Alltag meistern

Zahnpflege bei bettlägerigen Menschen

Wie Sie einem bettlägerigen Angehörigen bei der Zahnpflege helfen – die wichtigsten Punkte.

Muss Ihr Angehöriger zum Zahnarzt?

Machen Sie den Kau-Test. So finden Sie schnell heraus, ob Ihr Angehöriger Probleme hat und einen Zahnarzt-Termin benötigt.

Der Test wurde von Dr. Katharina Mausbach von der Universität Gießen entwickelt und zuerst in der  Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie veröffentlicht: K.A., Velten, J., Rehmann, P. et al. Entwicklung und Validierung des "Mini Dental Assessment". Z Gerontol Geriat 52, 680–687 (2019). https://doi.org/10.1007/s00391-018-1449-x.

Gut vorbereiten:

Besprechen Sie mit Ihrem Angehörigen, dass Sie ihm bei der Mund- und Zahnpflege helfen
wollen. Das klappt am besten, wenn Sie das Badezimmer sozusagen ans Bett holen: Sie brauchen einen Beistelltisch für die Utensilien. Außerdem sollte Ihr Angehöriger aufrecht im Bett sitzen können – sei es gestützt durch Kissen oder Hochfahren des Kopfteils. Um Schlafanzug und Bettwäsche zu schonen, bereiten Sie ein großes Handtuch über Oberkörper und Bettwäsche aus. Bevor es losgeht, gründliches Händewaschen nicht vergessen.

Das brauchen Sie:

  • Zahnbürste und -pasta 
  • mit Wasser gefüllten Zahnputzbecher
  • Gefäß zum Ausspucken
  • Handtuch
  • Handspiegel
  • Interdentalbürste
  • Zungenschaber
  • feuchten Waschlappen
  • Fettcreme für die Lippen
  • evtl. Prothesenbürste, Mundstütze

So assistieren Sie:

Lassen Sie Ihren Angehörigen so viel wie möglich selbst machen – auch wenn es etwas länger dauert. Wer noch selbst putzt, aber Probleme mit den Greifen hat, profitiert von Griffverstärkern aus Schaumgummi. Sie werden um den Griff der Zahnbürste gesteckt, damit man sie besser fassen kann. Auch eine elektrische oder eine Dreikopf-Zahnbürste hilft beim gründlichen, selbstständigen Putzen.

So übernehmen Sie:

Wenn alles vorbereitet ist, sprechen Sie Ihren Angehörigen an. Dann setzen Sie sich seitlich neben ihn ans Bett und umfassen seinen Kopf mit Ihrem Arm. Damit er den Mund öffnet, drücken Sie sanft den Daumen zwischen Zahnfleisch und Unterlippe. Mit einer Mundstütze bleibt der Mund ohne Anstrengung geöffnet. Auch ein zusammengerollter Waschlappen kann als Mundstütze dienen. Nun putzen Sie so, wie Sie die eigenen Zähne putzen würden. Lassen Sie Ihrem Angehörigen aber immer wieder Zeit zum Luftholen und Ausspucken. Danach ­sollte er gründlich den Mund ausspülen. Zahnpasta-­Reste entfernen Sie am besten mit dem Wasch­lappen. Zum Schluss: Etwas Fettcreme auf den Lippen schützt vor eingerissenen Mundwinkeln und trockenen Lippen.

Extrapflege für die Prothese:

Reinigen Sie zweimal täglich gründlich den abnehmbaren Zahnersatz Ihres pflegebedürftigen Angehörigen! Sonst bilden sich dort Zahnbeläge, es vermehren sich Keime im Mundraum. Gelangen sie über Zahnfleisch­­entzündungen in den Körper, richten sie Schaden an. Machen Sie die Mundpflege mit Ruhe und Geduld, das erspart Ihrem Gegenüber Angst, Scham und Schmerzen. Optimal: nach jedem Essen das Gebiss unter Wasser abspülen. Legen Sie ein Tuch ins Wasch­becken, oder lassen Sie Wasser ein. Das schützt die Dritten, wenn sie herunterfallen.

Prothese einsetzen und herausnehmen:

Ziehen Sie Handschuhe an. Bitten Sie Ihren Angehörigen, den Mund weit zu öffnen. Umfassen Sie die Prothese fest mit zwei Fingern auf jeder Seite. Wackeln Sie nun sanft daran, bis sie sich löst. Beim Einsetzen Prothese behutsam an Gaumen und Kiefer drücken, bis sie fest sitzt (dazu auch Videos der Bundeszahnärztekammer: www.bzaek.de unter Prävention/Alters- und Behindertenmedizin). Wer Haftmittel braucht: nicht zu viel davon! Gebiss drei Minuten andrücken, bis es hält.

Teilprothese richtig greifen:

Beim Herausnehmen verkanten Teilprothesen leicht. Tipp: Prothese an den Verbindungselementen (etwa Klammern, Doppelkronen, Druckknöpfe) der verbliebenen Zähne fassen, dann Prothese senkrecht nach oben oder unten ziehen. Fragen Sie den Zahnarzt nach Greifhilfen für den Zahnersatz. Er kann sie beim Erstellen an der Prothese befestigen – oder später montieren. Es gibt auch separate Greifhilfen, je nach Modell kann sie der Zahntechniker fürs Gebiss passgenau anfertigen.

Spezialmittel verwenden:

Putzen Sie die Dritten gründlich, mindestens drei Minuten, mit der Prothesenzahnbürste oder Nagelbürste. Benutzen Sie Zahnpasta für Prothesen oder flüssige Seife. Im Handel erhältliche Ultraschallgeräte zum Reinigen (ab 40 Euro) unterstützen Sie. Verhärtete Beläge lösen sie aber kaum, dann hilft nur eine maschinelle Prothesenreinigung in der Praxis.

Nachts trocken lagern:

Vor dem Schlafengehen Prothese gründlich säubern, etwa eine Viertelstunde in ein Wasserbad mit einer Reinigungstablette legen (Herstellerhinweise beachten!). Prothese abtrocknen und auch über Nacht trocken lagern.

 

Zähne und Zahnfleisch brauchen den Check vom Zahnarzt. So klappt das auch bei pflegebedürftigen Menschen:

1. Nach Hausbesuch fragen

Wer gepflegt wird, ist oft nicht mobil genug, um die Sprechstunde zu besuchen. Daher kommen Zahnärzte auch in Heime oder helfen manchen Patienten zuhause, wenn diese laut Pflegegutachten das Haus nicht mehr verlassen können. Die Krankenkasse übernimmt in diesem Fall die Kosten. Eine Liste der Zahnärzte, die diesen Service bieten, ist bei der Bundeszahnärztekammer erhältlich. Fragen Sie auch in Ihrer Praxis nach.

2. Regelmäßig kontrollieren

Bis zu zweimal im Jahr sollte bei Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen eine zahnärztliche Kontrolle erfolgen. Im Alter häufen sich oft die Probleme: Mundtrockenheit, zum Beispiel durch Medikamente, kann zu Karies oder Mundpilz führen. Nach einem Schlaganfall oder bei Demenz knirschen viele Menschen stark mit den Zähnen, was wiederum den Schmelz schädigen kann oder Zähne abbrechen lässt. Und wenn jemand stark abnimmt, sitzt häufig auch die Prothese nicht mehr.

3. Probleme früh erkennen

Menschen mit Demenz oder Behinderung können oft nicht mitteilen, dass sie Zahnschmerzen oder eine schlecht sitzende Prothese haben. Zahnarzt Dr. Marc Auerbacher aus München rät Pflegenden, regelmäßig mit einer Taschenlampe in die Mundhöhle zu leuchten. So lassen sich Entzündungen und andere Probleme schneller erkennen. Bemerken Sie bei Ihrem Angehörigen eines der folgenden Anzeichen, sollten Sie um­gehend einen Behandlungstermin für ihn vereinbaren:

• starker Mundgeruch

• dicke Beläge auf der Zunge

• Zahnfleischbluten

• Druckstellen von der Prothese

• abgebrochener Zahn

• Verweigern von Essen

Fachliche Beratung:

  • Juwita Rößler, Pflegepädagogin (B.A.) und Praxisanleiterin an der DRK-Fachschule für Altenpflege, Eutin
  • Dr. Michael Weiss, Zahnarzt aus Essen, Lehrauftrag ProAge Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke
  • Dr. Dirk Bleiel, Zahnarzt aus Rheinbreitbach, Lehrbeauftragter für Alterszahnmedizin
Text: Orla Finegan und Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 24.09.2020
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