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Wie Sie Menschen mit Demenz durch die Coronazeit helfen

Plötzlich keine Tagespflege mehr, keine Besuche von Verwandten, viel Unruhe im Haus: Für Menschen mit Demenz ist die Coronazeit oft besonders stressig. Was im Alltag helfen kann.

von Elsbeth Bräuer , 16.04.2020

Ruhe ausstrahlen

Wahrscheinlich sind Sie als Angehöriger gerade im Stress oder machen sich Sorgen. Trotzdem ist es wichtig, sich das nicht zu sehr anmerken zu lassen. Überträgt sich das Gefühl der Beklemmung auf demenzkranke Menschen, kann das zu Unruhe, Angst oder Aggression führen. "Atmen Sie tief durch, zentrieren Sie sich und schieben Sie die eigenen Gedanken so gut wie möglich beiseite", sagt die Demenz-Expertin Rosmarie Fink. Auch Kleinigkeiten können für Entspannung sorgen: in ruhigem Ton zu sprechen, eine leise Musik oder ein angenehmer Duft.

Für Struktur sorgen

Wer weiß, wie der Tag ablaufen wird, fühlt sich sicher. Bemühen Sie sich, den Alltag so normal wie möglich zu halten. Ihr Angehöriger ging vor Corona in die Tagespflege? Empfinden Sie die Struktur nach. Zum Beispiel: morgens Frühstück, dann Aktivierung, mittags essen und leichte Gymnastik für den Kreislauf, dann Mittagsschlaf. Wird die Person morgens normalerweise vom Fahrdienst abgeholt, kann ein Spaziergang eine Alternative sein. Rituale geben Halt und Orientierung – etwa vor dem Essen zu beten.

Erklärungen einfach halten

Es kommt auf den Grad der Demenz an, ob es Sinn macht, die Pandemie zu erklären. Wichtig: Verwenden Sie einfache Worte, keine Fachbegriffe. "Wir sagen den Bewohnern in unserer Einrichtung, es ist eine Art Grippe, und deshalb müssen wir aufpassen", sagt Fink. Wichtig ist, der Person das Gefühl zu geben, in Sicherheit und nicht alleine zu sein.

Hygiene einhalten

Alzheimer-Patienten sind durch das neue Coronavirus besonders gefährdet. Als Angehöriger sollten Sie soweit möglich versuchen, die gängigen Hygienetipps einzuhalten. Doch Abstand halten und Mund-Nasen-Masken tragen lässt sich im Alltag oft nicht umsetzen: Viele Menschen mit Demenz haben ein Bedürfnis nach Berührungen und können nicht verstehen, warum plötzlich die 1,5-Meter-Regel gelten soll.

Wie man Menschen mit Demenz mit Fingerspielen zum Hände-Desinfizieren bringen kann, schreibt das Magazin "Altenpflege".

Ich habe das Bedürfnis nach Nähe so zu lösen versucht, dass ich unseren Bewohnern verschiedene Gegenstände in die Hand gegeben habe – etwa lange Schals oder Bänder aus Stoff. Wenn sie nichts zu berühren haben, fühlen sie sich teilweise allein. Fasst jemand das andere Ende des Tuchs an, kann man sich verbunden fühlen, ohne einander zu berühren.

Rosmarie Fink, Demenz-Expertin

Masken werden oft heruntergerissen – viele verbinden damit negative Erfahrungen mit Ärzten und Krankenhäusern, vermutet Fink. Vielleicht hilft es, die Maske beim Betreten des Zimmers erst aufzusetzen, damit die Person einen kurz ohne Maske sieht. "Bei einer Frau in unserer Einrichtung hat das funktioniert. Die Frau, die sich gefürchtet hatte, lachte dann und sagte: Ach, Sie sind ja gar nicht die Frau Doktor, vor der ich Angst habe." Hier finden Sie noch mehr Tipps, wie Sie Menschen mit Demenz die Angst vor der Maske nehmen können.

Für Beschäftigung sorgen

  • Leichte Gymnastik in der Wohnung
  • Hausarbeit: Etwa Kartoffeln schälen oder Teller abtrocknen
  • Gesellschaftsspiele
  • Alte Lieder singen und Sprüche aufsagen
  • Alte Filme und Sendungen auf YouTube anschauen
  • Musik hören
  • Virtuelle Rundgänge durch Museen

Eine Idee: Gestalten Sie zusammen ein Fotobuch. Ihr Vater war Feuerwehrmann? Drucken Sie Bilder von Feuerwehrautos aus und suchen Sie Fotos von ihm in Uniform. Ein Leben bietet viele Impulse!

Michael Wissussek, Leiter einer Tagespflege in Bad Buchau

Kriegserinnerungen erkennen

Denken Sie daran, dass die Corona-Krise manche älteren Menschen an den Krieg erinnern könnte. Vorräte sammeln, eingesperrt sein, liebe Menschen nicht mehr sehen dürfen – das kann alte Ängste wecken. "Eine Frau in unserer Einrichtung hat gefragt: Ist denn jetzt wieder Krieg?", erzählt Demenz-Expertin Rosmarie Fink. Eine andere Dame zog am helllichten Tag immer wieder die Vorhänge zu. "Sie fühlte sich an die Zeit der Fliegerbomben erinnert, als man in den Keller ging oder die Fenster verdunkelte. Im Dunkeln hatte man weniger Angst vor den Bomben." Wichtig ist es, diese Ängste nicht abzutun, sondern ernst zu nehmen. Sprechen Sie die Person aber nicht von sich aus auf den Krieg an.

Angenommen, ein Mensch mit Demenz will jetzt plötzlich ganz viele Packerl Servietten mitnehmen. Sagen Sie nicht: Warum machst du das, wir brauchen nicht so viel! Das hilft den Menschen mit diesem furchtbaren Gefühl in dem Moment nicht weiter. Fragen Sie lieber: Brauchst du noch mehr? Oder: Ist das schlimm, wenn man zu wenig hat? Nehmen Sie die Person mit ihren Gefühlen ernst. Wenn sich jemand verstanden fühlt, muss er nicht mehr herausfordernd und aggressiv reagieren. Sobald die Person den Eindruck hat, jemand teilt das Gefühl mit ihr, ist der Kampf meist zu Ende. So kommt man leichter auf eine Ebene, in der es eine Lösung gibt.

Rosmarie Fink, Demenz-Expertin

In Verbindung bleiben

Vielen fehlt der Besuch der Enkel, der Nachbarin oder des Freundes. Versuchen Sie, diese Menschen im Alltag präsent zu halten. Hat sich die demenzkranke Person immer mit der Freundin zum Kaffee getroffen? Vielleicht kann die Freundin einen Kuchen vor die Tür stellen. Fotos oder Briefe helfen dabei, in Verbindung zu bleiben. Erinnern Sie daran: "Wenn das vorbei ist, kommen die Freunde wieder."

Denken Sie an sich selbst

Einen demenzkranken Menschen zu beschäftigen kann unglaublich anstrengend sein. Sie machen gerade einen tollen Job! Und es kommen auch wieder andere Zeiten.

Nutzen Sie Auszeiten. Zum Beispiel, wenn die Person ihren Mittagsschlaf macht. Dann bitte keine Wäsche oder die Küche machen – dafür bleibt später mit Ihrem Angehörigen genug Zeit. Diese Zeit gehört Ihnen. Bestellen Sie sich ein gutes Buch, schauen Sie einen Lieblingsfilm, setzen Sie sich auf den Balkon oder hören Sie Musik. Was Ihnen gut tut!

Holen Sie sich Unterstützung. Greifen Sie zum Einkaufen auf Nachbarschaftshilfe zurück oder bitten Sie entfernt lebende Angehörige um Hilfe bei der Bürokratie. Auf Verhinderungspflege müssen Sie nicht ganz verzichten: Am sichersten ist es aber, wenn immer dieselbe Person bei der Betreuung einspringt. Idealerweise ist sie unter 50 und körperlich gesund, hält die Hygieneregeln ein, ist nicht viel draußen und hat keinen Kontakt zur Risikogruppe.

Bleiben Sie im Austausch. Auch wenn Selbsthilfegruppen wegfallen – man kann sich auch per Mail, Telefon oder Chat austauschen. Etwa in der größten Facebook-Gruppe von pflegenden Angehörigen oder über die App für pflegende Angehörige "In Kontakt". Wenn alles zu viel wird: Manchmal hilft es, einem Fremden sein Herz auszuschütten. Beratungsstellen sind telefonisch weiterhin gerne für Sie da.

Machen Sie Pläne für nach der Krise: Was haben Sie vor, wenn die Tagespflege-Einrichtungen wieder geöffnet haben? Wen wollen sie treffen, wohin reisen, sobald es wieder möglich ist?

Beratungstelefone für pflegende Angehörige

Einfach mal reden:

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222
Rund um die Uhr

Silbernetz: 0800 4708090
Täglich von 8-22 Uhr

Bei aggressiven Gedanken und Lagerkoller:

Pflege in Not: 030-69598989
Mo – Fr 10–16 Uhr, Sa 10–14 Uhr

Frage zur Krankheit oder Rat im Umgang:

Alzheimer Telefon: 030 259379514
Mo–Do 9-18 Uhr, Fr 9–15 Uhr

Fragen zur Organisation von Pflege und Leistungen:

Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums: 030 20179131
Mo–Do 9–18 Uhr

 


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