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Corona – was ist jetzt mit dem Pflegedienst?

Die Corona-Krise stellt nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die häusliche Pflege vor Herausforderungen. Ralf Geisel, Vorsitzender des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste Hessen beantwortet die drängendsten Fragen.

von Silke Becker, aktualisiert am 10.08.2020

Arbeiten die Pflegedienste trotz Corona weiter?

Ralf Geisel: Ja, bisher gab es bei den Pflegediensten höchstens vereinzelte Corona-bedingte Ausfälle. Die allermeisten Pflegekräfte konnten bislang also ganz normal weiter arbeiten. Auch die Tagespflege, die anfangs ja geschlossen war, ist wieder erlaubt.

Ist eine sichere Pflege überhaupt möglich?

Ralf Geisel: Die Pflegedienste haben sich auf die neue Situation eingestellt. Inzwischen sind die neuen Hygienemaßnahmen flächendeckend umgesetzt und zur Routine geworden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für das Thema sensibilisiert und die notwendigen Verhaltensweisen sind den meisten inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. So ist beispielsweise der Mund-Nasen-Schutz inzwischen Standard, die Handhygiene wird routinemäßig umgesetzt und Flächen, Griffe usw. werden viel häufiger desinfiziert als früher. Startschwierigkeiten, die es am Anfang der Pandemie noch gegeben hat, sind inzwischen behoben. Mund-Nasen-Schutz, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel sind inzwischen wieder verfügbar und die Hygienestandards können voll und ganz umgesetzt werden. Dadurch werden die Patienten nicht nur vor Corona, sondern auch vor anderen Infektionskrankheiten wie beispielsweise der Grippe, bestmöglich geschützt.

Trotzdem muss man natürlich offen zugeben: Wenn eine Person von außen in die Wohnung hinein kommt, ist damit trotz höchstmöglicher Sicherheitsvorkehrungen ein gewisses Restrisiko verbunden. In diesem Zusammenhang sollte man aber bedenken, dass der Pflegedienst nur deshalb kommt, weil der Pflegebedürftige sich nicht mehr selbst versorgen kann. Irgendwer muss diese notwendige Versorgung übernehmen. Es lässt sich bei bestimmten Hilfestellungen auch einfach nicht vermeiden, nah am Patienten zu sein, beispielsweise bei der Körperpflege oder beim Zähneputzen. Das gilt aber genauso, wenn Angehörige, Freunde oder Nachbarn die Wohnung betreten oder die Versorgung übernehmen, denn auch diese Personen können den Pflegebedürftigen infizieren.

Bekommen die Menschen keine Angst, wenn das Pflegepersonal in Schutzkleidung kommt?

Ralf Geisel: Wir machen eher die gegenteilige Erfahrung. Die meisten Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen sind froh, wenn das Personal Schutzkleidung trägt, denn inzwischen weiß ja jeder, worum es dabei geht.

Was gilt bei der Tagespflege?

Ralf Geisel: Auch bei der Tagespflege gelten sehr strenge Hygienekonzepte. Unter anderem wird schon bei der Abholung und bei der Ankunft in der Einrichtung die Temperatur des Seniors gemessen, in den Fahrzeugen werden nur wenige Patienten transportiert um die Abstände einzuhalten, der Fahrer ist durch eine Plexiglasscheibe abgeschirmt und alle tragen einen Mund-Nasen-Schutz. Beim Personal wird täglich die Temperatur kontrolliert und es wird enorm auf die Einhaltung der Hygieneregelungen geachtet, also genügend Abstand zwischen den Menschen, Desinfektion, Handhygiene, Mund-Nasen-Schutz usw. Auch in der Tagespflege ist also die Infektionsgefahr auf ein absolutes Minimum reduziert. Bei der Entscheidung pro und contra Tagespflege sollte man bedenken, dass diese Betreuung ja nicht nur für pflegende Angehörige eine wichtige Erleichterung darstellt, sondern auch Lebensqualität für den Senior bedeutet, weil er dort Anregungen und Kontakte findet.

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Viele Menschen in der Pflege fühlen sich alleingelassen und überfordert. Woraus wir lernen sollten und wo pflegende Angehörige Hilfe und auch Erholung finden können, beantwortet der Pflegeberater André Scholz.

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Können sich die Pflegekräfte untereinander anstecken?

Die Pflegedienste möchten Infektionen unter ihren Mitarbeitern schon im eigenen Interesse um jeden Preis vermeiden. Im Krankheitsfall würden sie nämlich kaum Ersatz finden, weil der Markt für Pflegekräfte leergefegt ist. Deshalb haben die Pflegedienste ihre internen Arbeitsabläufe massiv verändert. Das sind sehr viele Einzelmaßnahmen, die das Risiko im Gesamtpaket auf ein Minimum reduzieren. Vor allem werden persönliche Kontakte zwischen den Mitarbeitern so weit wie möglich vermieden. Die Kommunikation läuft inzwischen fast ausschließlich telefonisch oder per Mail. Viele Pflegedienste haben auch ein Schleusensystem für den Zugang zur Verwaltung eingerichtet, sodass sich die Beschäftigten hier nicht mehr begegnen. Falls ein persönlicher Kontakt notwendig ist, werden selbstverständlich Masken getragen und die Mindestabstände eingehalten. Die Schichten werden so eingeteilt, dass jede Kraft so weit wie möglich immer dieselben Patienten betreuen. Auch die Fahrzeuge werden so weit wie möglich nicht mehr zwischen den Mitarbeitern getauscht, und wenn dies doch einmal notwendig sein sollte, werden die Autos komplett desinfiziert.

Was, wenn die Pflegekräfte massenhaft ausfallen?

Ralf Geisel: Selbst in den Hochzeiten der Pandemie hatten wir bislang noch keine solche Situation. Außerdem sind die Hygienemaßnahmen seitdem wesentlich verbessert worden. Deshalb glaube ich nicht, dass eine solche Situation eintreten wird. Aber natürlich kann niemand so etwas mit absoluter Sicherheit ausschließen, denn niemand kann in die Zukunft sehen. Falls es tatsächlich zu Engpässen kommen sollte, werden die Pflegedienste alles in ihrer Macht stehende tun, um die Versorgung ihrer Patienten weiter sicherzustellen. Schon im bisherigen Verlauf der Krise hat sich gezeigt, dass die meisten Pflegekräfte sehr engagiert, motiviert und verantwortungsbewusst sind. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren und sind bereit, zusätzliche Schichten zu leisten oder einzuspringen, wenn Kollegen ausfallen. Wenn es hart auf hart kommen sollte, weil tatsächlich sehr viele Pflegekräfte gleichzeitig erkranken, werden die Dienste sicherlich Prioritäten setzen müssen. Am wichtigsten sind natürlich die medizinisch notwendigen Leistungen wie beispielsweise die Gabe von Insulin. Auf das Duschen oder Ähnliches könnte man schließlich notfalls auch mal verzichten.

Was, wenn der Pflegebedürftige sich nicht gut fühlt?

Ralf Geisel: Viele Pflegebedürftige wollen derzeit aus Angst vor Corona nicht mehr zum Arzt, obwohl sie sich nicht gut fühlen. Das gilt nicht nur bei den typischen Corona-Symptomen, sondern auch bei anderen Erkrankungen. Bemerkt das Pflegepersonal, dass ein Patient verdächtige Krankheitssymptome zeigt, wird er sicherheitshalber erst einmal so behandelt, als ob eine Corona-Infektion vorliegt. Der Senior wird aber trotzdem versorgt, denn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ein "Corona-Paket" mit entsprechender Schutzkleidung im Auto, die eine sichere Pflege ermöglicht. Selbstverständlich leitet das Personal außerdem umgehend weitere Maßnahmen ein, informiert beispielsweise die Angehörigen und den behandelnden Arzt.

Angehörigen und natürlich den Pflegebedürftigen selbst kann man nur dringend raten, bei Krankheitssymptomen aller Art nicht abzuwarten, sondern rechtzeitig einen Arzt hinzuzuziehen. Besteht ein Verdacht auf eine Corona-Infektion, sollte man dies vorher telefonisch mit dem Hausarzt besprechen, damit ein Abstrich gemacht werden kann. Auch der Pflegedienst sollte umgehend über jede Erkrankung informiert werden.

Was ist, wenn ein Pflegebedürftiger Corona-infiziert ist?

Ralf Geisel: Selbstverständlich steht der Haushalt des Infizierten dann unter Quarantäne. In solchen Fällen darf der Pflegedienst das Haus nur unter Einhaltung strengster Sicherheitsvorschriften und in entsprechender Schutzkleidung betreten, ähnlich wie es auch im Krankenhaus der Fall ist. In der Praxis dürften die allermeisten Corona-positiven Pflegebedürftigen aber sowieso direkt in ein Krankenhaus kommen.

Was können Angehörige noch tun?

Ralf Geisel: Angehörige sollten sicherstellen, dass der Pflegedienst wirklich aktuelle Handynummern und ähnliche Kontaktdaten hat, um die Angehörigen bei eventuellen Problemen schnellstmöglich kontaktieren zu können.

Findet man derzeit überhaupt noch einen privaten Pflegedienst?

Ralf Geisel: Die Kapazitäten vieler Pflegedienste sind am Limit, denn es ist für alle Anbieter extrem schwer, qualifiziertes Personal zu finden. Das hat aber mit Corona nichts zu tun, sondern war auch schon vorher so. Man muss also die Dienste vor Ort anfragen. Was möglich ist, hängt davon ab, welche Leistungen man konkret benötigt.


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