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So läuft das Impfen im Pflegeheim ab

Wie wird die Impfung gegen das Coronavirus für die Heimbewohner organisiert und durchgeführt? Heimleiter Wolfgang Hiemer vom Alten- und Pflegeheim St. Martin in Pfeffenhausen berichtet

von Raphaela Birkelbach, 05.01.2021
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Herr Hiemer, nun ist es endlich passiert. Ein Impfteam aus dem Landkreis Landshut hat bei Ihnen im Heim Bewohner und Mitarbeiter gegen Covid-19 geimpft. In knapp drei Wochen erfolgt die zweite Impfung. Wie geht es Ihnen?

Eigentlich ganz gut. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Impfaktion früher als angekündigt begann. Erst am späten Nachmittag des Vortags haben uns die Behörden mitgeteilt, dass am nächsten Morgen das Impfteam erscheint.

Waren Ihr Team und vor allem die Heimbewohner darauf vorbereitet?

Zum Glück ja! Wir hatten den Bewohnern frühzeitig erklärt, was passieren wird. Auch an die Angehörigen und rechtlichen Betreuer hatten wir rechtzeitig einen Mail-Rundbrief herausgeschickt und alles erläutert. Allerdings mussten wir dann noch einmal nachjustieren. Für die Einwilligungserklärungen brauchten wir offizielle Formulare. Da gab es Verwirrung. Die Leute haben dann schon geklagt: "Wir können das ja alles gar nicht mehr lesen!"

Und rein organisatorisch? Hat alles reibungslos funktioniert?

Es gab es zu Beginn technische Probleme mit dem Internet, weil das Impfteam das Internet benötigte. Wir sind auf dem tiefen Land, wo es mit der Netzverbindung manchmal hapert. Aber schließlich hat alles funktioniert. Die Impfaktion hat allerdings eine Stunde später begonnen, als ursprünglich geplant.

Impfaktion im Pflegeheim Wolfgang Hiemer Heimleitung Spitalstiftung Haus St. Martin

Wie ging es nach dem etwas holprigen Start weiter?

Prima. Personell sind wir aufgrund einer Stiftung überdurchschnittlich gut aufgestellt und können unter Luxusbedingungen arbeiten. Darüber bin ich sehr sehr froh. Ich finde es schlimm, wie andere Einrichtungen da kämpfen müssen. Wir Gott sei Dank nicht. Ob in der Verwaltung, Pflege oder Betreuung, alle Mitarbeiter waren schon Tage vorher und natürlich am Impftag selbst ziemlich eingespannt, damit alles funktioniert. Wir haben räumlich alles so organisiert, dass die Impfkandidaten die Abstandsregeln einhalten konnten und sich nicht auf dem Flur begegnen mussten. Sie sind quasi im Kreis durch die Einrichtung gelaufen oder im Rollstuhl gefahren worden.

Haben sich alle an der Impfung beteiligt?

Nein. Zum einen hatten wir Bewohner und Mitarbeiter, die bereits im März an Covid-19 erkrankt waren und jetzt nicht geimpft wurden. Aber es gab auch welche, die die Impfung bewusst abgelehnt haben. Aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen.

Wie sind Sie als Heimleiter damit umgegangen?

Ich bin zwar mit gutem Beispiel vorangegangen und habe mich als erstes impfen lassen. Aber wir würden etwa nie einen Bewohner dazu zwingen, sich impfen zu lassen. Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen, sofern er das noch kann. Und selbst wenn ein rechtlicher Betreuer dem Eingriff zugestimmt hat: Wenn wir merken, ein Bewohner sperrt sich sichtlich gegen den Pieks und hat Angst davor, akzeptieren wir das natürlich. Da verlassen wir uns auf die Angehörigen, auf die Betreuer und andere Verantwortliche. Letztendlich entscheidet der Wille des Bewohners, das ist uns ganz wichtig! Ich habe selbst eine 93-jährige Mutter, die an Demenz erkrankt ist. Ich würde sie niemals gegen ihren Willen impfen lassen.

Und wie sehen Sie das für das Personal?

Ganz genauso. Sehen Sie, ich bin jetzt geimpft. Eine Pflegedienstleitung hatte Corona und nachweislich Antikörper im Blut, ist also nicht geimpft worden. Eine andere Mitarbeiterin hat den Eingriff abgelehnt, weil sie Angst vor Neben- und Nachwirkungen hatte.

Entsteht nicht indirekt unter den Kollegen Druck, sich impfen zu lassen?

Wir würden nie jemanden dazu zwingen. Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Auch das Risiko kann jeder nur für sich selbst übernehmen. Das würde doch sonst auch auf mich zurückfallen. Niemand darf einen Nachteil durch seine getroffene Entscheidung erleiden. Es darf nicht sein, dass es eine Zweiklassengesellschaft gibt. Wir werden auf das schwächste Mitglied achten. Wenn einer Bedenken hat und nicht will, dann ist es auch für uns eine Verpflichtung, ihn  vor einer Infektion zu schützen. So einfach ist das. Irgendeinen Druck hat es bei uns nicht gegeben. Wirklich nicht. Da halten wir als Einrichtung ganz konsequent dagegen.

Gab es Impfreaktionen bei den Beteiligten? 

Einige Mitarbeiter hatten lokal an der Einstichstelle Rötungen und Schmerzen. Ich bin einen Tag später ins Heim gefahren, um zu sehen, wie es den Bewohnern mit der Impfung ergangen ist. Bei ihnen war so gut wie nichts, da war ich positiv überrascht.

Welche Erwartungen haben die Bewohner an die Impfung?

Ziemlich realistische, würde ich sagen. Wer geistig erfasst hatte, was passiert, war zunächst einmal sehr froh darüber, dass jetzt endlich in der Einrichtung geimpft wurde. Aber die meisten wissen auch, dass deswegen nicht alles wie vor der Pandemie laufen kann. Sie sind informiert, dass sie in drei Wochen die Auffrischimpfung erhalten. Und sie haben verinnerlicht, dass sie sich weiter an die empfohlenen Hygieneregeln halten müssen, also Abstand halten, Maske tragen und Kontaktbeschränkungen ertragen. Sie wissen: Bis wieder Normalität einkehrt, wird es noch einige Zeit dauern. Die sind da ganz vernünftig. Ihre Angehörigen sind das oftmals nicht.

Wie meinen Sie das?

Ich bekomme jetzt Anfragen nach dem Motto: "Meine Mama ist ja jetzt geimpft. Kann ich sie jetzt wieder jederzeit und ohne Maske besuchen?" Da müssen wir noch ziemlich Aufklärungsarbeit  leisten.

Sie sagen, dass das Impfteam bei Ihnen Premiere gefeiert hat. Warum?

Im Schnitt hat die Impfung pro Person etwa eine Viertelstunde in Anspruch genommen. Am Abend waren bei uns tatsächlich 80 Menschen geimpft, Mitarbeiter und Bewohner! Genau so wie es sich das Impfteam generell für alle Einrichtungen vorgenommen hatte. Wir waren einer der ersten Einrichtungen, bei denen ihnen das gut gelungen ist.

Woran lag das?

Das Impfteam hat uns Komplimente gemacht, dass wir gut vorbereitet waren. Und das stimmt auch, wie ich ja schon eingangs erwähnt habe. Wir haben im Vorfeld alle Kräfte gebündelt und haben alle Hand in Hand gearbeitet. Alle nötigen Formulare für den Tag haben meine Kollegen Tage vorher zum Beispiel schon ausgedruckt. Wir haben uns rechtzeitig um die Einwilligungen gekümmert. Andere Kollegen haben das Impfteam bei den Vorgesprächen unterstützt und mit den nötigen Informationen über vorliegende Erkrankungen und dem Medikamentenplan versorgt, wenn ein Bewohner nicht selbstständig darüber Auskunft geben konnte. Wir waren unisono gut drauf und organisiert. Auch das Team des Landkreises hat einen super Job gemacht. Aber es liegt auch manchmal an Kleinigkeiten.

Zum Beispiel welche?

Die fünf Leute vom Impfteam aus dem Landkreis Landshut haben den ganzen Tag durchgearbeitet. Von morgens neun Uhr an bis um 17 Uhr. Die konnten nicht aus dem Haus, um sich etwas zu Essen zu holen. Da haben meine Mitarbeiter einfach eine Brotzeit für sie hergerichtet. So haben wir uns gegenseitig die Stimmung hochgehalten. Einfach gastfreundlich sein, das gehört dazu. Das Impfteam hat uns gesagt, sie kommen gerne wieder. Das ist doch schön!

Herr Hiemer, vielen Dank für das Gespräch!


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