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Warum wir pflegen: Junge Pflegeprofis erzählen

Schlechte Bezahlung, viele Patienten, wenig Anerkennung: Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind oft schwierig. Wir haben sieben Pflegekräfte gefragt: Warum habt ihr euch für diesen Job entschieden?

von Kai Klindt, Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 15.05.2020

Krankenpfleger

"Pflege ist mehr als nur Bettpfannen leeren"

Malte Schulters, 26 Jahre, Hamminkeln, hat gerade seine Prüfung zum Intensivpfleger bestanden

"Schon von klein auf war ich gerne mit Menschen zusammen. Gleichzeitig hat mich immer Technik begeistert. Schon als Jugendlicher war ich bei der Feuerwehr aktiv. Dort hat es mich vor allem fasziniert, wie wir Menschen in lebensbedrohlichen Situationen helfen konnten. In dieser Zeit ist meine Liebe zur Notfallmedizin entstanden. Nach Praktika im Altenheim und Krankenhaus stand mein Entschluss fest: Ich gehe in die Pflege. Bis heute ist das ein toller Beruf für mich. Ich fahre jeden Tag gerne zur Arbeit. Sie ist weit mehr als nur Betten durch die Gegend schieben oder Bettpfannen leeren. Ich leiste jeden Tag hochqualifizierte Arbeit. Die Ärzte und wir retten Leben. Deswegen ärgert es mich maßlos, dass viele meiner Kollegen neben ihrer Arbeit in der Pflege noch andere Jobs machen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Wir müssen besser bezahlt werden."

 

Cansel Erden, Krankenschwester

"Ich wünsche mir, dass man uns Pflegekräfte nicht nur in der Krise mit Respekt behandelt"

Cansel Erden, 23 Jahre, Duisburg, arbeitet auf der Intensivstation

"Für mich ist die Arbeit als Krankenschwester kein Job, sondern eine Berufung. Ich möchte die Welt bereichern und am Abend mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Ich bin als Intensivschwester immer ganz nah am Patienten und komplett für sie zuständig. Mich stimmt es froh, wenn ich einfach ein kleines "Danke schön" von ihm höre, ein Funkeln in seinen Augen sehe oder die kleinen Fortschritte beobachten. Mich macht es wütend, wenn manche behaupten, das Pflegepersonal würde oft nur im Dienstzimmer herumsitzen, Kaffee trinken oder vor dem Computer sitzen und etwas aufschreiben. Das stimmt einfach nicht, wir sind sowohl auf der normalen Station als auch auf der Intensivstation immer rund um die Uhr mit ganz vielen Aufgaben beschäftigt.

Ich wünsche mir, dass man uns Pflegekräfte nicht nur in der Corona-Krise mit Respekt und Dankbarkeit behandelt und beklatscht. Wir arbeiten jetzt so wie sonst auch immer. Leider mit der gleichen schlechten Bezahlung, die war und ist schlichtweg unverschämt in Anbetracht dessen, was wir täglich leisten!"

 

Altenpflegeschüler Adnan Dazfic

"Für diese Arbeit muss man ein guter Mensch sein"

Adnan Dzafic (29) absolviert seit September 2019 eine Ausbildung zum Altenpfleger in einem Pflegeheim bei München

"Für diese Arbeit muss man ein guter Mensch sein. Man braucht Gefühl! Das ist nichts für einen Roboter. Es tut mir weh, wenn ich sehe, wenn ältere Menschen grob behandelt werden.

In meiner Heimatstadt Sarajevo in Bosnien habe ich in einer Spedition gearbeitet. Da saß ich den ganzen Tag am Computer. Als Altenpfleger bin ich den ganzen Tag auf den Beinen, das gefällt mir besser. Und die Senioren sind so dankbar. "Was würde ich nur ohne Sie machen", bekomme ich oft zu hören. Mit einem demenzkranken Bewohner unseres Heims gehe ich spazieren, wenn es die Zeit erlaubt. Wir unterhalten uns über Fußball, er ist ein großer Fan des FC Bayern München. Wenn wir an einem Haus vorbeikommen, erzählt er mir von seinem Beruf als Maler. "So streicht man eine Fassade!" An den Tagen, an denen ich in der Berufsschule bin, vermisst er mich, erzählen mir die Kollegen. Ich könnte mein ganzes Berufsleben lang in der Altenpflege arbeiten."

 

Krankenschwester Doreen Adler

"Ältere Menschen sind oft besonders dankbar"

Doreen Adler (39), seit 22 Jahren in der Pflege, aktuell bei einem ambulanten Pflegedienst im Landkreis München

"Ich mache den Beruf ja nicht wegen des Geldes. Ich freue mich, wenn ich Menschen helfen kann! Wenn zum Beispiel ein Patient mit Schlaganfall bettlägerig aus dem Krankenhaus nach Hause kommt. Ich bewege seine Gelenke bei der Körperpflege, helfe ihm aus dem Bett, lasse ihn so viel wie es geht selbst machen. Und dann, nach ein paar Wochen, kann er vielleicht bald im Rollstuhl sitzen, später sogar wieder einige Schritte machen! In der ambulanten Pflege sind wir ja bei den Leuten zu Gast, die Patienten verhalten sich auch anders als im Krankenhaus, sie sind viel entspannter. Und ich liebe es, mit älteren Menschen zu arbeiten, sie sind oft besonders dankbar.

Bei uns in der ambulanten Pflege hat man zum Glück auch noch Zeit für ein freundliches Wort mit dem Patienten. Das habe ich im Krankenhaus anders erlebt, da wurde die Pflege in den vergangenen 20 Jahren leider total runtergefahren. Da ist nur noch Stress.

Das Gehalt können natürlich auch besser sein, wenn man das so mit anderen Berufen vergleicht. Aber selbst wenn in der momentanen Situation mit Corona mehr anerkannt wird, wie wichtig Pflege ist: Ich fürchte, aus den vielen Versprechungen wird am Ende wenig werden. Wir haben auch keine starke Lobby, anders als die Ärzte. Unser Pflichtgefühl hält uns Pfleger davon ab, auf die Straße zu gehen. Wann hört man schon davon, dass Pflegekräfte streiken?"


Frau

"Manchmal wünsche ich mehr Verständnis von Patienten und Angehörigen"

Jasmin van Dorp, 20 Jahre, Wesel, ist Pflegeschülerin im ersten Ausbildungsjahr

"Seit Oktober 2019 bin ich in der Ausbildung. Mir war schon ganz früh klar, dass ich einen medizinischen Beruf ausüben möchte. Einfühlungsvermögen ist ganz wichtig bei meiner Arbeit, und ich halte mich für einen empathischen Menschen. Den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, das wäre sowieso nichts für mich. Außerdem halte ich Krankenschwester für einen sicheren Beruf, wir werden immer gebraucht.

Ich ziehe meine Kraft in dem Beruf aus vielen kleinen Augenblicken: Da reicht manchmal schon dieser freudige Blick, wenn ich in ein Patientenzimmer trete. Ich rate jedem, der diesen Beruf ergreifen will, vorher ein Praktikum zu machen. Dann merke ich, ob ich dafür wirklich geeignet bin. Manchmal ist die psychische Belastung hoch. Ich habe gleich in der ersten Woche meiner Ausbildung einen toten Menschen gesehen, das erste Mal in meinem Leben. Das hat mich anfangs schon belastet. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.

Manchmal wünsche ich mehr Verständnis von Seiten der Patienten und ihren Angehörigen. Vor kurzem hat sich jemand beschwert, weil sein Frühstück zu spät kam. Das kann passieren, wenn wir unterbesetzt sind. Auch wenn ich den Ärger verstehen kann: Da sollten beide Seiten mehr aufeinander zugehen."

 

Krankenpfleger

"Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass Pflege eine eigene Wissenschaft ist"

David Brodmann, 22, Hünxe, ist im 3. Ausbildungsjahr

Ich habe mich für den Beruf entschieden, weil ich eine abwechslungsreiche, fordernde und anspruchsvolle Ausbildung machen wollte, bei der ich etwas Sinnvolles tun und Menschen helfen kann. Außerdem hat mich schon früh das Geheimnis des menschlichen Körpers interessiert.

Leider wird die Pflege jedoch immer noch nicht als professionelle und selbständige Berufsgruppe angesehen, sondern eher als die Helfer des Arztes. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass Pflege eine eigene Wissenschaft ist und man sie studieren kann.

Das Besondere an uns Pflegekräften ist, dass wir immer für Patienten wie Angehörige da sind, anders als Ärzte. Wir lernen Patienten sehr intensiv kennen und sind ihr erster Ansprechpartner im Krankenhaus. In wenigen anderen Berufen arbeitet man so nah an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod, Trauer und Freude, Glück und Unglück.

Ich finde es sehr schade, aber auch nachvollziehbar, dass viele junge Leute diesen Beruf derzeit nicht ergreifen wollen. Er ist körperlich und psychisch anstrengend, wir müssen eine hohe Verantwortung tragen. Dadurch kann man selber krank werden. Wir haben außerdem Personalmangel, Wechselschichten und müssen am Wochenende arbeiten – und das wird dann auch noch schlecht bezahlt. Ich beobachte, dass schon viele Auszubildende beschließen, nach dem Examen nicht dauerhaft auf der Station zu arbeiten. Es muss sich definitiv etwas ändern, damit der Beruf wieder ansprechender wird. Wir Pflegekräfte sind unverzichtbar für uns alle!

 

Belma Susic, Auszubildende in der Altenpflege

"Es geht viel um Kommunikation, um Biographie"

Ismedina Buljic (30) aus Unterföhring bei München ist im zweiten Jahr ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin

"Als man mir die Ausbildung zur Altenpflegerin vorschlug, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. Ich dachte, ich wäre dazu da, pflegebedürftigen Menschen den Po abzuwischen. Aber es ist viel mehr als das, die Ausbildung ist anspruchsvoll, es geht viel um Kommunikation, um Biographie, um Krankheiten und wie man Symptome rechtzeitig erkennt.

Ich bin Muslimin, und da ist es für mich selbstverständlich, älteren Menschen zu helfen. Wenn ich erzähle, dass ich aus Bosnien komme, sind die meisten sehr offen. "Oh wie schön! Gefällt es Ihnen hier?", bekomme ich zu hören. Verstehe ich den bayerischen Dialekt eines Bewohners mal nicht, frage ich höflich nach, das klappt immer.

Man kann als Altenpflegerin so viel für die Menschen erreichen, auch für Demenzkranke. Was ich gerne zwischendurch mache, ist eine "Fünf-Minuten-Aktivierung": Zwei, drei Fragen aus dem Leben des Bewohners, nach der Familie zum Beispiel, und er strahlt mich an. Und man bekommt so viel zurück, ältere Leute haben oft so eine Weisheit. "In der Geduld ist die Kraft", das habe ich mir gemerkt!

Natürlich ist der Beruf auch belastend. Ich möchte ehrlich sein: Ich weiß nicht, ob ich den Beruf immer machen kann. Viel hängt auch am Betriebsklima. Mit manchen Teams läuft es so gut, dass ich glatt noch eine zweite Schicht dranhängen könnte, mit anderen ist es schwieriger.

Wenn ich Deutschland mit Bosnien vergleiche, denke ich: Die Leute hier sind oft so gestresst, dass darunter die Gefühle leiden. In Bosnien geht man liebevoller mit älteren Menschen um. Ich finde es schade, wenn Bewohner im Heim nur selten Besuch bekommen und dann manchmal nur, um etwas abzugeben. Aber es gibt auch Familien, die sich sehr kümmern."

 

Frau

"Es ist wichtig, Patienten mit Würde zu behandeln"

Melisa Seyhan, 23 Jahre, Wesel, hat gerade Examen gemacht und arbeitet auf einer Normalstation

"Ich liebe meinen Beruf. Manchmal fragen mich andere "Was du machst, könnte ich nie. Leuten den A … abwischen!" Wer so abfällig redet, sollte vielleicht selber einmal in seinen Ausscheidungen liegen und Hilfe von anderen benötigen. Dann würde derjenige spüren, wie wichtig es gerade in solchen Situationen ist, dass ich ihn als Krankenschwester mit Würde behandele. Mal abgesehen davon, dass solche Tätigkeiten nur einen sehr kleinen Prozentsatz meiner Arbeit ausmachen. Wenn ich in die Türkei fahre und erzähle, dass ich Krankenschwester bin, bewundern mich die Menschen. Dort gelten Pflegekräfte als Engel in Weiß. In Deutschland ist das häufig nicht so. Dabei bin ich dankbar über wunderbare Erlebnisse in der Pflege, die mich bereichern. Ich war einmal bei einer Geburt dabei, das war toll. Ein anderes Mal habe ich einen Sterbenden begleitet. Seine allerletzten Worte galten mir. "Ich habe so viele meiner Pläne nicht in die Tat umgesetzt. Leben Sie Ihr Leben", hat er zu mir gesagt. Und dann ist er für immer eingeschlafen. Das vergesse ich nie."

 


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