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Corona – was ist jetzt mit dem Pflegedienst?

Die Corona-Krise stellt nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die häusliche Pflege vor Herausforderungen. Ralf Geisel, Vorsitzender des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste Hessen beantwortet die drängendsten Fragen.

von Silke Becker, 31.03.2020

Arbeiten die Pflegedienste trotz Corona weiter?

Ralf Geisel: Selbstverständlich! Momentan gibt es bei den Pflegediensten höchstens vereinzelte Corona-bedingte Ausfälle. Die allermeisten Pflegekräfte können aktuell also ganz normal weiter arbeiten.

Selbstverständlich tun die Pflegedienste alles dafür, dass dies auch so bleibt. Im Moment sind alle extrem vorsichtig. Mitarbeiter bleiben oft sicherheitshalber zu Hause, sobald sie auch nur die allergeringsten Erkältungssymptome haben oder anderweitig irgendwelche Risiken bestehen könnten.

Viele Dienste haben außerdem ihre internen Strukturen umgestellt, um die Kontakte unter den Beschäftigten so weit wie möglich zu reduzieren. Beispielsweise läuft die gesamte Organisation der Einsätze inzwischen vielfach rein telefonisch und die Kräfte fahren wenn möglich auch immer dasselbe Auto. Dadurch soll verhindert werden, dass sich Kollegen wechselseitig anstecken.

Was, wenn die Pflegekräfte massenhaft ausfallen?

Ralf Geisel: Im Moment ist dies definitiv noch nicht der Fall. Aber natürlich kann man so ein Szenario für die Zukunft nicht ausschließen, je nachdem wie sich die Pandemie entwickelt. Die Pflegedienste werden alles in ihrer Macht stehende tun, um die Versorgung ihrer Patienten weiter sicherzustellen.

Die meisten Pflegekräfte sind sehr engagiert, motiviert und verantwortungsbewusst. Wir spüren schon jetzt, dass die Teams in der Krise zusammenrücken. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereit, zusätzliche Schichten zu leisten oder einzuspringen, wenn Kollegen ausfallen. Außerdem sind ja bestimmte Angebote wie die Tagespflege inzwischen geschlossen. Hier wird also Personal frei, dass zusätzlich zur Versorgung der Pflegebedürftigen zur Verfügung steht.

Erhalten Pflegebedürftige trotz Corona dieselben Leistungen wie sonst auch?

Ralf Geisel: Derzeit wird die Pflege von den Diensten im normalen Umfang durchgeführt. Aber natürlich kann niemand sicher sagen, wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickeln wird. Wenn es hart auf hart kommt, weil viele Pflegekräfte erkrankt sind, werden die Dienste sicherlich Prioritäten setzen müssen. Am wichtigsten sind natürlich die medizinisch notwendigen Leistungen, wie beispielsweise die Gabe von Insulin. Auf das Duschen oder Ähnliches kann man schließlich notfalls auch mal verzichten.

Was mache ich, wenn die Tagespflege geschlossen hat?

Ralf Geisel: In den allermeisten Fällen wird man diesen Ausfall privat überbrücken und sich selbst um den Pflegebedürftigen kümmern müssen. Ähnlich wie bei der Kinderbetreuung gibt es aber auch hier eine Notbetreuung, wenn die Angehörigen in systemrelevanten Berufen arbeiten und die Betreuung des Seniors deshalb nicht selbst übernehmen können. Als systemrelevant gelten unter anderem die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, bei Polizei und Feuerwehr, in den Elektrizitätswerken, der Wasserversorgung und Ähnliches.

Ist es nicht besser, dem Pflegedienst abzusagen?

Ralf Geisel: Davon würde ich klar abraten. Zum einen gibt der Kontakt mit der vertrauten Pflegekraft und der gewohnte Tagesablauf den Pflegebedürftigen Sicherheit. Das ist gerade in der aktuellen Situation sehr wichtig, die ja durchaus auch Ängste auslöst.

Zum anderen wird der Pflegedienst natürlich deshalb eingesetzt, weil die Angehörigen die Versorgung nicht oder nicht mehr allein bewältigen können. Es bringt niemandem etwas, wenn beispielsweise die 80-jährige Ehefrau ihren 85-jährigen Ehemann aus Angst vor Corona jetzt selbst pflegen will, obwohl sie das kräftemäßig gar nicht mehr schafft. So etwas kann leicht zu schweren Unfällen führen, etwa wenn sie ihren Mann beim duschen nicht mehr halten kann und beide stürzen. Außerdem besteht dann das Risiko, dass medizinisch notwendige Dinge gar nicht mehr durchgeführt werden, einfach weil man das als Laie nicht richtig hinbekommt. Wenn beispielsweise die Kompressionsstrümpfe nicht mehr angezogen werden oder Ähnliches, gefährdet dies die Gesundheit des Pflegebedürftigen. Solche Dinge sind schließlich nicht umsonst vom Arzt verordnet worden.

Ist eine sichere Pflege überhaupt möglich?

Ralf Geisel: In diesem Zusammenhang sollte man bedenken, dass der Pflegedienst nur deshalb kommt, weil der Pflegebedürftige sich nicht mehr selbst versorgen kann. Irgendwer muss diese notwendige Versorgung übernehmen. Es lässt sich bei bestimmten Hilfestellungen auch einfach nicht vermeiden, nah am Patienten zu sein, beispielsweise beim Zähneputzen.

Bei den Pflegedienstmitarbeitern kann man aber davon ausgehen, dass sie alles tun, um das Risiko zu minimieren. Es handelt sich um medizinisch ausgebildetes Fachpersonal, dass die Hygienevorschriften kennt und penibel beachtet.

Trotzdem muss man natürlich offen zugeben: Wenn eine Person von außen in die Wohnung hinein kommt, ist damit ein gewisses Restrisiko verbunden. Das gilt aber genauso, wenn Angehörige, Freunde oder Nachbarn die Wohnung betreten, denn auch diese Personen können den Pflegebedürftigen infizieren.

Wäre es nicht sicherer, den Senior vorübergehend in ein Pflegeheim zu geben?

Ralf Geisel: Hier sollte man folgendes bedenken. Grundsätzlich fühlen sich die Menschen in ihrer vertrauten Wohnung wohler und haben auch ein höheres Sicherheitsgefühl als in einer völlig neuen, unbekannten Umgebung. Das ist momentan ganz besonders wichtig, weil die Pflegebedürftigen ja soziale Kontakte so weit wie möglich vermeiden sollen und deshalb häufig kaum noch aus dem Haus kommen.

Zudem lebt der Senior zu Hause in seinem gewohnten Keim-Milieu, in einem Seniorenheim dagegen wird er vielen neuen, fremden Keimen ausgesetzt. Das ist in der aktuellen Situation sicherlich kein Vorteil.

Außerdem sind die meisten Pflegeheime sowieso weitestgehend belegt und freie Plätze sehr rar; es ist also auch eine praktische Frage.

Gibt es überhaupt genügend Schutzkleidung, damit sich die Pflegekräfte richtig schützen können?

Ralf Geisel: Tatsächlich gibt es derzeit Engpässe bei Schutzmasken und ähnlichen Produkten. Manche Pflegedienste haben aber noch Restbestände. Ansonsten tun die Pflegedienste derzeit alles, um die notwendigen Produkte so schnell wie möglich wieder zu beschaffen.

Bekommen die Menschen keine Angst, wenn das Pflegepersonal in Schutzkleidung kommt?

Ralf Geisel: Wir haben eher die gegenteilige Erfahrung gemacht. Die meisten Pflegebedürftigen sind froh, wenn das Personal Schutzkleidung trägt, denn inzwischen weiß ja jeder, worum es dabei geht.

Was können Angehörige noch tun?

Ralf Geisel: Man weiß natürlich nicht, was alles noch kommen wird. Angehörige sollten deshalb sicherstellen, dass der Pflegedienst wirklich aktuelle Handynummern und ähnliche Kontaktdaten hat, um die Angehörigen bei eventuellen Problemen schnellstmöglich kontaktieren zu können.

Was ist, wenn ein pflegebedürftiger Senior Corona-infiziert ist?

Ralf Geisel: Selbstverständlich steht der Haushalt des Infizierten dann unter Quarantäne. In solchen Fällen darf der Pflegedienst das Haus nur unter Einhaltung strengster Sicherheitsvorschriften und in entsprechender Schutzkleidung betreten, ähnlich wie es auch im Krankenhaus der Fall ist. In der Praxis dürften die allermeisten Corona-positiven Pflegebedürftigen aber sowieso direkt in ein Krankenhaus kommen.

Findet man derzeit überhaupt noch einen privaten Pflegedienst?

Ralf Geisel: Die Kapazitäten vieler Pflegedienste sind am Limit, denn es ist für alle Anbieter extrem schwer, qualifiziertes Personal zu finden. Das hat aber mit Corona nichts zu tun, sondern war auch schon vorher so. Man muss also die Dienste vor Ort anfragen. Was möglich ist, hängt davon ab, welche Leistungen man konkret benötigt. Bis man einen Pflegedienst gefunden hat, muss man die Versorgung übergangsweise privat überbrücken.


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