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Spurensuche Reizdarm

Experten wissen zunehmend besser, welche Lebensmittel das Leiden verschlimmern können. Die eine Diät für alle gibt es aber nicht. Herauszufinden, was der Einzelne verträgt, ist mühsam, lohnt sich aber

von Heidi Loidl, 16.04.2019
Glas mit Milch

"Sie können alles essen, was Sie vertragen." Mit dieser allgemeinen Empfehlung wurden Reizdarmpatienten jahrelang abgefertigt. Tinatin Deisenhofer, Ernährungsthe­rapeutin aus Augsburg, kennt viele von ihnen. Sie weiß: "So ein allgemeiner Hinweis hilft den meisten nicht weiter. Jeder Mensch isst zig Lebensmittel, darunter viele Fertigprodukte mit langen Zutatenlisten." Wie soll man da die "Guten" und die "Schlechten" auseinanderhalten?

Genau darauf setzen Mediziner aber zunehmend. "Je mehr Zeit wir uns nehmen würden, um auch den Speiseplan des Patienten genau anzusehen, umso seltener bliebe am Ende die Diagnose Reizdarm", ist Professor Wolfgang Holtmeier überzeugt. Nahrungsmittelunverträglichkeiten auszuschließen gehört eben auch zu einer sauberen Diagnose. "Aber uns Ärzten fehlt dazu nicht nur die Zeit, sondern auch das nötige Fachwissen", gesteht der Kölner Gastroenterologe. Motivierten Patienten rät er daher zu  einer Ernährungsberatung.

Heute besteht kein Zweifel mehr: Ein gereizter Darm hat sehr viel mit dem Essen zu tun. Die eine Diät für alle gibt es aber nicht. Denn was vertragen wird, ist individuell verschieden. Viele Experten sehen in vergärbaren Zuckern mögliche Auslöser der Reizdarmbeschwerden, andere vermuten sie hinter dem Weizeneiweiß Gluten. Eindeutige diagnostische Nachweise sind bislang jedoch rar.

Zucker unter Verdacht

Routinemäßig messbar sind bisher nur Unverträglichkeiten für Milchzucker und Fruchtzucker. Tatsächlich fällt der Atemtest bei Patienten mit der Diagnose Reizdarm überdurchschnittlich oft positiv aus. Doch auch wer diese Zucker konsequent meidet, ist nicht immer beschwerdefrei. Das hat australische Fachleute ver­anlasst, nach weiteren Ursachen für die typischen Reizdarmbeschwerden zu fahnden.

Bei Zwiebeln und Knoblauch, aber auch Linsen und Bohnen wurden sie fündig. Diese sind schon lange als eher schwer verträglich ­bekannt. Jetzt können Forscher die Problemstoffe chemisch benennen: Es sind bestimmte Zuckerketten, die im Darm durch dort natürlicherweise angesiedelte Bakterien abgebaut – Fachleute sagen "fer­mentiert" – werden. Dabei entstehen Gase, die Blähungen und Winde verursachen können. Oder sie binden im Dickdarm Wasser, weichen den Stuhl auf oder führen sogar zu Durchfall.
Eine Unverträglichkeit auf diese Zucker lässt sich einzig und allein durch Weglassen testen.

Zu diesem Zweck haben die beiden Australier eine Suchdiät mit dem sperrigen Namen "FODMAP" entwickelt. Sie berücksichtigt Fruchtzucker, einen Einfachzucker (Monosaccharid), Milchzucker, das ist ein Zweifachzucker (Disaccharid), Fruktane und Galaktosane, das sind Mehrfachzucker (Oligosaccharide), und (englisch: and) Zuckeralkohole (Polyole) wie Xylit oder Mannit. Alle zusammengenommen sind sie FODMAP, das heißt: fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide and (und) Polyole.

Nicht ohne Profi

Die Krux: Man kann diese Zucker nicht schmecken, die wenigsten davon sind süß. Aber es gibt Tabellen mit FODMAP-reichen Lebensmitteln. Darin findet man alte Bekannte wie Lauch und Wirsing, Feigen und Pflaumen, aber auch Überraschendes wie Pistazien und Cashew-Nüsse, Äpfel und sogar Brot. Die moderne Lebensmittelanalytik macht es möglich, immer mehr Nahrungsmittel auf die verdächtigen Zucker hin zu untersuchen und einzuordnen.

Also Tabelle an den Kühlschrank gehängt und los geht’s? Bitte nicht. "FODMAP-arm ist keine Diät, die man auf eigene Faust macht", warnt Wolfgang Holtmeier. "Sie verlangt nach professioneller Unterstützung." Tinatin Deisenhofer arbeitet seit zwei Jahren nach dem FODMAP-Konzept. Ihre Darmpatienten kommen oft mit einem großen Leidensdruck. Aber erst wenn sie in den Befunden sieht, dass der Arzt andere Darmkrankheiten sicher ausschließen konnte, beginnt sie mit der Diät.

Die Unverträglichen aufspüren

Trauben ja, Apfel nein, Brokkoli und Möhren statt Blumenkohl und Spargel, Milch nur in der laktosefreien Variante, kein herkömmliches Brot, keine Hülsenfrüchte, keine zuckerfreien Süßwaren. FODMAP werden weitgehend vom Speiseplan gestrichen.

Zur Orientierung gibt Deisenhofer eine FODMAP-Liste mit, schlägt Alternativen vor. "Es geht darum, Ruhe in den Darm zu bringen", erläutert sie. "Wird in diesen Wochen keine Besserung erreicht – bei jedem Vierten ist das der Fall –, ist es nicht sinnvoll, fortzufahren mit der Diät", weiß Beatrice Schilling, Ernährungsexper­tin aus Baden in der Schweiz. Die, denen es besser geht, sind damit aber noch nicht am Ziel. "Jetzt kommt die wichtigste Phase", erklärt die Beraterin: Lebensmittel werden nach und nach wieder dazugenommen.

Wie viel davon wird vertragen? Schilling fragt die Klienten, was sie in der Auslassphase besonders vermisst haben: die Milch? Das Brot? Dann wird das zuerst getestet. "Möglich, dass ein Patient zwei Scheiben am Tag verträgt, verteilt auf zwei Mahlzeiten, mehr davon aber Probleme macht." Bei anderen braucht es viel gutes Zureden. Denn "Klienten, denen es in der Karenzphase gut geht, neigen dazu, so eingeschränkt weiterzuessen", weiß Deisenhofer.

Doch ob FODMAP-armes Essen sich als Dauerkost eignet, ist bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Fest steht aber: Milchprodukte, Gemüse, Linsen, Brot sind nicht an sich schlecht, sondern liefern wichtige Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe. Daher wird jede Woche ein weiteres Lebensmittel eingeführt. Der Klient notiert, was er gegessen hat, mit Uhrzeit und Menge, und auch, wie es ihm geht.

Bis alles getestet ist, dauert es drei bis sechs Monate. Aber dann darf und soll alles Verträgliche auch auf Dauer auf den Tisch, "um sich nicht unnötig einzuschränken, vor allem aber, um keinen Mangel zu riskieren", so Schilling. Die Expertin hat viele Tipps. So rät sie, mehrere Brote zu testen. Vielleicht verträgt man eins vom Bäcker, der nach traditioneller Art den Teig vier Stunden gehen lässt, besser als eins mit kurzer Teigführung aus der Großbäckerei. Sie weiß: Regelmäßig essen ist wichtig – weder zu lange noch zu kurze Pausen dazwischen.

Weitere Urheber im Visier

Seit einiger Zeit steht auch das Weizeneiweiß Gluten im Fokus. Bei einer Reizdarmsymptomatik sollte der Arzt nach einer Zöliakie fahnden – oft wird die Unverträglichkeit auf Gluten erst im Alter festgestellt. Aber auch wenn eine Zöliakie sicher ausgeschlosen wurde, berichten nicht wenige Patienten von einer Besserung der Beschwerden durch eine glutenfreie Diät. "Das könnte eine Weizensensitivität sein", sagt Wolfgang Holtmeier und spricht damit ein viel diskutiertes Thema an.

Davor, auf Verdacht glutenfrei zu essen, warnt der Arzt aber dringend. Das könne langfristig zu einem Mangel führen. Ob wirklich Gluten die Probleme verursache, ein Getreide­eiweiß namens ATI oder die erwähnten FODMAP, sei noch unklar. "Eine ge­zielte, fachlich begleitete Auslassdiät ist der einzige Weg, individuelle Unverträglichkeiten zu finden", so Schilling. Bleibt zu hoffen, dass sich Intoleranzen und Allergien bald besser feststellen lassen und der Weg zur richtigen Diät sich verkürzt. Forscher arbeiten daran.

Das FODMAP-Konzept

Problem: Verdauungsbeschwerden, für die der Arzt keine ­Ursache findet? Entscheidung: zur Ernährungsberatung.

Phase 1
6–8 Wochen strenge Diät:

  • ohne Milchzucker (z. B. Milch, Joghurt)
  • ohne Fruchtzucker (z. B. Apfel, Mango)
  • ohne Mehrfachzucker (z. B. Weizen, Linsen)
  • ohne Zuckeralkohole (z. B. zuckerfreie Süßwaren)

Phase 2
3–6 Monate Testphase: Lebensmittel werden nach und nach eingeführt, verträgliche Mengen ermittelt.

Phase 3
Dauerernährung: Alle verträglichen Lebensmittel dürfen und sollen gegessen
werden, um eine Mangel­ernährung zu vermeiden.

 

Reizdarm-Suchdiät:
Dem Schema zu folgen verlangt viel Geduld und fachliche Begleitung. Drei von vier Patienten geht es am Ende besser.


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