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Wie geht es Ihnen?

Der Senioren Ratgeber hat ältere Menschen in den Zeiten von Corona befragt, wie sie ihren Alltag verbringen, welche Sorgen sie haben, und was ihnen Hoffnung macht. Acht Protokolle.

von Raphaela Birkelbach, Heidi Loidl, Claudia Röttger und Orla Finegan, 30.03.2020

"Toni bringt ein Stück Normalität in unseren Alltag!"

An sich bin ich ein positiv gestimmter Mensch. Aber die Coronakrise macht mir Angst. Ich gehöre zu den Hochrisikopatienten: Ich bin 66 Jahre alt, habe eine schwere chronische Krankeit und bin erst vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich war dort wegen einer größeren Gallenoperation.

Vor einer Ansteckung versuche ich mich so gut wie möglich zu schützen. Einkaufen geht ausschließlich mein Mann, ich wasche mir oft die Hände, und bei uns am Hauseingang steht eine Desinfektionsflasche, sie ist ständig im Gebrauch.

Zum Glück ist in meiner Familie noch niemand positiv auf Corona getestet worden. Wohl aber eine Freundin meines Sohnes, sie ist schwer erkrankt, vermutlich hat sie sich im Skiort Ischgl angesteckt.

Sehr dankbar bin ich dafür, dass wir in einem Haus leben und einen Garten haben. Da habe ich mehr Bewegungsfreiheit. Außerdem kann ich dort meinem dreijährigen Enkelkind Toni beim Spielen zusehen – mein Sohn wohnt mit seiner Familie im oberen Stockwerk. Wir gehen natürlich gerade buchstäblich auf Distanz zueinander: Toni passt ganz doll auf, dass er mir nicht zu nahe kommt. "Jetzt darf ich dir kein Bussi mehr geben", hat er mir vor Kurzem gesagt. Zu sehen, wie Toni auf dem Trampolin herumturnt, stimmt mich gerade besonders froh. Der Kleine bringt ein Stück Normalität in unseren Alltag.

Um mich von den vielen schlechten Nachrichten abzulenken, backe ich sehr viel. Bislang gab es noch keine Probleme, die Zutaten dafür im Supermarkt zu bekommen. Wir hamstern nicht beim Einkaufen. Selbst wenn das Toilettenpapier ausgeht: Dann benutzen wir eben Zeitungspapier, das musste ich als Kind auch! Da gibt es doch jetzt in der Coronakrise ganz andere Probleme!

Ich sorge mich zum Beispiel um die vielen Pflegeheimbewohner, die derzeit keinen Besuch empfangen dürfen. Sie sind jetzt total abhängig vom Personal vor Ort. Wie schlimm, wenn das Heim kein gutes ist.

Rita K., 66 Jahre, Poppenricht

"Ich wünsche mir, dass die Leute in diesen Zeiten lernen!"

Lange Zeit war ich wegen der Coronakrise nicht besonders ängstlich. Doch jetzt, wo sich immer mehr zeigt, wie ansteckend das Virus ist, bin ich schon ein bisschen nervös. Auch die Bilder aus Italien erschrecken mich. Ich weiß, dass ich in meinem Alter besonders aufpassen muss, mich nicht anzustecken. Ich mache mir auch Sorgen um meinen Mann, der wegen eines geschwächten Immunsystems und als Raucher noch stärker gefährdet ist. Ich halte mich sehr an die Regeln, die von den Experten und der Bundesregierung vorgegeben werden – dafür bin ich dankbar, sie sind mir eine sehr gute Hilfestellung.

Zum Glück habe ich noch Atemschutzmasken ergattert, Handschuhe ziehe ich ebenso beim Einkaufen an. Gestern habe ich im Supermarkt einen jungen Mann, der hinter mir an der Kasse stand, gebeten, mehr Abstand zu halten. Er hat zum Glück sofort Verständnis gezeigt und ist von mir weiter weggerückt.

Mein Alltag hat sich durch Corona nicht stark verändert. Da wir in einem Haus mit Garten leben, fühlen wir uns nicht stark eingeschränkt. Ich fühle mich auch nicht einsam, zumal jetzt viel mehr Leute an unserem Haus vorbeigehen und spazieren gehen – wir wohnen sehr ländlich, nach ein paar Schritten ist man bei uns in der Natur. Ich gehe als Hundesitterin auch viel spazieren, allerdings jetzt alleine. Andere Hundefreunde, mit denen ich oft meine Runden drehe, sind wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr dabei.

Was mir auch durch den Kopf schießt: Wenn ich nach München fahre, ist die Innenstadt wie tot, die Geschäfte sind fast alle geschlossen, und in den Straßen sehe ich kaum Leute. Das ist für mich ein Vorgeschmack darauf, wenn die Menschen auch nach der Coronakrise alles im Internet bestellen. Jeder weiß, dass dann gerade die kleinen Geschäfte schließen müssen. Ich wünsche mir, dass die Menschen in diesen Zeiten lernen und hoffentlich bald wieder mehr in den Läden einkaufen. Sonst wird es doch trostlos, was unser soziales Miteinander betrifft.

Inka A., 76 Jahre, Baierbrunn

"Schön, wie aufmerksam die Nachbarn sind!"

Ich bin eine Meisterin im Verdrängen, deswegen macht mir dieses Virus auch keine so große Angst. Das heißt aber nicht, dass ich nicht gut aufpasse auf mich. Schließlich habe ich eine chronische Bronchitis, außerdem bin ich 84 Jahre alt, da kann schon mal was passieren. Deswegen wasche ich mir ganz oft die Hände, selbst dann, wenn ich den Müll hinuntergetragen habe. Da fasse ich ja auch das Geländer an. Ich halte Abstand zu den Leuten, wenn ich nach draußen gehe. Ich tue alles, was jetzt empfohlen wird. Um gesund zu bleiben, tanke ich auch viel frische Luft. Wir haben einen schönen Vorgarten, da setze ich mich alleine bei schönem Wetter oft für zwei Stunden hinein und genieße die Sonne. Mein Gott, mehr kann ich nicht tun.

Ich finde es schön, wie aufmerksam meine Nachbarschaft ist. Sie bieten an, für mich einkaufen zu gehen, oder rufen auch an, um zu erfahren, wie es mir geht. Dann kann ich ihnen zum Glück sagen: "Gut!" Denn ich lebe eigentlich fast so wie vorher. Ich bin ja sowieso alleinstehend. Aber ich fühle mich nicht einsam. Ich schaue viel Fernsehen und lese viel. Aber vor allem spendet mir mein zehnjähriger Kater Merlin Trost. Und umgekehrt kümmere ich mich um ihn, ich gebe ihm zweimal am Tag eine Spritze, weil er Diabetes hat. Immer wenn ich in die Wohnung komme, begrüßt er mich stürmisch. Das ist ein gutes Gefühl, gerade in diesen schweren Tagen.

Berta M., München, 84 Jahre

"Ich fühle mich trotz allem sicher."

Mitte Februar habe ich meinen Achtzigsten gefeiert – im Kreis meiner Familie und noch ohne irgendwelche Einschränkungen. In meinem Alter würde ich mich lieber nicht mehr mit dem Thema "Coronavirus" befassen müssen. Meine Frau ist bestens informiert über ihr Tablet. Ich lese Zeitung, und die mag man schon gar nicht mehr aufschlagen, weil sich alles nur noch um das eine dreht. Aber natürlich halte ich mich an die Vorgaben und gehe nicht unter Leute. Das ist für mich als Herzkranken wichtig. So fühle ich mich trotz allem sicher, auch durch mein häusliches Umfeld. Mein Sohn und meine Tochter wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft, damit haben wir immer Ansprechpartner – über den Garten, ohne sich zu nahe zu kommen. Meine Hobbys sind mir glücklicherweise geblieben: Als Metzgermeister koche ich gern, jetzt noch ein bisschen öfter als sonst. Und nicht nur Fleisch, ich mache auch Salate. Vorgaben brauche ich dafür nicht, mein Rezept ist der Geschmackssinn, die Zunge entscheidet. Ich war auch begeisterter Rennradfahrer, bin in Italien rumgefahren und hatte die teuersten Rennräder. Und jetzt fahre ich Rad, sobald es draußen trocken ist, allein darf ich es ja.

Anton S., 80 Jahre, München

"Es schmerzt, dass ich meinen Sohn nicht sehen kann!"

Mich trifft die Coronakrise schon. Eigentlich muss ich oft zum Arzt. Ich habe mehrere Krankheiten, zum Beispiel Bluthochdruck. Außerdem habe ich häufig Schmerzen in den Knien und der Hüfte, ich bekomme regelmäßig Spritzen. Doch jetzt sage ich viele Termine ab, weil ich Angst habe, mich anzustecken. Mit meinen 76 Jahren bin ich hochgefährdet.

Ich bin geschieden und lebe alleine, mein 36-jähriger Sohn wohnt aber auch in München. Es schmerzt, dass ich meinen Sohn nicht sehen kann. Ich mache mir Sorgen um ihn, weil er psychisch krank ist. Vor Kurzem hatte er Ärger mit der Polizei, weil er sich verbotenerweise mit Freunden in seiner Wohnung getroffen hatte. Es wurde deshalb auch sein Betreuer eingeschaltet.

Insgesamt merke ich den Menschen ihre große Anspannung an. Viele Leute auf der Straße gucken sorgenvoll oder sogar grimmig. Vor ein paar Tagen bin ich an einer jungen Mutter vorbeigegangen, die einen Kinderwagen geschoben hat. Sie hatte einen Mundschutz um. Als sie in meine Nähe kam, wurde sie ganz hektisch und hat mit dem Wagen einen Bogen von gut vier Metern um mich gemacht. Auch wenn ich Abstand halten jetzt sinnvoll finde: Das ist dann doch vielleicht übertrieben.

Aber ich gewinne dieser Zeit auch etwas Gutes ab. Ich fühle mich nicht einsam oder eingesperrt. Zwar habe ich nur eine kleine Wohnung ohne Balkon. Aber ich fahre gerne und viel Fahrrad, und das ist in den leeren Straßen gerade sehr entspannend. Die Stadt ist entschleunigt. So kann ich Kraft tanken – in der Hoffnung, dass irgendwann wieder bessere Zeiten kommen.

Ingeborg I., 76 Jahre, München

"Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mich nicht einsam fühle."

Um mich selbst mache ich mir keine Sorgen mehr, aber um die Zukunft meiner Enkel. Wie wird es mit der Wirtschaft weitergehen?

Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich habe eine reizende Nachbarschaft, die für mich einkaufen geht, und halte über Telefon und Laptop Kontakt zu Freunden und Bekannten. Ich habe auch schon an einer Videokonferenz mit fünf Freunden teilgenommen, das hat viel Spaß gemacht und war gar nicht so schwierig. Als Nächstes will ich versuchen, über das Internet Bridge zu spielen, der Verein hat das auf die Beine gestellt.

Meine Töchter wollten zum Geburtstag meines verstorbenen Mannes vergangene Woche kommen, aber das ging wegen Corona leider nicht. Ich habe ihn dann alleine auf dem Friedhof besucht. Auch Ostern feiern wir normalerweise gemeinsam, das werde ich dieses Jahr vermissen. Ich bin aber in der glücklichen Lage, dass ich mich nicht einsam fühle – dauernd klingelt das Telefon, Kinder, Enkel und Nachbarn melden sich. Außerdem gehe ich jeden Tag spazieren, man muss an die Luft! Eine meiner Enkelinnen hat mir am Wochenende per Telefon erklärt, wie ich auf meinem Handy Musik hören kann. Dadurch habe ich Louis Armstrong wiederentdeckt und höre ihn jetzt rauf und runter. Da werden Erinnerungen wach: Als junges Mädchen habe ich ihn im Berliner Club "Badewanne" erlebt.

Eigentlich wollte ich im Herbst nach Bremen in ein Seniorenheim ziehen, das wird sich jetzt wohl verschieben. Aber ich mache mir keine Sorgen, das wird sich schon regeln. Ich bin Gott sei Dank gesund, ich kann es gut verkraften, wenn der Umzug noch etwas dauert.

Renate B., 84, Ingelheim

"Ich würde meinen Enkel gerne drücken."

Wir sind konsequent. Obwohl meine Tochter mit Familie gleich nebenan wohnt, vermeiden wir Körperkontakt. Das tut mir richtig weh, den jüngeren Enkel würde ich schon gern hin und wieder drücken. Der Vorteil unserer Wohnsituation: Meine Tochter kauft für uns mit ein. Wenn sie die Einkäufe bringt, steht sie schon mal bei uns im Wohnzimmer. Mehr aber nicht. Akut brauchte ich bisher keinen Arzt, und für ein Rezept rufe ich einfach an, es wird dann zugeschickt.

Das Geschehen verfolge ich sehr genau am Tablet mit, das habe ich seit einem Jahr, aber jetzt nutze ich es intensiver, habe mich auch noch besser eingearbeitet. Vor allem will ich natürlich über die Beschränkungen auf dem Laufenden sein, die aktuell gelten. Darüber spreche ich auch viel mit meinem Mann.

Überhaupt machen wir jetzt mehr zu zweit. Wir holen alte Fotos raus, die wir sortieren. Auch Kleinigkeiten im Haushalt, Schränke auswischen, so was machen wir jetzt. Dabei bin ich gar nicht so die Hausfrau. Mein Mann macht das lieber – das war schon immer so. Dem Haushalt tut es gut. Mir nicht so. Ich muss mich wirklich zusammenreißen – und fügen. Denn Angst habe ich tatsächlich, dass ich als Diabetikerin das Virus aufschnappe und womöglich noch meinen herzkranken Mann anstecke. Für ihn wäre eine Lungenentzündung besonders gefährlich.

Aber ehrlich: Lagerkoller kriegt man schon auch ein bisschen. Ich bin ja ein Typ, der gern rauswill, was unternehmen. Joggen gehen. Zur Gymnastik. Meine Übungen mache ich jetzt allein zuhause. Zur Ablenkung gehe ich in den Garten, jäte Unkraut. Die Enkel bleiben aber immer auf Abstand. Und ich brauche es, spazieren zu gehen. Das tu ich gern auch allein.

Margarete S., 79 Jahre, München

"Ich habe Angst, dass mein Mann mich nach der Krise nicht mehr erkennt."

Das Pflegeheim, in dem mein Mann Michael lebt, hat den Angehörigen schon vor zwei Wochen jeden Besuch untersagt. Michael ist dement und leidet auch an Parkinson. Normalerweise bin ich jeden Nachmittag zwei Stunden bei ihm, das geht nun nicht mehr. Stattdessen hört er jetzt klassische Musik im Radio. Ich finde es richtig, dass das Heim so entschieden hat. Aber Telefonieren, Skypen und WhatsApp, was ich mit meinen acht Enkeln mache, geht mit Demenz-patienten wie Michael nunmal nicht.

Ich befürchte, dass er mich nicht mehr erkennt, wenn die Coronakrise vorbei ist und ich endlich wieder zu ihm darf. Deshalb habe ich ein Foto von uns beiden vergrößern lassen und den Pflegern über den Zaun gereicht und sie gebeten, es Michael jeden Tag zu zeigen. Das tröstet mich. Hin und wieder backe ich auch den Käsekuchen nach altem, schlesischem Familienrezept, den er so liebt, und lasse ihm ein Stück vorbeibringen. Manchmal mache ich mir Sorgen, wie das Pflegepersonal das jetzt überhaupt schaffen soll. Wir Angehörigen haben ja immer mit angepackt und ihnen einiges abgenommen. Wer hat jetzt Zeit, meinen Mann durch den Park spazieren zu fahren? Bevor Michael vor zwei Jahren ins Pflegeheim kam, habe ich ihn sechs Jahre zuhause betreut. Mit Corona habe ich lernen müssen, auch selbst Hilfe anzunehmen und mich zu schützen. Meine Nachbarn kaufen jetzt für mich ein. Das ist mir anfangs sehr schwer gefallen. Ohne Musik würde ich das alles nicht aushalten, besonders dass mein Partner, mit dem ich 50 Jahre verheiratet bin, sich Schritt für Schritt von mir verabschiedet. Zum Glück klappen Musik hören und Konzerte besuchen auch wunderbar digital.

Cristiane M., 75 Jahre, Berlin


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