Stoma: Mit gutem Ausgang

Ein künstlicher Darmausgang kann Leben retten und muss nicht für immer sein. Was Betroffene wissen sollten

von Heidi Loidl, 06.08.2018
Frau

Der Satz ihres Arztes klingt Brigitte Albrecht noch heute in den Ohren: "Ohne OP-Termin lasse ich Sie nicht gehen." Jahrelang hatte sie den Eingriff hinausgeschoben, jetzt drohte ihr chronisch entzündeter Darm Krebs zu entwickeln, und der künstliche Ausgang war die einzige Alternative. "Die Vorstellung war der Horror. Ich dachte, ich könne nur noch zeltartige Kleider tragen", sagt die heute 78-Jährige. "Ich war doch so mode­bewusst!" Die Sorge erwies sich bald als unbegründet.

Inzwischen lebt Brigitte Albrecht fast ihr halbes Leben mit einem Stoma, wie Fachleute den künstlichen Ausgang nennen. Geschätzt 100 000 Menschen haben hierzulande ein Stoma. Statt zur Toilette zu gehen, entleeren oder wechseln sie einen Beutel, der an der Bauchdecke aufgeklebt ist.

"Die ­Versorgungssysteme werden ständig weiterentwickelt, sodass man gut damit leben kann", sagt Gabriele Meyer, Stomatherapeutin bei einem Münchner Sanitätshaus, das an eine Apotheke angegliedert ist. Aber sie sieht auch: Es läuft nicht immer alles glatt. Wer weiß, was ihn erwartet, und gut beraten wird, kommt besser klar.

Stoma

Darmkrebs ist der häufigste Grund für das Anlegen eines Stomas. Sitzt der Tumor in den unteren 16 Zentimetern des Darms – in jedem dritten Fall –, wird das nötig. Die Patienten haben oft riesige Angst vor dem Stoma, "aber es ist der Preis fürs Weiterleben", sagt Professor Kenko Cupisti vom Darmkrebszentrum Euskirchen.

Was wenig bekannt ist: Viele Stomata sind als vorübergehende Lösung ­gedacht. "Sie werden angelegt, um ein tiefer liegendes Darmstück ruhig zu stellen, eine OP-Nahtverbindung zu schützen und die Heilung zu fördern", erläutert Cupisti. Ein solches Schutzstoma liegt oft im Dünndarm, weil er besser durchblutet ist und schneller heilt als der Dickdarm.

Wissen, was auf einen zukommt

Ein endgültiges Stoma wird dagegen erforderlich, wenn ein Tumor nahe an den Schließmuskel heranreicht, dieser mitentfernt werden muss und der natürliche Verschluss nicht mehr funktioniert (siehe Grafik). Mehr als jeder andere Eingriff ist das Anlegen des Stomas Vertrauenssache. "Bitten Sie Ihren Arzt um eine Empfehlung, reden Sie mit dem Operateur", rät Cupisti. "Sehen Sie sich im Zweifel eine zweite Klinik an."

Gut zu wissen: Spezialisierte Darmkrebszen­tren führen den Eingriff besonders oft durch. Ein Team von Fachleuten vom Psychologen über den Patho­logen bis zum Chirurgen kümmert sich um den Patienten. Zur OP-­Vor­bereitung gehört das Gespräch mit einem Stomatherapeuten. Er besieht sich den Bauch des Patienten im Stehen, Sitzen und Liegen. Wo sind Falten? Wie weit reichen die Rippen? Um es versorgen zu können, muss das Stoma gut zugänglich sein. Die beste Lage wird für den Operateur markiert.

Das Stoma akzeptieren

Der Stomatherapeut ist es auch, der den Beutel erstmals wechselt. In dem Moment schwanken die Gefühle des Betroffenen zwischen Angst, Ekel und Neugier. "Ich habe mich überwunden und hingeschaut", sagt Brigitte Albrecht. "Den Ekel abzulegen ist der wichtigste Schritt, um das Stoma zu akzeptieren", betont Gabriele Meyer. Dann kommen die Fragen: Kann ich Sport treiben? Duschen mit Stoma?

Häufige Patientenfragen zum Stoma

Kann ich mit Stoma alles essen?

Prinzipiell ja. Auf Blähendes verzichten – Luft entweicht über das Stoma ­un­kontrolliert und oft geräuschvoll. Mit Dünndarmstoma viel trinken, sehr Säurehaltiges meiden, es kann den Stuhl aggressiver machen und die Haut um das Stoma angreifen. Faserreiches wie Spargel oder Lauch quer zur Faser sehr fein schneiden und gut kauen.

Was mache ich beim Duschen?

Wählen Sie eine Zeit mit wenig Stuhlgang. Mit Dickdarmstoma kann man ohne Versorgung duschen. Dünndarmstomaträger tun es mit.

Darf man Sport treiben?

Klar! Auch Schwimmen ist nicht tabu. Ein im Bereich des Stomas geraffter Badeanzug oder für Männer eine Badehose mit hohem Bund kaschiert den Stomabeutel. Keinen Kampfsport bitte – die Versorgung könnte verrutschen und das Stoma beschädigt werden. Bei Ballsport einen Schutzgürtel tragen!

Wie sieht es mit Sex aus?

Lassen Sie sich und Ihrem Partner Zeit, um zu lernen, mit der neuen Situation umzugehen.

  • Mehr Information bietet die Patienten­organisation Deutsche ILCO unter www.ilco.de, Telefon: 02 28/33 88 94 50

Neuerungen nutzen

Daheim stellen sich die praktischen Probleme der Stoma­versorgung oft nochmals neu. Gabriele Meyer fährt zu den Patienten und übt alle Handgriffe mit ihnen, bis sie sitzen. Wer das Stoma schon lange hat, erfährt von ihr, wenn es etwas Neues gibt: Die Beutel sind heute geruchsdicht, ein Filter schützt zusätzlich. Moderne Materialien knistern nicht, hautfarben beschichtete Beutel sind sogar unter einem hellen Oberteil unauffäl­lig – so diskret, wie Brigitte Al­brecht es sich vorstellt. Sie führt inzwischen ein weitgehend normales Leben.

Stoma

Viele Darmkrebspatienten sind zunächst erleichtert, wenn der Schließmuskel erhalten werden konnte und nur ein Schutzstoma angelegt wurde. Doch "wenn bei Tests Zweifel aufkommen, ob der Schließmuskel ausreichend funktioniert, rate ich von der Rückverlegung ab", sagt Cupisti. "Das ist im Alter öfter der Fall als in jungen Jahren." Brigitte Albrecht, die sich in der Selbsthilfe engagiert, steht Betroffenen in dieser Situation gern zur Seite. "Ein gut funktionierendes Stoma ist doch besser als ein schlecht funktionierender Schließmuskel."

Diagnose Darmkrebs - diese Fragen sollten Sie dem Arzt stellen, wenn ein Stoma geplant ist:

Warum ist der künstliche Darm­ausgang nötig?
Wo am Bauch wird das Stoma liegen?
Bleibt der künstliche Darmausgang dauerhaft oder nur auf Zeit?

 


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