Wenn Medikamente nicht mehr wirken

Arzneimittel können manchmal in ihrer Wirkung nachlassen. Welche Gründe dafür infrage kommen und wie Sie Ihre Medizin sicher anwenden.

von Elke Schurr, 31.10.2018
Tabletten

Schlucken, auflösen, verteilen, umbauen, abbauen, ausscheiden. Auf dem Weg in den Körper und wieder heraus durchläuft ein Medikament viele Verarbeitungsstufen. Sie erklären, warum die Arzneimittel-Reise durch den Körper mit zunehmendem Alter störanfälliger wird.

Kein Wunder, dass gerade ältere Patienten manchmal leise Zweifel beschleichen: Ist meine Dosis noch angemessen? Spreche ich überhaupt noch auf mein Mittel an? Und stimmt es, dass die Tabletten chronisch Kranken irgendwann gar nicht mehr helfen? Was dahinterstecken kann, wenn Arzneimittel mit der Zeit schlechter wirken.

Das Medikament wird falsch angewendet

"Über die Schlagkraft eines Medikaments entscheiden oftmals ganz praktische Dinge wie der Einnahmezeitpunkt oder ein intakter Film­überzug einer nicht teilbaren Tablette", weiß Dr. Florian Penner. Tückisch sind auch Sprays, die Asthma- und COPD-Patienten benötigen. "Gerade bei den Pulverinhalatoren reicht manchmal der Atemzug des Patienten nicht aus", so der Apotheker aus Emden. Statt bis in die Bronchien schafft es der Wirkstoff nur bis zum Mund und Rachen.

Auch Augentropfen gegen grünen Star oder trockene Augen verfehlen oft ihren Bestimmungsort. Gegen den grünen Star erhalten Patienten zudem oft zwei verschiedene Mittel. "Wer nicht aufpasst, schwemmt das eine mit dem anderen aus dem Auge aus", warnt Penner und ermuntert seine Kunden, ohne Scheu den Apotheker bei der Handhabung von Sprays oder Tropfen um Hilfe zu bitten.

Nahrungsmittel können die Wirkung beeinträchtigen

Haben Sie Ihr Antibiotikum morgens mit einem großen Glas Milch geschluckt? Nehmen Sie zu Ihrem Gerinnungshemmer plötzlich größere Mengen an Vitamin-K-haltigem Gemüse? "Das kann die Wirkung des Medikaments womöglich abschwächen", gibt Apothekerin Susanne Zeinhofer aus Rheinfelden zu bedenken. Selbst bei Nahrungsergänzungsmitteln oder Eiweißpulvern zum Abnehmen rät die Arzneimittelfachfrau, auf die Inhaltsstoffe zu achten und sie vom Apotheker überprüfen zu lassen.

Manche Arzneimittel behindern sich gegenseitig

Mit zunehmendem Alter schwächeln die Nieren, auch Leber und Darm arbeiten langsamer. Dadurch verstärkt sich in der Regel die Wirkung eines Medikaments. Es gibt aber auch den umgekehrten Effekt: Je mehr Mittel Ältere einnehmen, desto eher behindern sie sich gegenseitig. Ärzte wie Apotheker kennen die üblichen Verdächtigen. Weniger im Blick haben sie allerdings Mittel, die sich Patienten ohne Rezept besorgen und mit ihrer Dauermedizin kombinieren.

"Johanniskraut-Präparate etwa können Gerinnungshemmer, Immunsuppressiva und bestimmte Krebsmittel unwirksam machen", warnt Prof. Petra Thürmann, Klinische Pharmako­login aus Wuppertal. Auch Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac mit Präparaten gegen Bluthochdruck zu kombinieren hat ungute Folgen: Deren blutdrucksenkende Wirkung schwächt sich ab. Ähnlich ergeht es dem blutverdünnenden ASS, wenn der Patient dazu Schmerzmittel einnimmt.

Jedes geschluckte, gecremte, gesprühte Medikament – sei es noch so "natürlich"– gehört beim Wechselwirkungscheck unter die Lupe. Hilfreich ist eine Medikationsliste, die der Patient beim Arzt und Apotheker immer aktuell halten sollte. "Wir schauen dann, ob sich alle Mittel untereinander vertragen", versichert Zeinhofer, "und sprechen bei Bedarf mit dem Arzt über Alternativen und Fragen zur Dosis."

Der Körper hat sich an das Medikament gewöhnt

Auf den Körperzellen sitzen Andock-Stellen, an denen das jeweils passende Medikament Platz nimmt und seine Arbeit verrichtet. Vergrößert die Zelle allerdings die Anzahl dieser Rezeptoren, wirkt das Mittel nicht mehr ganz so gut – manche Stellen bleiben unbesetzt. Um den gleichen Effekt zu erzielen, braucht der Mensch eine höhere Dosis. Diese Gefahr besteht bei Morphin-Schmerzmitteln, teilweise auch bei Schlafmitteln. "Besprechen Sie nachlassende Wirkungen immer sofort mit Ihrem Arzt", empfiehlt Apotheker Dr. Penner.

Ob Schmerzen oder Schlaflosigkeit: In der Regel lässt sich das Problem mit anderen, nicht-medikamentösen Therapien lösen. Ein Sonderfall ist das Parkin­son­mittel L-Dopa: Mit den Jahren verliert auch dieses Medikament an Wirkung. Der Grund: Es wird im Körper zu schnell abgebaut und erreicht nicht mehr das Gehirn, sein eigentliches Ziel. "Ein Enzymhemmer, den der Arzt zusätzlich verordnet, kann den vorzeitigen Stoffwechsel zumindest für eine gewisse Zeit abbremsen", so Thürmann.

Der Wirkstoff wird zu oft oder zu lange eingenommen

Nasensprays, die wieder für Luft sorgen, haben einen fatalen Nebeneffekt: Benutzt man sie zu lange, schwillt die Nase erst recht zu. "Da sind regelrechte Ausschleich-Programme vonnöten, um von den abschwellenden Sprays loszukommen und die Nasenschleimhaut zu regenerieren", sagt Apothekerin Zeinhofer.

Beim Dauergebrauch von Kopfschmerzmitteln droht ebenfalls Gefahr, weil diese selbst einen Schmerzmittel-­Kopfschmerz auslösen können. Lassen Sie sich deshalb in der Apotheke beraten, wie lange ein Medikament angewendet werden darf. Dort nennt man Ihnen auch Alternativen.

Die Krankheit hat sich verändert

Manchmal verschlechtert sich die Krankheit selbst, weil der Körper sich verändert. Man legt vielleicht an Gewicht zu, Arterien werden mit der Zeit starrer. Wer jahrelang mit einem Blutdruckmittel auskam, stellt irgendwann fest, dass es nicht mehr den gewünschten Effekt erzielt. "Statt die Dosis immer weiter zu erhöhen, ist es dann besser, ein zweites Mittel dazuzunehmen", weiß Thürmann. Zudem treten bei Kombi­präparaten in der Regel weniger Nebenwirkungen auf.

Das Medikament wird schlagartig abgesetzt

Die Beschwerden kehren stärker ­zurück, als sie vor der Behandlung waren? Typisch für den sogenannten Rebound-­Effekt. Mit dieser überschießenden Gegenreaktion des Körpers müssen Patienten zum Beispiel bei Magensäureblockern, abschwellenden Nasensprays und Abführmitteln, aber auch bei Antidepressiva und Antiepileptika rechnen, wenn sie die Präparate von einem Tag auf den anderen absetzen.

"Alle diese Mittel sollte der Patient deshalb nur langsam ausschleichen", mahnt Apotheker Dr. Florian Penner, "am besten mit ärztlicher Hilfe." Das bedeutet: die Dosis Schritt für Schritt verringern.

Unsere Experten:
Susanne Zeinhofer Apothekerin in Rheinfelden
Dr. Florian Penner, Apotheker in Emden
Prof. Petra Thürmann Direktorin des Philipp- Klee-Instituts, Wuppertal, und Fachärztin für Klinische Pharmakologie


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