{{suggest}}


Warum die Vollmacht gerade jetzt so wichtig ist

Man schiebt es gerne auf die lange Bank: für den Fall von Unfall oder Krankheit vorzusorgen. In Zeiten von Corona ist eine Vollmacht aber besonders wichtig. Rechtsanwalt Christoph Kleinherne erklärt, warum.

von Elsbeth Bräuer, 09.04.2020

Herr Kleinherne, Sie raten: Kein Toilettenpapier hamstern, lieber eine Vollmacht machen. Warum?

Es gibt so viel entscheidendere Dinge als das Hamstern, um die man sich jetzt kümmern sollte! Eine Vollmacht ist immer wichtig. Aber in der jetzigen Zeit noch mehr: Damit können Sie bestimmen, wer Ihre Angelegenheiten regeln soll, wenn Sie nicht mehr dazu in der Lage sind. Viele glauben, in so einem Fall kümmert sich automatisch die Familie. Aber ohne Vollmacht geht das rechtlich nicht. Jetzt haben Sie die Chance, eine Vertrauensperson zu bestimmen. Nehmen Sie sie wahr! Später haben Sie es nicht mehr in der Hand.

In welchen Situationen kann das wichtig werden?

Zum Beispiel, wenn sich jemand mit dem Coronavirus infiziert hat und in Quarantäne oder im Krankenhaus ist. Aber man muss noch nicht mal krank sein: Es reicht, wenn man als ältere Person zur Risikogruppe gehört und deshalb nicht vor die Tür gehen will. Mit einer Vollmacht kann jemand Geschäfte für Sie erledigen – etwa Behördengänge. 

Und wenn ich niemandem habe, dem ich genug vertraue, alles für mich zu erledigen?

Es braucht keine Generalvollmacht! Sie können auch nur einzelne Bereiche bestimmen, die jemand im Falle des Falles für Sie übernehmen soll. Etwa: Die Tochter soll Bankgeschäfte für mich erledigen, aber keine gesundheitlichen Entscheidungen treffen. Es gibt eine sehr gute Vorlage vom Bundesjustizministerium, die das genau abfragt.

Über Vorsorge-Dokumente redet niemand gerne. Wie spricht man das schwierige Thema an?

Vielleicht hilft es, wenn Sie Alternativen aufzeigen. Wenn meine Angelegenheiten nicht geregelt sind und mein geistiger Zustand nachlässt, etwa, weil ich alt oder krank bin und deshalb meine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht mehr besorgen kann – dann ist es eben nicht automatisch so, dass die Verwandtschaft alles automatisch für mich regeln kann. Dann wird das Betreuungsgericht eingeschaltet.

Und dann?

Gibt es keine Betreuungsverfügung, wird im Zweifel vom Gericht ein Betreuer bestellt. Das kann, wenn nicht einmal eine Betreuungsverfügung vorliegt, auch ein Fremder sein. Viele Menschen möchten das nicht – mit der Vollmacht können Sie das umgehen.

Warum brauche ich neben der Vollmacht noch eine Patientenverfügung?

In der Patientenverfügung halten Sie fest, was mit Ihnen passieren soll, wenn Sie Ihren Willen nicht mehr äußern können. Welche medizinischen Maßnahmen wollen Sie, welche lehnen Sie ab? Das ist für Sie selbst wichtig, aber vor allem eine Erleichterung für die Angehörigen. Ohne Verfügung müssen sich diese nämlich selbst Gedanken machen, was Sie gewollt hätten, und eine Entscheidung treffen. Das ist eine schlimme Situation. Ersparen Sie Ihrer Familie das! Gibt es keine Patientenverfügung, wäre es zumindest wichtig, dass man den mutmaßlichen Willen des Angehörigen kennt. Und darüber sollte man sprechen: Was willst du denn? Was wäre, wenn es zu so einer Situation kommt?

Um eine Vollmacht und Patientenverfügung zu erstellen, muss man nicht immer zum Notar oder Anwalt. Aber was, wenn ich doch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen möchte? Viele wollen derzeit nicht in eine Kanzlei gehen.

Sie müssen nicht persönlich vorbeikommen, das geht auch übers Telefon oder per Videokonferenz. Der Anwalt oder Notar muss nur Ihren Willen erkennen und darüber mit Ihnen sprechen. Man muss natürlich unterschreiben, aber das geht auch per Post.

Angenommen, ich habe keine Angehörigen. Derzeit bieten viele Freiwillige ihre Hilfe an. Soll ich diesen eine Vollmacht ausstellen – oder raten Sie davon ab?

Da wäre ich sehr, sehr zurückhaltend. Mit einer Vollmacht können weitreichende Rechte übertragen werden. Es sollte also immer eine absolute Vertrauensperson sein. Denn die Vollmacht ist sofort gültig und die Person kann dann in dem festgelegten Bereich machen, was sie will. Ich kann zwar später versuchen, mich schadlos zu halten, wenn die Vollmacht missbraucht wird – aber das ist nicht Sinn der Sache.

Christoph Kleinherne ist Fachanwalt für Medizinrecht und Fachanwalt für Versicherungsrecht in München.


Newsletter abonnieren

Newsletter Senioren Ratgeber

Senioren Ratgeber - Newsletter