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Kontaktverbot: Drei Bewohner eines Seniorenheims erzählen

Auch im Elisabethenheim im bayerischen Schwandorf hat das neuartige Coronavirus den Alltag durcheinander gebracht. Drei Bewohner erzählen im Interview, wie sich das Besuchsverbot für sie anfühlt.

von Raphaela Birkelbach, 03.04.2020
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Kontakt zu den Angehörigen? Zur Zeit nur per Telefon oder Post möglich.


Anneliese Frank, 90 Jahre, lebt seit fünf Jahren im Elisabethenheim in Schwandorf:

Frau Frank, wie geht es Ihnen gerade?

Das ist schon nicht schön gerade mit dem Virus. Aber man gewöhnt sich daran. Was anderes bleibt einem ja nicht übrig.

Sie sollen das Pflegeheim nicht mehr verlassen, keinen Besuch empfangen und sich auch nicht mit anderen Bewohnern treffen. Was machen Sie den ganzen Tag?

Ich schaue viel Fernsehen. Der Fernseher ist derzeit der Einzige, der sich mit mir regelmäßig unterhält. Sonst spreche ich unten im Speisesaal immer mit meinen Tischnachbarn. Aber wir dürfen uns gerade nicht treffen. Das fehlt mir schon ein bisschen. Ich gehe auch regelmäßig hinunter zum Kegeln, zur Kunsttherapie oder zur Gymnastik. Das findet alles nicht mehr statt. Allerdings haben wir jetzt vor dem Heim einen kleinen abgezäunten Bereich, in dem wir mal spazieren gehen dürfen. So kommen wir wenigstens mal an die frische Luft!

Und wie ist es mit dem Kontakt mit den Mitarbeitern im Heim?

Die Putzfrau kommt regelmäßig, und die Schwestern schauen immer wieder mal herein. Sie bringen mir zum Beispiel das Essen. Ansonsten bin ich noch selbstständig, mit dem Rollator kann ich gut laufen und mich auch alleine waschen und baden. Ich brauche nicht so viel Hilfe. Das ist jetzt besonders gut.

Warum?

Wir sollen ja mindestens zwei Meter Abstand halten zu anderen Leuten. Da passe ich auf. Ab und an gehe ich mal hinaus auf den Flur, um mich wenigstens ein bisschen zu bewegen. Da sind zwar jetzt nicht so viele Mitbewohner unterwegs, die meisten von uns bleiben im Zimmer. Aber wenn ich jemanden treffe, achten wir auch darauf, dass wir uns nicht zu nahe kommen. Und ich wasche mir ganz oft die Hände.

Haben Sie Angst vor dem Virus?

Manchmal schon, aber wie gesagt, ich passe doll auf!

Fühlen Sie sich einsam?

Ich bin seit 33 Jahren Witwe und daher gewohnt, alleine zu leben. Wenn ich etwas von der Welt draußen mitbekommen will, gehe ich auf den Balkon und schaue ein bisschen umher.

Außerdem kann ich ja telefonieren. Meine Tochter lebt in Österreich, aber sie ruft jetzt jeden Tag an. Das ist schön. Sonst hatte ich öfter Besuch von meiner Nichte. Wir telefonieren nun ab und an mal. Von daher mag ich mich nicht beklagen. Wir haben hier alle zu essen und zu trinken und ein Dach über dem Kopf. Ich habe schon viel Schlimmeres erlebt im Krieg. Aber darüber spreche ich nie mehr. Da habe ich den Schalter umgelegt!

Martha Sandner, 68 Jahre, wohnt seit sieben Jahren im Elisabethenheim in Schwandorf:

Frau Sandner, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie über Corona nachdenken?

Ich habe Fragen. Wie lange dauert die Krise wohl noch? Wie konnte das bloß alles passieren?

Haben Sie eine Vermutung?

Nein, leider habe ich die auch nicht!

Wie stark belastet Corona Ihr persönliches Leben?

Ich habe keine Angst, mich anzustecken. Ich bin seit 14 Jahren blind, dadurch war ich nie so aktiv wie andere. Mich trifft daher auch die Tatsache, dass wir gerade nicht außer Haus dürfen, nicht so stark. Ich habe nicht sehr viele Kontakte, weder hier im Heim noch außerhalb. Ich bin Witwe, habe keine Kinder und auch keine Kontakte zu Angehörigen. Ich kenne das Alleinsein schon lange. Ich war Hausfrau und mein Mann war den ganzen Tag arbeiten.

Aber etwas wird es doch geben, was Sie jetzt vermissen?

Ja schon. Unsere Zeitungsrunde morgens. Einige Heimbewohner treffen sich immer in der Runde von 9.20 Uhr bis 9.50 Uhr. Da liest uns eine Betreuungskraft aus der Zeitung vor. Das findet nun leider seit einer Woche nicht mehr statt. Schade. Ich diskutiere so gerne. Das Reden über das, was gerade in der Politik passiert, fehlt mir schon.

Womit vertreiben Sie sich die Zeit?

Ich gehe gerne mal auf den Balkon. Auf dem Gang gehe ich nicht spazieren. Unser Heimleiter hat gesagt, dass wir mindestens eineinhalb Meter Abstand voneinander nehmen sollen, damit wir uns nicht anstecken. Das kann ich nicht abschätzen, weil ich nichts sehe.

Manchmal stelle ich den Fernseher an, ich kann das Programm zumindest hören. Oder ich höre Radio, ich mag gerne Schlager. Ansonsten lege ich mich gerne zwischendurch einfach mal aufs Bett und versuche zu schlafen. Und ich habe der Putzfrau gesagt, dass sie bei mir nicht Staub putzen muss. Das mache ich ganz gerne, da bin ich beschäftigt. Das klappt auch gut. Nur hängen manchmal die Bilder nachher schief. Die muss dann jemand wieder gerade hängen. (lacht)

Angelika Zuckschwert, 65 Jahre, lebt seit knapp vier Jahren im Elisabethenheim in Schwandorf:

Frau Zuckschwert, Sie sagen, die Coronakrise sei ein totaler Einschnitt für Sie. Warum?

Ich unternehme immer sehr viel im Heim. Ich gehe in die Gymnastik, in die Presserunde, das gemeinsame Rätseln und singe auch im Chor. Das findet jetzt alles nicht statt. Wobei jetzt das Ausgehverbot gelockert wurde. Wir dürfen immerhin ein paar Schritte vor dem Heimgelände spazieren gehen. Ich habe viele Kontakte im Heim, von denen ich jetzt abgeschnitten bin. Aber ich treffe auch außerhalb zahlreiche Bekannte. Diese Menschen sehe ich nun ebenfalls nicht.

Dafür wirken Sie erstaunlich fröhlich.

Da täuschen Sie sich nicht. Das bin ich auch. Ich habe hier im Heim einen lieben Menschen kennengelernt, den Rudi. Wir sind seit eineinhalb Jahren ein Paar. Wir dürfen uns trotz der schwierigen Lage treffen, so wie Ehepaare auch, das erlaubt die Heimleitung. Wir besuchen uns gegenseitig in unseren Zimmern. Wir unterhalten uns viel, über Corona, aber auch über andere Dinge. So habe ich im Gegensatz zu den meisten anderen Heimbewohnern immer einen direkten Gesprächspartner.

Aber wissen Sie, ich habe auch so meinen Lebensmut behalten. Das habe ich gelernt.

Was meinen Sie damit?

Ich bin seit dem 20. Lebensjahr blind. Ich habe insgesamt vier Kopfoperationen hinter mir. Das war zwar schwer für mich, aber ich habe gelernt, mit der Blindheit gut zu leben und nicht meinem vermeintlich verpassten Leben nachzujammern. Ich vergleiche das immer mit einem Mann, der mit einem viel zu schweren Koffer die Treppe im Bahnhof hinaufkeucht und nur noch die Rücklichter des abfahrenden Zuges sieht. Wer ist der Verlierer? Natürlich der Mann. Wer immer allem hinterherhastet, macht sich nur unglücklich. Diese Einstellung habe ich auch in der Coronakrise. Ja, es ist jetzt vieles schlimm. Aber wir müssen damit leben und nach vorne schauen. Das muss man schultern.

Haben Sie denn keine Angst vor Corona?

Ja, freilich habe ich die. Wer hat jetzt keine Angst? Aber ich werde deswegen nicht hysterisch, und mein Lebenspartner wird es auch nicht. Das bringt doch nichts. Wir müssen einfach aufpassen und versuchen, uns zu schützen.

Was tun Sie dafür zum Beispiel?

Ich gehe nur noch aus dem Zimmer, wenn ich meinen Partner besuche. Ich rufe dann an, und er holt mich oft ab, auch wenn ich den Weg mitunter alleine gehe. Dabei achten wir darauf, dass wir den nötigen Abstand einhalten. Und wir verlassen grundsätzlich nicht unsere Etage.

Ich muss dazu sagen, dass wir hier ein erstklassige Betreung habe, die uns gut durch diese Zeit begleitet. Das ist ein großes Glück, für das ich sehr dankbar bin.

Was tun Sie als Erstes, wenn die Coronakrise vorbei ist?

Uiiii! (lacht) Das weiß ich genau. Ich hake mich bei Rudi unter, und dann gehen wir mitten in die Stadt. Und ich werde alle Leute treffen, mit denen ich jetzt so oft telefoniere.


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