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Wann sind Ausnahmen von der Maskenpflicht sinnvoll?

Manche Menschen können Mund-Nasen-Bedeckungen zum Schutz vor Corona aus gesundheitlichen Gründen nicht tragen. Bei welchen Erkrankungen macht eine Befreiung Sinn?

von Christian Wolf , 16.09.2020

Die einen haben sich an das Tragen einer Maske im Kampf gegen das Corona-Virus gewöhnt, für andere ist es immer noch eine überaus lästige Pflicht: Die Maskenpflicht gilt grundsätzlich in allen Bundesländern. Doch es gibt Ausnahmen von der Regel. So heißt es etwa in der SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung in Berlin: "Die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung gilt nicht für Personen, die aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung oder einer Behinderung keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen können." Ähnlich sehen es die anderen Bundesländer.

Warum "Atembeschwerden" nicht automatisch ein Grund für ein Attest ist

Meist ist nicht genauer festgelegt, welche gesundheitlichen Einschränkungen zur Befreiung führen. Bis zu einem gewissen Grad liegt es im Ermessen der Ärzte, die die Atteste zur Befreiung ausstellen. Doch welche Ausnahmen von der Maskenpflicht sind aus medizinischer Sicht wirklich sinnvoll? Sollen etwa Patienten mit schweren Atembeschwerden auf das Tragen einer Maske verzichten, weil ihnen der Schutz noch größere Probleme beim Atmen bereitet? Der Pneumologe Michael Barczok, Gründer des Lungenzentrums Ulm und stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbandes der Pneumologen in Baden-Württemberg, hält das für Unsinn. "Auch Menschen mit einer sehr schweren Lungenerkrankung können mit einer herkömmlichen Maske problemlos atmen – zumindest wenn sie sich gerade nicht bewegen." Wenn sich die Patienten hingegen körperlich betätigen wie beim Gehen können schon Atembeschwerden auftreten, die durch eine einfache Maske weiter verschlechtert werden. Aber schnelle Bewegung kommt am ehesten im Freien vor, wo das Tragen einer Maske nicht unbedingt erforderlich ist. "Problematisch vom Ansteckungsrisiko her ist es hingegen, in einer Gaststätte, einem Wartezimmer oder einem Bus zu sitzen", so Barczok. "Und da kann ein Patient meines Erachtens problemlos eine Maske tragen."

Der Pneumologe und seine Kollegen weigern sich, ihren Patienten mit Lungenerkrankung ganz grundsätzlich ein Attest zur Befreiung der Maskenpflicht auszustellen. Denn gerade diese Patienten sind im Falle einer Infektion wegen ihrer Vorerkrankung am schlimmsten betroffen. "Wenn ausgerechnet diese Menschen sich ungeschützt in den Bus setzen oder eine Arztpraxis aufsuchen, ist das heller Wahnsinn", sagt Barczok. "Fühlen sie sich nicht in der Lage, eine Maske zu tragen, sollen sie lieber zu Hause bleiben."

Gerade gefährdete Menschen sollten also unbedingt eine Maske tragen. Weil die herkömmlichen OP-Masken nur einen sehr bedingten Schutz davor bieten, sich selbst anzustecken, und mehr dem Fremdschutz dienen, kann für Risikopatienten eine FFP2-Maske sinnnvoller sein. Diese schützt ihren Träger in hohem Maß vor einer Ansteckung, da man über einen Filter atmet.

Bei Vorerkrankungen: Die Masken wechseln

Wenn nun ein Patient mit einer starken Einschränkung der Lungenfunktion eine solch dichte Maske über Stunden trägt, sie feucht und damit noch weniger durchlässig wird, kann er zwar beim Atmen Probleme bekommen. Aber auch hier gilt laut Barczok: Die Probleme treten beim Laufen auf, nicht aber beim Sitzen. Seinen Patienten empfiehlt der Pneumologe beides mit sich zu nehmen. Eine FFP2-Maske und eine normale Maske. Die einfachen Masken sollen die Patienten beispielsweise im Bus tragen, im Wartezimmer einer Praxis aber die FFP2 Maske.

Gleichwohl gibt es auch aus medizinischer Sicht berechtigte Ausnahmen von der Maskenpflicht. So bekommen manche Menschen schwere Allergien von den Masken. Zudem geraten einige Menschen mit echten Angst- und Panikstörungen in Panik, wenn sie eine Maske tragen. "Da diese Menschen zudem lungentechnisch gesehen gesund und keine Risikopatienten sind, sehe ich keine Probleme sie per Attest von der Maskenpflicht zu befreien", sagt Michael Barczok.

Tatsächlich verträgt nicht jeder Patient eine solche FFP2-Maske. Wenn Sie starke Probleme haben, sollten Sie mit Ihrem Arzt abstimmen, ob es eine andere Lösung gibt.

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Ausnahmen sind medizinisch gesehen auch Menschen mit eingeschränkter Sinneswahrnehmung wie Blinde und Gehörlose. Ein Gehörloser ist in der Kommunikation darauf angewiesen, dass er Gesichtszüge erkennen kann und seine eigenen darstellen kann. Deshalb darf er selbst – und auch Begleitpersonen von Gehörlosen – die Maske bei der Kommunikation abnehmen. Eine Befreiung von der Maskenpflicht kann zudem bei geistig eingeschränkten Personen Sinn ergeben. Denn diese Menschen haben Probleme damit, die Masken situationsbedingt richtig zu tragen. Vor welche Herausforderungen das Tragen von Masken Menschen mit Demenz stellt, beschreibt die Azheimer Gesellschaft Baden-Württemberg: Die Betroffenen verstehen die neue Regelung oft nicht, wollen die Masken nicht tragen und sind durch den Anblick der Maske vielfach äußerst beunruhigt.

Kohlendioxid-Rückatmung im unkritischen Bereich

So gerechtfertigt eine Entbindung von der Maskenpflicht sein kann, so sehr nutzen manche Menschen Atteste, um sich grundlos der Maske zu entledigen. Im Internet kursieren aktuell falsche Atteste, die für jeden zugänglich und ausdruckbar sind. Neben Fake-Attesten geistern im Netz mittlerweile auch einige Fake-News zum Thema Masken herum. Behauptet wird etwa, dass mit dem Tragen einer Maske der Kohlendioxid-Gehalt kritisch ansteigt. Hierzu wird immer wieder auf eine Doktorarbeit aus dem Jahre 2004 verwiesen. Sie hat untersucht, ob der Kohlendioxid-Gehalt im Blut unter einer Operationsmaske steigt – und ob das die Konzentrationsfähigkeit behindern könnte. Tatsächlich stiegen die Kohlendioxid-Werte um maximal 5 mmHg an (mmHg ist eine Maßeinheit zur Angabe des statischen Drucks).

"Haben Patienten aufgrund einer schweren Lungenerkrankung schon einen sehr hohen Kohlendioxid-Druck von 60 mmHg und durch das Tragen der Maske würde der Druck auf 65 mmHg ansteigen, dann handelt es sich um Patienten, die sowieso so schwer krank sind, dass sie zuhause bleiben müssen und nicht mehr mobil sind. Müssen sie aber mal im Rollstuhl in ein Arzt-Wartezimmer, würde ich auch für diese Momente zu einer Maske raten." Und für gesunde Menschen ist der der Anstieg erst recht kein Problem: "Der normale Kohlendioxid-Druck liegt zwischen 40 und 45", sagt Michael Barczok. "Wenn der nun um 5 mmHg auf 50 ansteigt, wäre das immer noch im unkritischen Bereich."

Es gibt also berechtigte Ausnahmen von der Maskenpflicht. Ein Freischein für Menschen, denen die Masken einfach nur lästig sind, ist das gleichwohl nicht.

Wie Sie eine Mund-Nasen-Bedeckung richtig aufsetzen, was beim Abnehmen und während des Tragens zu beachten ist, zeigt unser Video:


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