Und selbst? Angehörige von depressiven Menschen

Eine Depression belastet nicht nur den Patien­ten. Die ganze Familie leidet mit. Wie Angehörige die schwere Zeit erleben, helfen können und gut für sich sorgen

von Raphaela Birkelbach , 05.09.2018
Depressiver Mann

Der Baum auf dem Buchdeckel ist schwarz, „und er hat keine Blätter mehr“, erzählt Doris S. aus Stralsund. Das Bild hat ihr Mann Siegfried gemalt – es schmückt das Werk, in dem er sein Leben mit Depressionen schildert. „Ich habe ihn darin bestärkt, es fertig zu schreiben. Das hat er 2015 auch getan“, sagt seine 63-jährige Ehefrau.

Jedes Kapitel ist indirekt auch ihre Geschichte. Malt ihr Mann kein Laub in die Bäume, ist das auch ihr Verlust. „Siegfried starrt oft durch mich durch, als sei ich nicht da.“ In solchen Momenten wünscht sich Doris S. weit weg, doch sie bleibt an seiner Seite. „‚Du übertreibst. So schlimm kann es für dich nicht sein‘, meint mein Mann“, sagt die Rentnerin.

Doch, es ist sogar tragischer als gedacht, findet Martin Hautzinger. Der Professor von der Universität Tübingen forscht über Depressionen im Alter und weiß um die Verzweiflung der Angehörigen. Das Leiden zieht auch sie in seinen tückischen Bann. Warum grübelt der Vater so viel? Wieso bleibt die Partnerin tagsüber im Bett? Weshalb hat die Mutter an nichts mehr Freude? „Die Familie steht dem oft hilflos gegenüber“, sagt Hautzinger. Fassungslos erlebt sie, wie der ihnen Nahestehende wie versteinert wirkt. Tröstender Zuspruch scheint an ihm abzuprallen.

Verkanntes Leiden

Mit ihrem Kummer müssen Angehörige häufig allein fertig werden. Die bedrohliche Schwermut werde oft nicht ernst genommen oder bleibe unerkannt, kritisiert der Tübinger Forscher. „Gerade bei Älteren denkt keiner an Depressionen.“ Schätzungs­weise bis zu jeder zehnte über 70-­Jährige erkrankt an dem Gemütsleiden. Hautzinger deutet es auch als körperliches Geschehen: „Der Stoffwechsel im Gehirn ist krank, es geraten Botenstoffe aus dem Lot.“ Das hat fatale Folgen. Denken, Handeln und Fühlen seien gelähmt, „tiefe innere Leere oder quälende Daueranspannung peinigt die Patienten“, so der Psychologe. Auch körperliche Symptome wie Schmerzen sind denkbar.

Funken aber Körper und Seele SOS, schätzen selbst Ärzte das oft falsch ein, kritisiert Hautzinger: Sie deuten die Symptome mitunter irrtümlich als Alterserscheinung oder Ausdruck eines anderen Leidens. Dabei gehört jede Depression eigenständig behandelt, so der Experte. „Mit Medikamenten und Psychotherapie funktioniert das sehr gut. Das entlastet auch Angehörige enorm.“ 

Ihr Alltag bürdet ihnen schon genug auf. „Du hast dich verändert. Warum tust du dir das an?“, fragte neulich ­ihre beste Freundin Doris S. Ja, warum? Wie oft spürt die Krankenschwester die gedrückte Stimmung daheim, die leer wirkenden Augen ihres Partners oder seine Lass-mich-in-Ruhe-Gesten. „Verlassen würde ich Siegfried nie“, sagt seine Frau. Höchstens für ein paar Stunden zum Verschnaufen. „Sonst wären wir nach zwei Jahren Ehe durch.“  

Tipp: Die Krankheit verstehen

 

  • Kein Lächeln, kein Wort, kein Kuss: ­Reagiert der Depressive abweisend, liegt das nicht an Ihnen. Es ist seine Krankheit! Nicht selbst gekränkt zurückziehen. Dann zweifelt der andere noch mehr an sich.
  • Der Erkrankte sucht ständig Bestätigung, reagiert aber abwertend auf Ihren Zuspruch? Auch das ist typisch für eine Depression. Bestärken Sie ihn weiterhin. Er braucht Ihre Anerkennung!

Angehörige erzählen

Sich selbst entlasten

Sich einem depressiven Menschen nah fühlen und zugleich so fern, „das ist schwer auszuhalten“, meint Privatdozentin Gabi Pitschel-Walz von der Technischen Universität München. Fast bei jedem zweiten Angehörigen, schätzt die Psychologin, kommt es selbst zu einer Depression, zu Rückenschmerzen oder einem anderen Leiden. Um sie davor zu wappnen, entwickelte sie ein Schulungsprogramm für Angehörige. Einer ihrer wichtigsten Tipps: sich gut über die Krankheit informieren.

Denn das Wissen stärkt. Wer die Melancholie des anderen besser versteht, entlastet sich selbst. „Manche Angehörige glauben, sie seien daran schuld“, sagt Pitschel-Walz. Sie spürt die Erleichterung, wenn sie den Irrtum klärt. „Es liegt nicht an Ihnen, sondern an der Depression.“

Doch selbst wer sich dem Um­sorgten eng verbunden fühlt, stößt an Grenzen. Der Geduldsfaden kann reißen, wenn der Leidende in Selbstzweifeln versinkt. Verständlich, findet die Expertin, warnt aber: Druck ausüben und Vorwürfe wie „Reiß dich zusammen!“ ziehe den Patienten nur weiter in sein Seelentief. Eher helfe es, so Pitschel-Walz, sein Denken sanft in eine andere Richtung zu lenken. Etwa: „In der Depression siehst du das negativ. Wenn ich von meiner Sicht darauf schaue, erkenne ich viele positive Ansätze.“ 

Tipp: An sich denken

 

  • Immer Fachleute einschalten! Der Kranke braucht professionelle Hilfe. Das entlastet Sie.
  • Färbt die Melancholie des Kranken auf Sie ab, sagen Sie Stopp! Sie dürfen sich freuen! 
  • Suchen Sie nach anstrengenden Stunden bewusst positive Auszeiten für sich. 
  • Halten Sie Ihre Kontakte. Das verschafft Distanz zu daheim: Nicht alles ist so traurig, wie es scheint. 

Pläne mit Ansage schmieden

Eva Schmöger aus Burglauer bemerkte, wie ihre depressive Mutter immer leiser wurde. Warum? „Es war für mich wie ein Reinkrabbeln in ihr Denken und Fühlen“, erzählt sie. Je mehr sie für die damals 80-Jährige tat, glaubte die Tochter damals, umso besser würde es der einst so Lebenstüchtigen gehen. Ein Trugschluss, vor dem sie heute, zehn Jahre später, in der Gruppe „Atempause“ warnt. In dem von ihr geleiteten Angehörigentreff des Deutschen Roten Kreuzes gibt die Psychotherapeutin und Heilpraktikerin ihre Erfahrungen weiter. „Mir hat damals niemand geraten, auch an mich zu denken und mir Auszeiten zu gönnen.“ Niemand warnte sie, dass sie als Angehörige das Seelentief nicht allein auflösen kann.

Teamarbeit einfordern 

Nur professionelle Helfer können mit Medikamenten und Psychotherapien die Pein lindern. Schmöger war ihrer Mutter dennoch eine wichtige Wegbegleiterin. „Ich habe immer versucht, mich auf Augen­höhe in sie einzufühlen, ohne in ihr Stim­mungs­tief zu fallen.“ Es war ein Lernprozess, dass ein schlechter Tag der Kranken nicht automatisch auch ein schlechter Tag für sie selbst sein musste. „So hatte ich mehr Kraft für mich und sie.“

Wer bei sich bleibt, gibt den guten ­Tagen eine Chance, meint die Leiterin der Selbsthilfegruppe. „Schmieden Sie dann Pläne mit konkreter Ansage, rät sie, etwa einen Spaziergang am Nachmittag oder einen Bummel über den Markt. Man sollte nicht von vornherein davon ausgehen, dass sich der andere sperrt.“ Eine Ge­dulds­probe, gibt sie zu. „Aber wer sein Bewusstsein schärft für die ­vielen kleinen Schritte, die der Kranke bereits nach vorne gemacht hat, besteht sie.“ Mehrere Jahre lang be­gleitete Eva Schmöger das Auf und Ab ihrer Mutter bis zu ihrem natür­lichen Tod. Eine intensive Zeit, sagt sie. „Wir waren uns zuletzt so nah wie nie.“ Fragen sind geblieben: War es genug, was sie getan hat?

Zweifeln, Mut machen, Enttäuschungen wegstecken ... „Hut ab vor dem, was Angehörige leisten“, meint Dr. Philipp Spitzer. Der Psychiater und Psychotherapeut von der Universität Erlangen-Nürnberg plädiert dafür, die Familie in die Behandlung des Kranken einzubeziehen. „Sie kennt ihn besser als der Therapeut.“ Spitzer begrüßt es, wenn Angehörige selbst die Zusammenarbeit mit professionellen Helfern einfordern.

Die Pluspunkte einer Teamarbeit liegen für Spitzer auf der Hand. „Der Kranke schätzt die Anteilnahme. Und Angehörige sind froh, ihre Sicht der Dinge einzubringen“, so der Oberarzt. Wertvoll sind auch die Tipps des Profis. „Spüren Sie in sich hinein, wie sich Ihre Beziehung verändert durch das, was Sie tun“, rät er. Steht Krach ins Haus, wenn die Ehefrau den betroffenen Partner drängt, einkaufen zu gehen? Oder tut es dem Paar gut? „Es ist schon hilfreich, wenn sich die Gemeinsamkeit für zehn Minuten wieder gut anfühlt“, erklärt Experte Spitzer. 

Ihre schwermütige Tante barsch anzufahren, endlich aufzustehen, war falsch. Gabriele van der Mehr aus Köln, die die ältere Dame lange Zeit betreute, weiß das heute. „Da versank sie nur tiefer in ihrem Sessel.“ Bis heute erinnert sich die Nichte an jenen Tag, an dem die  Tante das erste Mal darüber sprach, sich das Leben zu nehmen. „Das war ein riesiger Schock für mich.“

Im Gespräch bleiben

So wie jeder zusammenzuckt, wenn er die Todessehnsucht spürt. Das ist nie nur eine leere Drohung, warnt Philipp Spitzer. „Depressive Menschen setzen sie manchmal in die Tat um, weil es für sie der einzige Ausweg zu sein scheint.“ Eine Katastrophe, die jede Familie erstarren lässt. Wie mit der Ankündigung umgehen? „Reden Sie darüber“, rät der Psychiater und Psychotherapeut. „Die Angst, dass das Gespräch Anstoß für einen Freitod sein könne, ist unbegründet.“

Gabriele van der Mehr entschied sich für direkte Fragen: „Wie ernst ist es dir?“ „Wie willst du es tun?“ „Was brauchst du dafür?“ Die Strategie ging auf. Offen über den Suizid sprechen zu können, nahm der alten Dame Druck von der Seele. „Irgendwann war da sogar ein Anflug von Lächeln“, beschreibt es ihre Nichte, die heute eine Selbsthilfegruppe leitet. Das Leben hat sich ihre kürzlich verstorbene Tante nicht genommen.

Im Gespräch bleiben, Beziehung herstellen, „das ist die stärkste Sicherheit gegen Suizid“, meint Spitzer – aber keine Garantie. „Nimmt sich dennoch jemand das Leben, bleiben häufig Schuldgefühle und Wut zurück. Hier hilft es sich klar zu machen, dass man niemals die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen übernehmen kann.“ 

Doch wer es mit ihm teilt, bangt und hofft. So wie Doris S. aus Stralsund. „In den toten Baum auf  seinem Buch hat Siegfried rote Segel gemalt.“

Suizidgefahr erkennen

 

  • Der Erkrankte spricht offen über seine Suizid­gedanken. Immer ernst nehmen! Ziehen Sie den Arzt und/oder einen Psychotherapeuten hinzu.
  • Ihr Angehöriger verschenkt plötzlich persönliche Dinge, macht ein Testament oder kündigt Verträge. 
  • Der sonst Deprimierte wirkt auf einmal sehr entspannt. Sprechen Sie ihn darauf an. Hat er vielleicht eine endgültige Entscheidung getroffen? 

Newsletter abonnieren

Newsletter Senioren Ratgeber

Senioren Ratgeber - Newsletter

Ist die Welt heute besser als vor 20 Jahren?
Zum Ergebnis