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Das neue Bild vom Reizdarm

Alarm im Bauch: Forscher ­entschlüsseln nach und nach das scheinbar unerklärliche Verdauungs­leiden. Über neue Erkenntnisse in der Diagnose und Therapie

von Raphaela Birkelbach, 22.04.2019
Mann mit Magenschmerzen

Es könnte ihn langweilen. Journalisten fragen oft dasselbe. Wie häufig? Wieso? Was hilft? Professor Thomas Frieling, Gastroenterologe am Helios-Klinikum Krefeld, gibt sich aufgeräumt. "Ich führe gerne diese Interviews. Wo wir doch heute mit Fug und Recht sagen können: Reizdarm ist ein organisches Leiden." Frieling ist sich sicher: Viele der ­betroffenen Patienten nehmen die Botschaft erleichtert auf. "Sie fühlen sich endlich ernst genommen."

Kein eingebildetes Leiden

Bislang blieb etlichen das verwehrt. Fachleute schätzen, dass rätselhafte Bauchbeschwerden bis zu fünf Mil­lionen Deutsche quälen. Durchfall, Blähungen, Darmkrämpfe, Verstopfung, aber auch Kopfweh oder Unwohlsein machen den Leidtragenden das Leben schwer – oft triezen sie gleich mehrere Beschwerden. Dauern sie länger als drei Monate, sprechen Ärzte vom Reizdarmsyndrom oder kurz RDS.

"Das ist derzeit immer noch eine Ausschlussdiagnose", erklärt der Gas­tro­­enterologe. Das bedeutet: Krankengeschichte, körperliche Untersuchung, Darmspiegelung, Ultraschall, herkömmliche Blutwerte oder Tests auf Nahrungsunverträglichkeiten liefern keine Hinweise, die die Beschwerden erklären könnten. "Wir finden nichts", müssen sich Betroffene oft von Ärzten anhören.

Sensibles Nervengeflecht

Bilden sich Patienten also die gestörte Verdauung nur ein? Nein, sagt die Fachwelt heute. Der Reizdarm stellt sie zwar immer noch vor viele Rätsel – und er wird manches Mal vorschnell diagnostiziert. Doch Forscher beginnen immer mehr zu verstehen, wie das sensible Nervennetz im Bauch, das "Bauchhirn", mit dem Gehirn kommuniziert und warum eine veränderte Darmflora, Stress, Mikroentzündungen oder eine überstandene Darminfektion Beschwerden hervorrufen.

"Es gibt nicht d e n Reizdarm, sondern verschiedene Untergruppen, je nach Auslöser", berichtet Frieling. Entsprechend überarbeitet der Gastroenterologe derzeit gemeinsam mit Kollegen die ärztlichen Richtlinien für die Krankheit.

Auch Reizdarmforscher Professor Michael Schemann, Humanbiologe an der Technischen Universität (TU) München, ist auf Spurensuche. "Pa­tienten gehen zum Arzt, weil sie ­Beschwerden im Darm haben. Also muss genau da auch was sein", betont er. Zusammen mit einem internationalen Wissenschaftlerteam hat er der Innenauskleidung des Verdauungsschlauchs Proben entnommen und sie untersucht. Und tatsächlich: "Die Nervenaktivität in der Darmschleimhaut von Reizdarmpatienten ist gegenüber der von gesunden Menschen verändert."

Den richtigen Namen finden

Die Veränderung, so Schemann, stoßen bestimmte Eiweißstoffe an. Nur im Darm von RDS-Kranken finden sie sich in speziellem Mengenverhältnis und besonderer Zusammensetzung – allerdings nicht bei jedem, betont Schemann. "Mit diesem Muster haben wir einen Biomarker gefunden, der sich künftig für die Dia­gnose des Reizdarms eignen könnte." Ebenso weitreichend: Das Team um den Forscher von der TU München konnte im Labor die Tätigkeit der Eiweißstoffe blockieren – mithilfe probiotischer Darmbakterien. "Das kann der Ansatz für eine neue Therapie sein", sagt Schemann.

Die Untersuchungen untermauern den schon lange gehegten Verdacht, dass es im Bauch rumort, wenn die Darmflora aus dem Gleichgewicht gerät. Neue Studien werden das festklopfen müssen. "Aber allein weil wir über solche Möglichkeiten forschen, fühlen sich Patienten nicht mehr als Simulanten", findet der Biologe aus Bayern. "Die Krankheit bekommt neue Namen."

Und manchmal auch den richti­gen: Gallensäureverlustsyndrom etwa. "Einige vermeintliche Reizdarmpatienten leiden in Wahrheit unter einem gestörten Gallenstoffwechsel", sagt Gastroenterologe Frieling aus Krefeld. Ist die Konzentration an Gallensäuren im Darm zu hoch, piesacken Durchfälle sowie Bauchkrämpfe die Betroffenen.

Das werde oft übersehen, so Frieling, dabei lassen sich Hinweise darauf schon durch eine Bestimmung der Gallensäure im Stuhl finden. Bestätigt sich der Verdacht, helfen Medikamente, die die Gallensäure im Darm binden.

Klagen Patienten über wässrigen Stuhl sowie chronische Leibschmerzen, denkt Dr. Daniel Plecity nicht ­gleich an einen Reizdarm. Der Gastroenterologe aus der Kreisklinik Ebersberg prüft etwa, ob Nebenwirkungen von Medikamenten den Durchfall hervorrufen.

"Tritt er öfter nachts auf, kann das auch eine mikroskopische Kolitis sein." Bei der entzündlichen Erkrankung, die früher oft nicht erkannt und daher als Reizdarmsyndrom eingestuft wurde, lagern sich Bindegewebe oder Entzündungszellen in die Darmwand ein.

Wichtige Fragen und Antworten

Kommt der Labortest auf Reizdarm?
Forscher haben in der Darmschleimhaut Reizdarmkranker ein spezielles Eiweißmuster fest­gestellt – ein konkreter Nachweis für eine organi­sche ­­Ursache der Verdauungsstörung. Dieser "Bio­marker" wird bislang aber nur in der Forschung eingesetzt.

Krank durch Weizen?
Hinter Reizdarmbeschwerden kann eine sogenannte atypische Nahrungsmittelallergie stecken – meist auf Weizen, aber auch auf Milch, Soja oder Hefe. Wird der Auslöser erkannt und weggelassen, können die Symptome deutlich abklingen.

Ist die Darmflora schuld?
Patienten klagen öfter nach einer Magen-Darm-Infektion oder Blasenentzündung über Reizdarmbeschwerden. Ihre Darmflora ist gegenüber der von Gesunden oft verändert, es fehlen etwa Bakterien des Bifido-Stamms. Ein gezielter Einsatz von Probiotika kann die Pein lindern.

Lässt sich der Darm beruhigen?
Mithilfe einer darmbezogenen Hypnose kann der Reizdarmpatient ein positives Bauchgefühl entwickeln und es in seinem Unbewusstsein verankern. Während der Hypnose ist der Behandelte dem Therapeuten nicht willenlos ausgeliefert, und er kann sich nachher an alles erinnern.

Lebensmittel auf dem Prüfstand

Die Krux an dem häufig verkannten Autoimmunleiden ist, "dass es bei einer Darmspiegelung nicht zu erkennen ist", so Plecity. Erst Gewebeproben, die der Arzt während der Koloskopie nimmt und unter dem Mikroskop ansieht, erbringen den Beweis. "Lokal wirksames Kortison ist dann die Therapie der ersten Wahl", sagt der Ernährungsexperte.

Um die richtige Diagnose zu stellen, lohnt auch ein Blick auf den Speiseplan. Studien deuten darauf hin, dass häufig Lebensmittel die Turbulenzen in Dünn- und Dickdarm verursachen. "Auf dem Prüfstand stehen etwa ­­bestimmte Zuckerbestandteile, die Reizdarmkranke schlecht vertragen", erklärt Mediziner Plecity. FODMAP heißen die Verdächtigen in der Fachsprache – ob sie hinter dem schlimmen Bauchweh stecken, kann eine Auslassdiät herausfinden.

Verzicht? Diät? Professor Detlef Schuppan hat den Test gemacht und spricht eher von Lebensqualität. "Zwei Drittel der Reizdarmpatienten sind beschwerdefrei, wenn sie drei Tage lang eine reizarme Diät halten und nur Kartoffeln oder Reis mit Salz und Öl essen", sagt der Biochemiker und Gastroenterologe von der Mainzer Universität. Bestimmte Lebensmittel müssen die Verdauung stören, schlussfolgert Schuppan. Er ist überzeugt, mögliche Unruhestifter zu kennen.

Ob Brötchen, Nudeln oder Kekse: "Nach dem Verzehr gluten­haltiger Lebensmitteln reagieren viele Menschen mit Verdauungsstörungen." Selbst dann, wenn sie nicht ­unter einer Zöliakie, also der echten Glutenunverträglichkeit, oder einer klassischen Weizenallergie leiden.

Beschwerden erst viel später    

Wie kann das sein? Diese Frage treibt den Mainzer Forscher um. "Mithilfe eines endoskopischen Spezialverfahrens konnten wir in Studien nachweisen, dass bei 70 Prozent der Reizdarmpatienten die Darmschleimhaut sofort stark auf Weizen, Milch, Soja oder Hefe reagiert."

Weil Patienten aber erst Stunden später über Beschwerden klagen, ist es auf den ersten Blick schwierig, den Zusammenhang zu erkennen. Für Schuppan deutet das auf eine atypische Allergie: Die Nahrungsmittel ­lösen eine Entzündungsreaktion im Darm aus. "Beim Weizen, auf den die Hälfte der Patienten reagiert, sprechen wir von einer atypischen Weizenallergie."  

Als der Mediziner die Abläufe genauer unter die Lupe nahm, entdeckte er Erstaunliches: "Vermutlich handelt es sich dabei um eine Reaktion gegen eine Vielzahl von Proteinen. Auch im Weizen ist das nicht nur Gluten." Ein weiterer Eiweißstoff, der aber nur in glutenhaltigen Getreide­sorten vorkommt und abgekürzt ATI heißt, entpuppt sich als Störenfried. "Unsere Studien legen nahe, dass er über die Darmprobleme hinaus auch chronische Erkrankungen wie etwa Rheuma, Typ-2-Diabetes oder Multiple Sklerose verstärkt", erläutert Schuppan.

Bauchhypnose kann helfen

Es gibt noch viel zu forschen. Doch Reizdarmkranke können eine glutenfreie Kost probieren. "Oft geht es Patienten mit chronischen Leiden generell damit besser, weil keine ATIs in den Darm gelangen", sagt der Ernährungsexperte. Einen strikten Essensplan sollten ältere Menschen aber mit ihrem Arzt besprechen.

Nicht auf Diät, sondern auf die Macht der Worte setzt Professor Winfried Häuser: "Eine darmbezogene Bauch­hypnose kann die Beschwerden lindern", sagt der Facharzt für psychosomatische Medizin an der Uniklinik Saarbrücken. Die nun in Leitlinien empfohlene Methode wurde eigens für Reizdarmkranke entwickelt.

Studien belegen den Erfolg. "Wir wissen schon lange, dass Millionen Nervenzellen den Darm umhüllen und eng mit dem Gehirn vernetzt sind", sagt Häuser. Er weiß: Eine ­gestörte Kommunikation zwischen Bauch und Kopf lässt sich mit psychologischen Reizen bessern. Genau das tut der Hypnosetherapeut.

"Wir versetzen Patienten zunächst in Trance, damit sie sich besser auf ihr inneres Erleben und die Worte des Gegenübers einlassen." Dann spricht der Behandler Sätze, die einem ängstlichen und gestresstem Menschen allgemein den Druck von der Seele nehmen. Aber er gibt auch je nach Verdauungsproblem bestimmte Bilder vor. "Bei Verstopfung etwa sage ich, dass der Darm wie ein Fluss regelmäßig und schnell fließt, bei Durchfall hingegen langsam", erklärt Häuser. Rund 25 Minuten dauert eine Therapie-Einheit, sechs bis zwölf davon empfiehlt er insgesamt.

Zu Hause in Trance

Daheim sollten die Patienten die Bauchhypnose fortsetzen. CDs mit Anleitung gibt es im Handel. Mancher kommt alleine mit einer Selbsthypnose zurecht. Wer sich lieber an einen Therapeuten wenden möchte: Eine Liste erfahrener Behandler findet sich im Internet (www.dgh-­hypnose.de).

Wie jede Therapie bewirke die medizinische Hypnose keine Wunder, betont Häuser, doch "bessert sie auf jeden Fall die Lebensqualität und ist eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Therapien." Auch das sind gute Nachrichten für Patienten mit einem Reizdarm. Und wer weiß, vielleicht gibt es diesen Begriff künftig gar nicht mehr.


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