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Wie Sie richtig mit Demenzpatienten reden

Kommunikation mit Menschen mit Demenz kann schwierig sein. Experten geben Tipps

Haben Eltern oder Partner eine Demenz, stellt das die ganze Familie vor viele Herausforderungen. Bereits zu Beginn der Krankheit zeigen sich bei den Betroffenen Orientierungsschwierigkeiten, Gedächtnis- und Sprachstörungen, auch die Alltagskompetenz nimmt ab. Menschen mit Demenz wiederholen daher oft die gleiche Frage, wollen nach Hause, obwohl sie seit 30 Jahren in der Wohnung leben, verlegen den Schlüssel, vergessen zu trinken und zu essen und können ihren Schriftverkehr nicht mehr selbstständig erledigen. Bei all dem, was nicht mehr so gut geht, wird jedoch häufig übersehen, dass Menschen mit Demenz weiterhin viele Ressourcen und Fähigkeiten haben. "Betroffene formulieren ihre Wünsche so: sie wollen aktiv bleiben und selbstbestimmt entscheiden können, sie wollen ‚nützlich‘ sein und Sinnvolles tun – kurz: sie wollen am ganz normalen Leben teilhaben", sagt Helga Schneider-Schelte, Familientherapeutin und Leiterin des Alzheimer-Telefon. Bei ihr und ihren Kolleginnen rufen viele Angehörige an, weil sie sich hilflos und allein gelassen fühlen.

Michael Klein
Meine Erfahrung

Man soll ganz normal mit jemandem umgehen, der an Demenz erkrankt ist. Aber man muss in Gesprächen halt wissen, wie das einzuordnen ist - man weiß ja nie, ob das Erzählte Realität ist oder nicht. Ich habe gelernt, nicht mit meiner Frau zu diskutieren. In ihrer Welt sind die Dinge eben anders.

Michael Klein, pflegt seine demenzkranke Frau
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Kommunikation: Welche Schwierigkeiten bei Demenz auftreten

Besonders schwer ist es für Angehörige, wenn herausforderndes Verhalten hinzukommt und die Erkrankten "aggressiv" reagieren. "Genau dann ist es besonders wichtig, die Krankheit zu verstehen", erklärt Schneider-Schelte, "denn die Aggressivität kann verschiedene Ursachen haben." Es kann sein, dass der Betroffene nicht versteht, was von ihm erwartet wird, dass die Erkrankte sich durch zu viele Aufforderungen überfordert fühlt, dass die Mutter sich beschämt fühlt oder dass der Vater Schmerzen hat und diese nicht benennen kann.

Einige einfache Tipps können Angehörigen dabei helfen, die Kommunikation zu verbessern:

  • Einfach formulieren: Komplizierte Sätze sind für Menschen mit Demenz oft schwer verständlich. Deshalb möglichst einfache Wörter verwenden und schwierigen Satzbau vermeiden.
  • Die Beziehung pflegen: Begegnen Sie Ihren Partner weiterhin auf Augenhöhe. Das funktioniert vor allem in entspannten Stunden. Schauen Sie beispielsweise gemeinsam Fotos an, hören Sie zusammen Musik, gehen Sie spazieren in einer schönen Umgebung, drücken Sie Ihre Anerkennung für die Bemühungen der Erkrankten aus, feiern und lachen Sie gemeinsam.
  • Einbeziehen: Menschen mit Demenz wollen sich als wirksam und aktiv erleben. Beziehen Sie daher Menschen mit Demenz so oft wie möglich in alltägliche Tätigkeiten ein – auch wenn es dann ein wenig länger braucht.
  • Orientierung geben: Menschen mit Demenz fehlt die Orientierung. Geben Sie Ihnen Sicherheit: Wenn Ihr Partner im Winter ohne Jacke vor die Tür gehen möchte, sprechen Sie ihn an. "Es ist kalt draußen, da ist die warme Jacke besser" und reichen ihm die warme Jacke.
  • Konkret werden: Die Aufforderung "Decke den Tisch" beinhaltet viele unausgesprochene Handlungsanweisungen. Besser sind klare Anweisungen: "Nimm die Teller und stelle sie bitte auf den Tisch." Das Gleiche gilt bei Fragen. Statt "Was willst du machen?" besser ""Ich möchte gerne spazieren gehen. Ich würde mich freuen, wenn Du mich begleitest", sagen. Anstatt "wir" empfiehlt sich, "ich und du" zu verwenden. 
  • Hilfestellung geben: Wer über einen Gegenstand in der Nähe redet, zeigt am besten darauf. Beim Ansprechen nach Möglichkeit den Blickkontakt suchen. So weiß der Betroffene, dass er gemeint ist. 
  • Zeit lassen: Durch die Demenz geht alles viel langsamer und wird auch anstrengender für die Erkrankten. Daher ist es wichtig, für Aktivitäten mehr Zeit einzuplanen und sich auch nicht zu viel vorzunehmen. Je stressfreier die Situation gestaltet werden kann, desto befriedigender ist es für beide Seiten.
  • Informationen wiederholen: Steht etwa Besuch an, in regelmäßigen Abständen immer wieder darauf hinweisen.
  • Wenn Sie Fragen zu Demenz und Alzheimer haben, können Sie sich an das Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft wenden. Unter der Festnetznummer 030 - 259 37 95 14 beantwortet ein multiprofessionelles Team Ihre Fragen.
  • Beratungszeiten sind Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 18.00 Uhr und Freitag von 9.00 bis 15.00 Uhr. 
  • Beratung in türkischer Sprache werden mittwochs von 10.00 bis 12.00 Uhr unter der Telefonnummer 030 - 259 37 95 14 angeboten. Weitere Informationen in türkischer, russischer und polnischer Sprache finden Sie unter www.demenz-und-migration.de.

Missverständnisse und Streit entstehen zum Teil auch deshalb, weil der pflegende Angehörige selbst gestresst und gereizt ist. "In solchen Situationen ist es besser, aus dem Zimmer zu gehen, tief durchzuatmen und nach einigen Minuten wiederzukommen. Wenn man sich beruhigt hat, entspannt sich häufig die Situation", rät Schneider-Schelte.

Auch Psychogerontologin und Angehörigenforscherin Sabine Engel aus Erlangen weiß, wie sehr es den Umgang miteinander erleichtert, wenn der Pflegende die Krankheit versteht. So könne er besser einschätzen, warum der Gegenüber sich in einer bestimmten Weise verhält. Sie weiß auch: Einen Menschen mit Demenz zu pflegen, heißt, die eigenen Ansprüche immer wieder anzupassen. Ein längeres Gespräch auf Augenhöhe ist ab einem bestimmten Fortschreiten der Krankheit nicht mehr möglich. Aber mit einem fürsorglichen Satz, einer kurzen Berührung dem Anderen zeigen, dass man da ist – "das ist in jedem Zustand möglich", sagt Expertin Engel.

Angehörige können den richtigen Umgang mit Demenz lernen

Als Pflegender müssen Sie sich nicht selbst beibringen, wie Sie am besten mit ihrem Angehörigen mit Demenz umgehen. Sie haben einen Anspruch auf Unterstützung, Beratung und Schulungen im Umgang mit Menschen mit Demenz. Bundesweit gibt es Angebote für mehrteilige Kurse, in denen Sie unter anderem zu Krankheitsverlauf, Verhaltensformen und Unterstützungsmöglichkeiten geschult werden. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet flächendeckend Schulungen für Angehörige an, auch Expertin Engel hat einen Kurs für Angehörige von Menschen mit Demenz entwickelt. Ein weiterer Vorteil der Kurse: Sie können sich mit anderen Angehörigen austauschen, denen es ähnlich geht, wie Ihnen.

Unter folgenden Links finden Sie mehr Informationen zu dem Kursangeboten:

Text: Orla Finegan, aktualisiert am 01.05.2019
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