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Interview: „Soziale Distanz funktioniert in der Pflege nicht“

Mehr als die Hälfte der Menschen, die an Corona verstarben, wurde in Pflegeheimen oder von Pflegediensten betreut, berichten Forscher der Universität Bremen. Zu den Hintergründen ein Interview mit der Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann.

von Kai Klindt, 18.06.2020

Pflegebedürftige Menschen sind in Deutschland durch die Corona-Pandemie besonders stark gefährdet: Nach Hochrechnungen von Forschern der Universität Bremen waren in Deutschland mehr als die Hälfte aller Covid-19-Verstorbenen Menschen, die stationär in Pflegeheimen oder ambulant von Pflegediensten betreut wurden. Von allen bundesweit mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 Infizierten habe diese Gruppe einen Anteil von 8,5 Prozent, teilte die Universität Bremen Anfang Juni mit. Wir sprachen mit Studienleiterin Frau Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann.

Frau Prof. Wolf-Ostermann, nach Ihren Berechnungen kamen rund 60 Prozent der an Covid-19 verstorbenen Patienten aus Pflegeheimen oder wurden von ambulanten Pflegediensten betreut. Muss man sagen: Die Schutzmaßnahmen haben nicht funktioniert?
Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann: Nein, das kann man nicht sagen. Drei Viertel der von uns befragten Heime hatten gar keine Corona-Fälle. Aber wenn die Infektion es erstmal ins Heim geschafft hat, sind schnell mehrere Menschen betroffen. Für mich lautet die Schlussfolgerung: Wenn wir Todesfälle durch Corona verhindern wollen, müssen wir das Augenmerk auf die Pflege und insbesondere auf die Pflegeheime richten.

Der hohe Anteil von pflegebedürftigen Menschen unter den Corona-Opfern wird oft damit begründet, dass diese Menschen meist gebrechlich und vorerkrankt sind. Reicht Ihnen das als Erklärung?
Wir haben das nicht untersucht, aber das dürfte schon ein wesentlicher Grund sein. Das zeigen uns auch Zahlen aus anderen europäischen Ländern. Hinzu kommt, dass in Heimen ein enger räumlicher Kontakt besteht.

Auch für die Pflegekräfte haben Sie höhere Infektionsquoten errechnet. Die Mitarbeiter in Pflegeheimen waren sechs Mal so häufig von Corona betroffen wie der Durchschnitt der Bevölkerung …
Naja, die Pflege steckt hier natürlich in einem Dilemma. Soziale Distanz funktioniert in der Pflege nicht. Sie müssen ja körpernah arbeiten! Von daher besteht grundsätzlich ein höheres Infektionsrisiko, als wenn Abstand gehalten werden kann. Und die andere Frage ist: Inwieweit habe ich ausreichend Schutzmaterialien zur Verfügung? Da gab es nach Aussage der Einrichtungen gerade am Anfang der Corona-Krise große Lücken.

Woran hat es besonders gehapert?
Wir haben nur allgemein nach Schutzmaterialien gefragt: Masken, Kleidung, Desinfektionsmittel. Und wir wissen ja inzwischen, dass man darüber die Ausbreitung der Infektion ganz gut steuern kann. Am Anfang der Pandemie berichtete mehr als die Hälfte der Pflegedienste über einen Mangel an solchen Produkten. Im Mai, als wir unsere Umfrage durchführten, war es immer noch ein Viertel.

Das klingt nach wie vor dramatisch.
Es ist zumindest kein gutes Bild, wenn dieser Mangel so lange besteht. Das Wichtige ist jetzt, dass wir aus den Erfahrungen der vergangenen Monate lernen – auch, um für eine mögliche zweite Welle gerüstet zu sein.

Welche Lehren würden Sie ziehen?
Es sollte im Fall einer Pandemie klare, bundesweit gültige Handlungsanweisungen für Heime und Pflegedienste geben – die Einrichtungen fühlten sich da in den ersten Wochen der Corona-Krise häufig alleingelassen. Ein großer Wunsch, der uns von den Einrichtungen rückgemeldet wurde, ist: Es muss viel mehr und häufiger auf Corona getestet werden, beim Personal und bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. Wir wissen ja inzwischen, dass schon in den Tagen, bevor Symptome auftreten, ein hohes Risiko besteht, andere anzustecken. Wenn ich nicht weiß, dass ich infektiös bin, kann ich die Viren natürlich ungewollt verteilen. Von daher ist es gut, dass das Bundesgesundheitsministerium jetzt flächendeckende Tests in Pflegeeinrichtungen voranbringen will.

Hätte man damit nicht viel früher beginnen müssen, um die Menschen in den Heimen zu schützen?
Das wäre sicher sinnvoll gewesen – aber wir hatten ja gar nicht die Kapazitäten, um so viele Tests durchzuführen. Das ist erst jetzt der Fall.

Wenn 75 Prozent der Heime keinen Corona-Fall hatten: Was haben diese Einrichtungen besser gemacht als die 25 Prozent, in denen das Virus grassierte?
Das können wir im Augenblick nicht beantworten. Aber wenn man sich unsere Daten ansieht, fällt auf, dass es eine Reihe von Heimen gab, in denen zwar Mitarbeitende infiziert waren – aber keiner der Bewohner. Das finde ich spannend: Es ist hier offenbar gelungen, die pflegebedürftigen Menschen gut zu schützen. Da würde es sich lohnen, genauer hinzusehen. Der zweite Befund: Kleinere Einrichtungen waren offenbar stärker von Corona betroffen. Das mag damit zusammenhängen, dass man Infizierte und Nicht-Infizierte räumlich schlechter trennen konnte – aber das ist nur eine Vermutung.

Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann, Pflegeforscherin, Universität Bremen Human und Gesundheitswissenschaften

Der größte Teil der pflegebedürftigen Menschen wird von Angehörigen versorgt. Wie sehen die Zahlen für die Corona-Todesfälle hier aus?
Dazu gibt es bisher keine Zahlen, weil die offizielle Statistik zwar die Todesursache erfasst, aber nicht, ob der Verstorbene einen Pflegegrad hatte. Wir führen gerade eine Umfrage mit pflegenden Angehörigen durch, in der wir hoffentlich mehr erfahren [Anmerkung der Redaktion: Hier gehts zur Umfrage]. Unsere aktuelle Studie gibt aber einen Hinweis darauf, wie sehr die Angehörigen durch die Pandemie belastet werden: Fast jeder zweite ambulante Pflegedienst gab an, dass die häusliche Versorgung der Kunden gefährdet ist.

Denken Sie, dass die Pflege eine zweite Corona-Welle besser bewältigt als die erste?
Ich glaube schon. Es ist entscheidend, dass wir jetzt ausreichend testen können. Man muss aber auch sagen: Das, was wir im Augenblick betreiben, sozialer Abstand, geht in der Pflege überhaupt nicht. Sie isolieren mit den pflegebedürftigen Personen Menschen, für die soziale Kontakte mit das Wichtigste sind. Das ist auf Dauer auch sehr schädlich, um es vorsichtig auszudrücken.


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