Blasenprobleme: Das Schweigen der Männer

Über Probleme beim Wasserlassen spricht niemand gern. Aber wer zeitig Hilfe sucht, kann Schlimmeres verhindern - und hat bald wieder mehr Lebensqualität.

von Heidi Loidl , 13.07.2018
Mann steht am Fenster

Von wegen noch schnell aufs Klo! Erst kommt nichts, dann nicht alles. Bis die Blase sich entleert hat, dauert es, und es tropft nach. Oder der Drang kommt plötzlich und quält vor allem nachts. Viele ältere Männer kennen das. Und tun es oft als Alterserscheinung ab.

"Das ist es aber nicht", erklärt Dr. Holger Uhthoff, "Probleme beim Wasserlassen sind meist ganz einfach zu erklären: Die Prostata ist vergrößert." Bei jedem zweiten Mann ab 50 hat die Drüse, die auf Höhe des Blasenausgangs die Harnröhre umgibt, bereits an Größe zugelegt. Weil es sich dabei in den allermeisten Fällen um ein gutartiges Wachstum handelt, ist das noch nicht beunruhigend.

„Aber man sollte das Organ im Blick behalten“, so der Urologe aus Speyer. Aus Nachtröpfeln kann schleichend mehr werden, es kann die Lebensqualität massiv beeinträch­tigen und sogar lebensgefährlich werden.

Einmal im Jahr möchte Uhthoff seine Patienten daher sehen. Er tastet dann die Prostata ab. Solange Blutbild und Urintest unauffällig sind und der Ultraschall nach der Blasen­entleerung keinen Harnrest zeigt, ist keine Behandlung nötig. „Gegen die Unannehmlich­keiten beim Wasserlassen lohnt sich aber ein Versuch mit pflanzlichen Mitteln wie Arzneikürbis, Brennnessel und Sägepalme.“ Wichtig ist auch das richtige Urinieren – keiner seiner Patienten geht ohne Verhaltenstipps: nach dem Urinieren etwas warten, die Harnröhre ausstreichen, den Penis abschütteln und trocken tupfen.

Wasserlassen neu lernen

Angelika Sonnenberg weiß, wie dankbar Betroffene solche Tipps annehmen. Die Kontinenz­beraterin vom St.-Elisa­beth-Krankenhaus Köln kennt viele – auch schwer – Betroffene. Sie wünscht sich, die Männer früher zu erreichen, um Schlimmerem vorzu­beugen. Ihr oberstes Gebot für Männer mit Schwierigkeiten beim Wasserlassen: im Stehen urinieren – möglichst in einen kleinen Eimer, um im Bad keine Spritzer zu hinterlassen. 

Ist die Harnröhre durch eine vergrößerte Prostata verengt, muss man gegen einen Widerstand anpinkeln. „Das gelingt im Stehen besser, weil man so besser Druck aufbaut“, erläutert Sonnenberg. „Aber Achtung, dabei die Unterhose weit genug herunterziehen, damit der Hosengummi die Harnröhre nicht zusätzlich ein­engt“, warnt Uhthoff. Beide Experten sind sich einig: „Eine gute Blasenentleerung ist das A und O.“

Risikofaktor Restharn

Mit dem Verbleib von Restharn beginnt nämlich das Unglück: Er erhöht nicht nur das Risiko für Blasenentzündungen, sondern es kann sich schleichend eine Überlaufblase entwickeln (Grafik rechts). Besonders belastend: Das damit verbundene Tröpfeln lässt sich weder kontrollieren, noch merkt man es. Aus Scham ziehen sich Betroffene häufig zurück. So weit muss es aber nicht kommen.

Der Restharn lässt sich beim Urologen leicht bestimmen. Daran – und an den Beschwerden des Patienten – bemisst sich die Therapie. Ab 50 Milli­litern, das ist etwa ein Achtel dessen, was eine normale Blase fasst,  verschreibt der Arzt Medikamente.

Zum Beispiel Alpha-Blocker, die die Muskeln in Prostata, Blase und Harnröhre entspannen und so den Harndrang mildern. Oder 5-Alpha-Reduktasehemmer: Sie blockieren die Bildung bestimmter Hormone, die das Prostatawachstum fördern. Welches Präparat es letztlich wird, hängt vor allem von der Art der Beschwerden ab.

Aber bevor er zum Rezeptblock greift, will Uhthoff wissen, was seine Patienten sonst noch einnehmen. Eine ganze Reihe von Mitteln kann näm­lich die Probleme beim Wasserlassen verschärfen. „Dazu gehören bestimmte Präparate gegen Depressionen, Parkinson und Allergien sowie rezeptfreie Schlafmittel mit synthetischen Wirkstoffen“, erläutert Dr. Sandra Barisch. „Sie erschweren es der Blase, sich zu entleeren.“ Auch Diuretika als harntreibende Mittel machen es nicht einfacher. Die Apothekerin aus Wernau am Neckar benennt ein großes Problem: „Patienten gehen oft zu mehreren Ärzten, die nichts voneinander wissen.“ Die wenigsten haben einen Medikationsplan, der alle Arzneimittel auflistet. Umso wichtiger, dass der Apotheker jede neue Arznei mit bereits eingenommenen abgleicht. „Bei Stammkunden ist das einfach, weil wir deren Arzneien elektronisch erfassen.“ Bei anderen fragt sie nach und bietet einen Check aller Medikamente an. 

Letzter Ausweg Chirurgie

Bei guter Einstellung können die meis­­ten Patienten gut mit der vergrößerten Prostata leben. Lassen sich die Beschwerden aber mit Tabletten nicht mehr in den Griff kriegen, drängt Uhthoff auf eine chirurgische Lösung. Denn unbehandelt kann die Überlaufblase durch den Rückstau von Urin die Nieren bis zum lebensbedrohlichen Organversagen schädigen. Standard ist heute das endo­skopische Abtragen von störendem Gewebe über die Harnröhre. Der Eingriff bannt nicht nur die Gefahr, sondern verschafft dem Patienten auch spürbare Erleichterung.

Unsere Experten:

Dr. Holger Uhthoff, Urologe aus Speyer

Dr. Sandra Barisch, Apothekerin aus Wernau am Neckar


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