morgen dann der Anruf: Sie wurde von der Polizei in einem Schnellstraßentunnel aufgegriffen (ca. 6 km von unserer Wohnung entfernt), am schmalen Randfußweg inmitten des rasenden Autoverkehrs. Zur ihrer Sicherheit habe ich irgendwann die Wohnungstür abgesperrt und den Schlüssel versteckt.

 

Seit einiger Zeit ist sie in einem Pflegeheim. Die Anlage ist hell, weitläufig, es gefällt ihr dort. Natürlich habe ich daran zu knabbern, dass sie nicht mehr zuhause lebt. Unsere Wohnung ist groß und manchmal sehr leer. Mir fehlt meine zweite Hälfte - das ist der Mensch, mit dem man 50 Jahre zusammen war. Aber gleichzeitig wurde mir eine unheimliche Last genommen. Mir geht es psychisch und physisch besser, das gebe ich unumwunden zu. Ich genieße es, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Freunde laden mich ins Kino oder zu Kunstausstellungen ein. Langsam hole ich alles nach, wozu ich in der Zeit der Pflege nicht gekommen bin. Das ist noch ganz ungewohnt.

Das strengt mich an

Im Moment möchte ich sie nicht so oft besuchen. Ein paar Mal hat sie mich bei meinen Besuchen nicht wiedererkannt. Das hat mich betroffen gemacht und schockiert. Bei einer neurologischen Untersuchung im Heim musste sie ihren Familienstand angeben, da hat sie gesagt, dass sie nie verheiratet war. Das ist gerade eine kleine Bremse. Aber ich werde sie natürlich wieder besuchen. Mal schauen, was dann auf mich, auf uns zukommt.

Das gibt mir Kraft

Mir hilft der Gedanke, dass meine Frau gut versorgt ist. Es beruhigt mich, dass ich sie nicht ins Unglück abgeschoben habe. Früher hat sie sich zuhause z.B. gegen das Waschen immer sehr gesträubt, heute wird sie im Heim jeden Tag geduscht. Seitdem sie dort ist, hat sie zweieinhalb Kilo zugenommen. Mittlerweile kann ich gut mit der neuen Situation umgehen.

Mein Tipp für andere

Setzt euch im Familienkreis zusammen und sprecht über alle Möglichkeiten: Tagespflege, osteuropäische Betreuungskräfte, Pflegeheim. In der Diskussion sieht man schon, was die vernünftigste Lösung ist. Bei uns war das eben das Heim.

Protokoll: Elsbeth Bräuer, aktualisiert am 29.04.2019
Walter Oberst
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Friedlinde Steinberger
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