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Risikogruppe: Die Krise mit HIV überstehen

2016 hat Edith Grieb* im Senioren Ratgeber darüber berichtet, wie sie seit den 80er Jahren mit ihrer HIV-Infektion lebt. Hier erzählt die heute 61-Jährige, was die zusätzliche Herausforderung durch SARS-CoV-2 für sie bedeutet.

von Elisabeth Hussendörfer, 23.04.2020

Selten war mein Leben eine solche Achterbahnfahrt wie in den vergangenen Monaten. Nehmen wir den Januar, da schien die Leichtigkeit zurückzukommen, da konnte ich aktiv sein, fröhlich, unbeschwert. Zum letzten Mal für sehr lange – natürlich konnte ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. SARS-CoV-2 war in China, war im Fernsehen, schien weit weg.

Viel gelaufen bin ich zu dieser Zeit, über die Wiesen, dem Himmel entgegen. Das Ende des Winters war abzusehen. Und auch ein Ende der schweren Zeit, die hinter mir lag.

Ja, es war auch eine Entlastung, als meine Mutter im letzten Sommer nach Monaten intensiver Pflegebedürftigkeit gestorben ist. Das Hamsterrad, in dem ich steckte, hat sich allerdings noch eine ganze Weile weitergedreht. Ständig war ich auf Hab-Acht, weil ich glaubte, Mutters fordernde Stimme zu hören.

Das ist normal, sagten manche, Kopf und Körper würden Zeit brauchen, um zu begreifen. In meinem Fall allerdings gibt es daneben noch eine andere mögliche Erklärung für den Komplett-Zusammenbruch mit Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Depression, der schließlich kam.

Ein fast normales Leben dank der Medizin

Als eine der ersten in Deutschland habe ich mich vor nunmehr 40 Jahren bei einer jungen und naiven Liebelei mit HIV infiziert. Seit zwanzig Jahren nehme ich Medikamente, die dafür sorgen, dass das Virus still in meinem Körper schlummert und die machen, dass ich bis heute nicht an Aids erkrankt bin. Dem medizinischen Fortschritt habe ich es zu verdanken, dass ich lange ein weitgehend normales Leben führen konnte. Als "chronisch krank" bezeichnete ich mich stets, wenn jemand mich nach meinem Gesundheitszustand fragte. Diabetes- oder Infarktpatienten haben schließlich auch mit Einschränkungen zu leben, sagte ich. Und dachte dabei an Nebenwirkungen der Tabletten wie Magenschmerzen und Stoffwechselprobleme, die mir gelegentlich zu schaffen machten. Im Beipackzettel aufgelistete seelische Beschwerden waren lange eher sowas wie Theorie für mich.

Covid-19: "Das dauert nicht lange, bis auch wir hier im Badischen ein Hotspot sind"

Was war zuerst da? Die Erschöpfung, die nach Mutters Tod durch die Nebenwirkungen der Therapie noch verstärkt wurden? Oder ist es überhaupt erst durch die Begleiterscheinungen der Tabletten zu diesem Burn-Out gekommen? Letztlich ist das wohl schwer zu trennen. Und letztlich war mir das dann auch egal, weil es im Januar ja endlich wieder bergauf zu gehen schien.

Das Laufen war ein Anfang, das Schwimmen sollte folgen. Ich weiß noch gut, wie ich seit Langem wieder meine Tasche gepackt habe und ins Hallenbad bin. Es war herrlich, die ersten Bahnen zu ziehen.

Aber dann, zwei Wochen später, war es vorbei mit dem Glück. Meine Heimat ist eine Hochburg der alemannischen Fasnacht und während in den Nachrichten Meldungen über die Verbreitung des Virus die Runde machten, dachte ich mir: Das dauert nicht lange, bis auch wir hier im Badischen ein Hotspot sind. Und ich dachte an all die Familien, die in den Faschingsferien Skifahren gewesen waren. Das Hallenbad, das an den Nachmittagen auch von Kindern stark frequentiert ist, erschein mir kein guter Ort, um das Erwachen der Lebensgeister weiter zu feiern.

Coronavirus: Eine Herausforderung für das Immunsystem

Überhaupt: Die Lebensgeister – wie stand, wie steht es um die, wenn man in Sachen Corona zur Hochrisikogruppe gehört? Wenn das Immunsystem ja sowieso schon viel stärker gefordert ist als das eines Gesunden? Dass ich neulich zur vierteljährlichen Routinekontrolle bei meiner Ärztin nicht wie sonst erst ins Warte- und schließlich ins Sprechzimmer kam, sondern isoliert in einem Extra-Raum sitzen musste, sagt eigentlich schon alles, finde ich. Passen Sie gut auf sich auf, meinte die Ärztin zum Abschied, aber das tat ich ja ohnehin schon.

Mit Wehmut denke ich daran, wie ich bereits zwei Wochen vor der offiziellen Kontaktsperre mit meiner Freundin Rosi in einem Restaurant saß und wie ich sagte: "Ich glaube, das lassen wir in den nächsten Wochen dann besser mal." Wochen sagte ich. Monate – sowas kann sich ja keiner vorstellen! Selbst bei allerbester Unterstützung nicht…

Torsten, der seit 30 Jahren an meiner Seite ist und den meine HIV Infektion nie daran gehindert hat, mir nah zu sein, wächst derzeit über sich hinaus. Schleppt Einkäufe, fährt das Auto für mich in die Werkstatt, geht mit mir an die entlegensten Plätze im Wald, wo uns beim Spazierengehen keiner begegnet. Heißt: Wo vor allem ich jetzt sicher bin, mit 60 plus und all den Vorbelastungen.

Die Angst: Kommt es für HIV-Medikamente zu Lieferengpässen?

Ein Bündel von Vorsichtsmaßnahmen habe ich getroffen – und manches kommt zusätzlich von außen. Kommen Sie bitte nicht rein, sagte zum Beispiel die Mitarbeiterin der Apotheke, von der ich seit Jahren die antiretroviralen Medikamente beziehe, neulich bei der Bestellung am Telefon. Ich solle einfach an die Scheibe klopfen, man brächte dann alles nach draußen. Es ist schön, wenn Menschen so aufmerksam sind. Gleichzeitig aber war es ein Schock, dann bei der Übergabe zu hören: "Hoffentlich kappt die Bestellung nächstes Mal auch so reibungslos." Ein Wirkstoff aus der HIV-Therapie wird in der Erforschung möglicher Medikamente gegen COVID-19 unter die Lupe genommen, darauf sollte das wohl anspielen. Als wäre die Gefahr, die das neuartige Virus für jemanden wie mich bedeutet, nicht schon genug: Jetzt muss ich also auch noch Angst vor Lieferengpässen haben!

Ruhig bleiben ist vor diesem Hintergrund nicht immer leicht. Doch bei aller Aufregung, die ich derzeit erlebe, gibt es auch Erfreuliches festzustellen. Zum Beispiel, wenn ich Brötchen kaufen will, die ich kurioserweise beim Discounter am liebsten mag. Überlass diese eine Sache bitte mir, habe ich Torsten gebeten: Diesen kleinen Einkauf, die winzige Flucht in die Normalität.

Vor zwei Wochen aber passierte es: Plötzlich stand Sicherheitspersonal am Eingang und mahnte mich, einen Einkaufswagen zu nehmen, andernfalls käme ich nicht in den Laden. Kommt nicht in Frage, sagte ich, es gibt schließlich kaum eine schlimmere Virenschleuder. "Dann müssen Sie leider draußen bleiben", hörte ich. "Ich will aber doch nur ein paar Brötchen, sonst nichts", sagte ich. Keine Chance. Also bin ich zur Kasse und was dort geschah macht mich noch immer stolz. Nie wäre mir das vor Corona in den Sinn gekommen, das so deutlich zu sagen: "Ich habe eine HIV Infektion. Ich kann unmöglich diesen Wagen nehmen, das ist zu gefährlich für mich."

Dank der Coronakrise: Ich kann freier über meine HIV-Infektion sprechen

Drei verschiedene Kassierer haben das nun schon von mir gehört. Dreimal durfte ich mir ohne weitere Diskussion nur mit Tüte Brötchen holen.

Wenn die aktuelle Krise also vielleicht auch ein Gutes hat, dann das: Nach 40 Jahren kann ich jetzt freier und offener als je zuvor über meine Krankheit sprechen. Anstelle der Angst, diskriminiert zu werden, ist die Hoffnung getreten, Solidarität zu erfahren – und diese Hoffnung wurde erhört.

Froh macht es mich, mit den Brötchen zurück nach Hause zu gehen. Ja, in solchen Momenten kann ich mir das sagen: "Seit vier Jahrzehnten lebe ich mal besser, mal schlechter mit einer HIV-Infektion. Wenn eine das Zeug hat, auch diese Pandemie zu überleben, dann ich."

*Name geändert. Unsere Protagonistin möchte anonym bleiben.

 


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