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"Oma und Opa, wann sehen wir uns wieder?"

Die Sehnsucht nach den Enkelkindern ist riesig und eigentlich dürfen sie ja auch wieder zu Besuch kommen. Dennoch fragen sich viele: Ist ein Treffen wirklich eine gute Idee oder riskieren wir damit eine Infektion mit SARS-CoV-2? Eine Entscheidungshilfe.

von Stephanie Arndt, 04.06.2020

Seit Wochen haben wir mit den Enkeln nur telefoniert oder sie per Videoanruf gesehen. Nach den gelockerten Kontaktbeschränkungen steht dem Besuch nun theoretisch nichts mehr im Wege. Die Betonung liegt auf theoretisch. Denn in der Praxis stecken viele Großeltern in einer Zwickmühle. Schließlich zählen ältere Menschen nach wie vor zur Risikogruppe. Aber gilt das noch so grundsätzlich, auch für gesunde Menschen? Und wie erkläre ich meiner Familie, noch keinen Besuch haben zu wollen? Wir haben ein Experten-Duo um Rat gefragt: Prof. Dr. Hans Jürgen Heppner, Präsident der Deutschen Geriatrie Gesellschaft (DGG) und den Diplom-Psychologen Andreas Winkler von der Klinik für Akutgeriatrie am Klinikum St. Georg in Leipzig.

Die Situation: Sie sind noch jung und fit

"Grundsätzlich hat sich in den letzten Wochen nicht viel geändert, ganz im Gegenteil", erklärt Heppner. "Es gibt nach wie vor keinen Impfstoff und gleichzeitig werden die Schutzmaßnahmen zurückgefahren. Doch gerade ältere Menschen, vor allem die über 50- bis 60-jährigen, die schon Vorerkrankungen haben, sind von einem schweren Verlauf der Covid19-Erkrankung besonders bedroht. Daher würde ich heute sagen, dass gesunde Großeltern durchaus wieder Kontakt mit ihren Kindern und Enkelkindern haben können, wenn alle es möchten. Wir müssen jetzt wieder Leben zulassen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Kontakte."

Unbedingt nötig sei laut Heppner aber, sich an den Mindestabstand von 1,5 bis 2 Metern zu halten und eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Verabreden Sie sich im Idealfall draußen, zum Beispiel zum Grillen mit Mindestabstand auf der Terrasse. Wenn das nicht möglich ist und ein Treffen nur drinnen stattfinden kann, begrenzen Sie den Besuch auf kurze Zeit und sorgen Sie für gut belüftete Räume. Mittlerweile gilt es als gesichert, dass das Virus nicht nur durch Tröpfchen beim Husten oder Niesen übertragen wird, sondern auch von sogenannten Aerosolen. Das sind winzig kleine Tropfen, die länger in der Luft schweben können. Mit regelmäßigem Lüften oder einem Treffen draußen können Sie die Gefahr verringern. "Auch wenn es emotional oder finanziell schwerfällt: Familien sollten im Moment lieber eine Nacht im Hotel oder in einer Ferienwohnung buchen als im Gästezimmer bei Oma und Opa zu schlafen", rät Heppner. Zudem sollten sich alle vor und nach dem Besuch gründlich die Hände mit Seife waschen und sich nicht berühren. Bitte schließen Sie zudem den Toilettendeckel, bevor Sie spülen. Bonner Virologen haben herausgefunden, dass sich das Virus oft auch im Abwasser befindet.

Die Situation: Sie sind über 70 Jahre alt, aber gesund

"Auch hier wäre ich nicht mehr so streng wie noch vor sieben Wochen", sagt Altersmediziner Heppner. Dennoch gibt er zu bedenken: "Auch bei vermeintlich fitten Älteren bestehen oft Grunderkrankungen, wie etwa ein Diabetes oder Herzleiden, die nur noch nicht erkannt worden sind. Außerdem sinkt mit dem Alter generell die Leistungsfähigkeit bestimmter Organe. Zwischenzeitlich ist klar geworden, dass COVID-19 nicht ausschließlich eine Lungenerkrankung ist, sondern zum Beispiel auch die Nieren schädigt.", so Heppner. Halten Sie daher auf jeden Fall den Mindestabstand ein und tragen Sie eine Mund-Nasen-Bedeckung.

Die Situation: Sie sind zwar gesund, möchten aber generell noch keinen Besuch

Trotz aller Lockerungen fühlen Sie sich unwohl bei dem Gedanken, Ihre Kinder und Enkelkinder zu treffen. Das Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, ist Ihnen schlicht zu groß. Auch weil alle wieder in Kita und Schule gehen und Sie gar nicht einschätzen können, wer zu wem Kontakt hat. Gleichzeitig wollen Sie Ihrer Familie nicht vor den Kopf stoßen. Psychologe Winkler: "Solche Gefühle sind nicht unüblich und vollkommen ok. Jeder geht anders mit schwierigen Situationen um und braucht seine eigene Zeit, um in die Normalität zurückzukehren." Er rät zum offenen Gespräch, in dem Großeltern ihre Sorgen und Befürchtungen konkret aussprechen.

Heppner findet aber gut, wieder aktiver zu werden: "Sonst verwandeln sich die Vorteile der freiwilligen Isolation irgendwann in Nachteile. Denn wenig Bewegung bedeutet auch, die Muskulatur weniger zu beanspruchen. Das wirkt sich negativ auf das Herz-Kreislauf-System, die Haltung und Koordination aus. Und frische Luft ist wichtig." Wann Sie sich wieder mit anderen Menschen treffen wollen, bleibt also Ihre Entscheidung. Verzichten Sie jedoch bitte nicht darauf, sich körperlich zu fordern, etwa durch stramme Spaziergänge und ausgiebige Radtouren.

Die Situation: Sie sind rüstig und leben in einer Senioreneinrichtung

Heppner: "Hier sollten alle mit Augenmaß handeln und den eigenen Gesundheitszustand berücksichtigen. Parallel gibt es nach wie vor strenge Auflagen. In den meisten Bundesländern darf mittlerweile eine erwachsene Bezugsperson Angehörige in Senioren- und Pflegeeinrichtungen nach Absprache und Voranmeldung besuchen. Kinder leider noch nicht." Der Geriater verteidigt in diesen Bereichen noch stärker die strengen Hygienemaßnahmen, denn: "Ein Ausbruch an diesen Orten wäre schlimm. Zudem wären mit großer Wahrscheinlichkeit auch sehr schnell Mitbewohner betroffen. Das heißt, hier ist auch die Verantwortung anderen gegenüber gefragt." Psychologe Andreas Winkler ergänzt: "Dennoch ist soziale Distanz das falsche Wort und sollte auf keinen Fall sein. Entscheidend ist körperliche Distanz. Wir sollten Kinder und Enkelkinder weiterhin in unser Leben einbeziehen – und umgekehrt. Ein Patient von mir hat mit seiner Enkeltochter per Telefon alles für den Bau eines Vogelhäuschens vorbereitet und plant, es direkt nach Corona mit ihr gemeinsam fertig zu stellen." Zum Glück seien ältere Menschen oft gut in der Lage, für einen Zeitraum mit weniger Kontakten klar zu kommen. "Oft konzentrieren sie sich ja auch sonst stark auf den Lebenspartner", so Winkler. 

Die Situation: Sie oder Ihr Partner haben eine Vorerkrankung

"Schwierig", sagt Heppner. "Auf der einen Seite will keiner eine Ansteckung riskieren. Denn älter und vorerkrankt, ist eindeutig eine unheilvolle Kombination. Da ist das Risiko überproportional hoch. Gleichzeitig zeigt sich gerade hier ein großes Bedürfnis nach Nähe und Zuspruch. Wichtig ist im ersten Schritt, dass Betroffene medikamentös optimal behandelt werden. Dann würde ich über kreative Lösungen nachdenken, also eher das Gespräch über den Gartenzaun mit Mund-Nasen-Bedeckung." Eine Grippeimpfung sowie eine Pneumokokken-Impfung sollten laut Heppner für alle ab 60 Jahren zum Pflichtprogramm gehören. Das reduziert zwar nicht das Risiko, an COVID-19 zu erkranken, aber an der saisonalen Grippe bzw. Pneumokokken-Infektionen wie einer Lungenentzündung, die bei einer Corona-Infektion erschwerend dazukommen können. "Gerade für kranke und ältere Menschen ist Corona eine Herausforderung, weil sie sich noch mehr ihrer eigenen Endlichkeit bewusst werden", weiß Psychologe Winkler. "Sie haben verständlicherweise noch mehr Angst, wichtige Anlässe wie Konfirmationen, Jugendweihen oder auch die eigene Goldene Hochzeit zu verpassen." 


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