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Senioren-WG: Mit Hunden und Hochbeet gegen die Krise

Berichte aus Alten- und Pflegeeinrichtungen treffen uns in der Corona-Krise mit Wucht. In einer Senioren-WG im Schwäbischen gibt eine 29-Jährige alles, um gegen die drohende Verzweiflung anzugehen.

von Elisabeth Hussendörfer, 20.04.2020

Wenn Rosa Schneider die Nachrichten schaut, geht es ihr wie vielen: "Vor allem die Bilder aus den Senioren- und Pflegeheimen bedrücken und hinterlassen einen für den Moment verzweifelt." Aber die 29-jährige Gesundheitsfachwirtin nennt sich eine "Optimistin durch und durch". Vor gut drei Jahren hat sie zwei Senioren-WGs ins Leben gerufen. Hier will sie dafür sorgen, dass ihre Bewohner weiterhin mit einem guten Gefühl zu Bett gehen können – auch in Corona-Zeiten.

Die beiden Häuser unweit der schwäbischen Kleinstadt Rottenburg sind idyllisch im Grünen gelegen, inmitten üppig bepflanzter Gärten. Drinnen geht es unter den je acht Bewohnern persönlich zu. "Wir kochen zusammen, essen zusammen", erzählt Schneider. Einen schöneren Job kann sie sich nicht vorstellen, sagt sie.

Als das Gesundheitsamt nun im Zuge von COVID-19 das Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime angeordnet hat, klang das für die meisten Bewohner zunächst nach Theorie, glaubt Schneider. Bei ihr selbst aber sei ein Film abgelaufen. Vor allem an den Wochenenden geht es in den Häusern unter normalen Umständen "bunt und lebendig" zu: Kinder kommen, Enkel kommen. Tüten vom Markt werden gebracht, Eis wird gebracht, das Haus ist voller fröhlicher Stimmen und Musik. Schneider sagt, sie habe schnell begonnen, sich Gedanken zu machen: Was bringt Zuversicht in dieser nie da gewesenen Situation?

Gärtnern und Fitness als Ablenkung

Draußen sein, die Hände im Boden haben, spontan sei ihr das als gute Idee erschienen: "Erde erdet." Darum gibt es nun schon seit Woche eins des Besucherstopps eine Neuerung neben dem bewährten Kräuterbeet: ein Hoch-Beet, in dem bald hoffentlich die ersten Tomaten sprießen. Viele Bewohner hatten im Fernsehen die Bilder der leeren Regale in den Supermärkten gesehen. "Man mag das Anpflanzen von Gemüse belächeln und sagen: Für so viele Leute reicht das doch nirgends hin", sagt Schneider. "Man kann aber auch sehen, wie Gesichtszüge sich beim Pflanzen, Umtopfen oder Gießen entspannen und wie das wirkt, wenn Menschen ins Tun kommen."

Außerdem hat Schneider kurzerhand Fitnessgeräte vom Keller rauf auf die Terrasse geschleppt: zwei Fahrräder, einen Stepper, ein Laufband. "Gesportelt" werden soll nun da, wo es blüht, "ganz nah an dem Schönen, das derzeit leider so sehr in Vergessenheit zu geraten droht."

Freiluftkonzerte auf der frisch gemähten Wiese

Aufklärung sei wichtig, Wachsamkeit auch – keine Frage. "Aber auch Musik ist wichtig." Vor ein paar Tagen hat eine Frau aus dem Ort mit sicherem Abstand auf der frisch gemähten Wiese Gitarre gespielt, die Bewohner lauschten von der Terrasse aus. Ein Akkordeonspieler und eine Sängerin haben sich für weitere Freiluftkonzerte angekündigt. Die Kinder des örtlichen Kindergartens haben Bilder gemalt. Wir denken an euch, scheinen all die Sonnen und Blumen und lachenden Gesichter an den Wänden der WG-Flure zu sagen. "Alt und Jung drohen beim Reden über Risikogruppen auseinanderzudriften", fürchtet Rosa Schneider, die hier gezielt den Kontakt gesucht hat. "Was geben wir da bloß zurück?" haben die Bewohner gefragt. "Vielleicht Lebenserfahrung?", meinte Schneider. Seitdem sind erste Briefe in Arbeit.

Und auch das wird die Leiterin zweier Senioreneinrichtungen vermutlich so schnell nicht vergessen: Wie sie schon eine Woche vor den behördlichen Anordnungen mit Sack und Pack und zwei Futternäpfen und zwei Hundebetten in die Senioren-WG eingezogen ist, wo sie seitdem im Mitarbeiterzimmer nächtigt. Die Bewohner brauchen mich jetzt, sagt Rosa Schneider, die hier sonst meist um die Mittagszeit Feierabend macht, um dann noch in der anderen WG vorbeizuschauen. Jetzt vermeidet sie das. Die Dienste der Mitarbeiter wurden neu organisiert, anders "gebündelt".  So wenig potenzielle Infektionsketten und Bewegung außerhalb wie nur möglich, das erscheint in diesen Tagen sinnvoll.

Edith Kessler (links) und Katharina Ulmer mit Felix

Hunde als Beschützer

"Das sind jetzt unsere Beschützer", meinte ein Bewohner im Scherz, als es hieß, auch die Hunde blieben jetzt da. Bald aber zeigte sich: Die Tiere können genau das geben - Schutz. Die hochgewachsene braune Mischlingshündin Naila und der eher kurzbeinige Jack-Russel-Terrier Felix sind zwar keine ausgebildeten Therapiehunde. Aber Schneider hat sich die beiden  eigens für die Arbeit angeschafft. Manchmal ist sie gemeinsam mit den Bewohnern und den Hunden raus in den Garten gegangen: Kunststücke einstudieren, Seelen streicheln. "Möglichkeiten der Begegnung" wollte Rosa Schneider schaffen. Wer hätte das auch ahnen können: "Dass wir bald alle in einem Boot sitzen würden mit unserer Sehnsucht nach Wärme, Nähe und Kontakt?"

Sie erzählt von vielen bewegenden Momenten in den vergangenen Wochen. Rasch wurde den Bewohnern bewusst, was so ein Besuchsverbot wirklich bedeute. Die 89-jährige Marianne Juskowiak winkt der Tochter jetzt täglich durch die Scheibe zur Straße hin zu. "Wenn ich sie wenigstens kurz sehe, fällt es mir leichter, durchzuhalten", sagt sie. Oder der 85-jährige Manfred Wiese, der unlängst ein Osterkörbchen hingestellt bekam und danach lange geweint hat. "Ich bin’s, Papa" hatte eine vertraute Stimme durchs gekippte Fenster gerufen, "draußen steht was. Sei mir nicht böse, ich komm nicht rein."

Nie hätte sich eine Bewohnerin vorstellen können, sich mit einem Tier zu unterhalten

War es Zufall, dass Hündin Naila in diesen Momenten da war? Ist es Zufall, dass Felix gerade jetzt ganz viel kuscheln will? Die beiden sind mittendrin im Geschehen, werden schon zum Frühstück mit Leckerli verwöhnt und suchen abends oft erst dann die Hundebetten im Flur auf, wenn der letzte Bewohner nach dem Spät-Film das Licht löscht. "Sie sind wie Kinder", sagt Marianne Juskowiak, die ihre Zimmertür neuerdings ganz bewusst nur angelehnt lässt und sich freut, wenn Naila diese frühmorgens für ein kleines Wangenküsschen mit der Schnauze aufschiebt.

"Felix hat dunkle Knopfaugen, die so fragend schauen können", sagt die 88-jährige Rosa Huber. Sie ist selbst erstaunt: Nie hätte sie sich vorstellen können, sich einmal mit einem Tier zu unterhalten. "Aber es geht und anders als beim Radio, das nebenbei dudelt, entsteht dabei echte Gesellschaft." Felix scheint wirklich zu verstehen. "Weil wir uns auf eine Art ähnlich sind?" fragt Huber.

Rosa Huber mit Naila und Felix

Tatsächlich hat der drahtige Terrier ein forscheres Wesen als seine schlanke und eher scheue Partnerin Naila. Ihr Vertrauen gewinnt man mit ganz viel Geduld und gutem Zureden, sagt Manfred Wiese. Für Schneider ist das überraschend: "Wie ausgerechnet der sonst so zurückhaltende Manfred den Hund entdeckt und daraus ein richtiges Projekt für sich gemacht hat."

Bewegt und auch ein wenig bedauernd erzählt sie all das. Denn sie weiß, dass die so genannte tiergestützte Therapie, wie sie in vielen Senioren- und Pflegeeinrichtungen praktiziert wird, derzeit auf Eis liegt – genau wie viele andere Therapiemaßnahmen, die "von extern" kommen. "Mir ist bewusst, dass wir uns hier in einer sehr glücklichen Lage befinden und dass das, was unsere Bewohner derzeit erleben, anderswo nicht möglich ist."
Ja, sowas gibt es neben all dem anderen auch, denkt sie sich jetzt manchmal, wenn sie die Nachrichten schaut – so was Schönes. Und natürlich, sagt Schneider, denke sie auch bereits weiter. Einen Zustand wie vor Corona? "Kann es nicht geben." Die Hunde dann wieder nur gelegentlich in die WG mitbringen? Grotesk wäre das. "Jetzt, wo sie sowas wie Familienmitglieder geworden sind!"

 


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