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"Man braucht Erfahrungswissen und Beobachtungsgabe"

Intensiv-Krankenschwester Kathrin Schlotmann über die Kommunikation mit beatmeten Patienten und was die Pflege so herausfordernd macht.

von Kai Klindt, 21.04.2020

Frau Schlotmann, wie reagieren Angehörige, wenn Sie erfahren, dass ein Patient an die Beatmung angeschlossen werden musste?

Die sind meist geschockt. Es ist ein Schreckensszenario, zu wissen, dass ein lieber Mensch nun an so viele Maschinen angeschlossen ist, man nicht mit ihm reden kann. Und dazu die Frage: Wie geht es weiter? Wird es am Ende wieder gut?

Was tun Sie, um den Angehörigen solche Ängste zu nehmen?

Besucher haben ja keinen direkten Zugang zu Intensivstationen. Normalerweise hole ich die Angehörigen also an der Schleuse ab. Auf dem Weg zum Patienten suche ich das Gespräch und bereite die Angehörigen auf die Situation vor. Das hilft schon mal. Es ist wichtig, die Angehörigen nicht in diesem Schockmoment stehen zu lassen, in einer Situation, die so oder so belastend ist.

Aber momentan ist das nicht möglich. In den Kliniken herrscht Besuchsverbot.

Ja. Es gibt nur telefonische Kontakte. Kommunikation bleibt aber das A&O im Umgang mit den Angehörigen. Sie müssen wissen: Wir geben unser Bestes, damit es dem Patienten bald wieder besser geht. Ich versuche auch immer, ein Gespräch mit dem Arzt zu ermöglichen. Viele Angehörige haben Angst, dass der Patient nicht gut versorgt wird, weil überall vom Personalmangel in den Kliniken die Rede ist. Einige können da auch recht forsch werden. Ich wünsche mir da manchmal mehr Geduld von den Angehörigen.

Kathrin Schlotmann ist Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie und hat langjährige Erfahrung auf internistischen Intensivstationen. Die 32-Jährige lebt in München und nimmt zurzeit eine Babypause.

Wie kommuniziert man mit einem Patienten, der beatmet wird? Die Patienten sind ja nicht ansprechbar.

Es ist dennoch wichtig, dass man mit ihm spricht. Ich rede mit dem Patienten immer so, als ob er wach wäre – auch wenn ich nicht weiß, wie viel er wirklich mitbekommt. Ich sage, wer ich bin und was ich jetzt mache. Und ich spreche ihm Mut zu. Da kommt mehr an, als man denkt! Auch Berührungen können dem Kranken gut tun, vor allem, wenn sie von Angehörigen kommen. Es ist schon beeindruckend, zu erleben, wie sich zum Beispiel ein beschleunigter Herzschlag plötzlich beruhigt, wenn ein vertrauter Mensch die Hand des Patienten hält oder streichelt.

Wie erinnern sich Patienten später an die Zeit der Beatmung?

Das geht wirklich von – bis. Die meisten sagen: Ich kann mich an gar nichts erinnern. In einzelnen Fällen hatte ich aber auch Patienten, die danach unter Angstzuständen litten und psychologische Hilfe bekamen. Wie das kommt, kann ich nicht sagen. Manche Intensivstationen führen für den Patienten Tagebücher, wo für jeden Tag der Beatmung notiert wird, was los war, welche Angehörigen sich gemeldet haben und so weiter. Das kann dem Patienten helfen, die zeitliche Lücke zu schließen.

In der aktuellen Pandemie bemüht man sich, Pflegekräfte von normalen Stationen für den Einsatz auf Intensivstationen fit zu machen. Wie finden Sie das?

Es ist in der momentanen Situation sicher sinnvoll. Auf der anderen Seite denke ich: Wow, wie geht das? Die Pflege auf einer normalen Station und die Arbeit auf einer Intensivstation sind zwei völlig verschiedene Welten. Ich habe am Beginn meiner Intensivzeit bestimmt ein halbes Jahr gebraucht, zu Hause viel gelesen, um einigermaßen reinzukommen. Dann habe ich noch eine zweijährige Fachweiterbildung absolviert. Allerdings sollen die Pflegekräfte jetzt ja auch keine Intensiv-Krankenschwester ersetzen. Sie sollen gezielt für bestimmte Aufgaben gecoacht werden.

Was macht die Pflege von beatmeten Patienten so herausfordernd?

Man hat viel mehr mit Technik zu tun. Die Beatmungsgeräte sind kompliziert zu bedienen, man muss wissen, wie man die Patienten richtig hinlegt, es gibt Schläuche in den Arterien und nicht nur in den Venen. Man muss ständig kleine Checks machen, etwa wie gut der Patient mit Sauerstoff versorgt ist, man muss mit den Überwachungsgeräten umgehen können. Man braucht aber auch Erfahrungswissen und Beobachtungsgabe: Wann muss ich zum Beispiel den Arzt dazu holen?

Im Moment kommt viel Lob für Pflegekräfte. Es gibt Danksagungen von der Politik und Prämien für den Einsatz in der Pandemie. Wie kommt das bei Ihnen an?

Ja, manche Restaurants liefern auch kostenlos Essen in die Kliniken. Klar, das ist erstmal sehr schön. Aber es reicht nicht, es muss sich dauerhaft etwas ändern in diesem Beruf. Das Problem sind nicht nur die niedrigen Gehälter. Was mir persönlich zusetzt, ist der Personalmangel. Der macht mich richtig traurig.

Kathrin Schlotmann Fachkrankenschweseter für Intensivpflege und Anästhesie München

Warum?

Ich war schon an dem Punkt, wo ich mich fragen musste: Werde ich meinen Patienten noch gerecht? Man hat auf der Intensivstation im Schnitt so drei bis vier Patienten zu betreuen. Wenn es dann zwei von denen schlecht geht, bist du so richtig am Rotieren. Als ich 2011 in die Intensivpflege ging, war die Besetzung noch viel besser. Heute kann ich an den meisten Tagen nicht mal eine Pause machen. Ich habe es oft erlebt, dass Praktikanten auf die Station kamen, um den Beruf kennenzulernen, und erschrocken waren von den Arbeitsbedingungen.

Sehen Sie eine Lösung?

Meiner Meinung nach ist es ein Fehler, Krankenhäuser wie ein Wirtschaftsunternehmen zu führen. Da kann die Pflege immer nur ein Kostenfaktor sein.

Personalnot, wenig Geld, Überlastung: Was hält Sie trotz allem im Pflegeberuf?

Für mich ist die Krankenpflege kein Job, sondern eine Berufung. Sonst könnte ich das gar nicht machen. Es ist einfach wunderbar zu sehen, wie es einem Patienten wieder besser geht, wie er von der Beatmung wegkommt, Schritt für Schritt wieder selbstständig wird. Angehörige, die erleichtert sind und dankbar. Das ist einfach superschön.


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