Die richtige Ernährung bei Gicht

Welche Lebensmittel guttun, welche eher schaden – und warum Alkohol nicht gleich Alkohol ist

von Heidi Loidl, aktualisiert am 03.06.2016
Zusammen kochen

Gesund kochen: Die Ernährung spielt bei Gicht eine große Rolle


Mittwoch, der 14. Oktober 2009: Diesen Tag wird Erhard N. nicht so schnell vergessen. "Kurz nach drei wachte ich mit Schmerzen auf, vom Sprunggelenk bis hoch zum Knie und vor in den großen Zeh, Höllenqualen waren das", erinnert sich der 72-Jährige. "Meine Frau fuhr mich in die Notaufnahme." In der Klinik war schnell klar: ein Gichtanfall.

Vor allem Männer haben Gicht. Jeder zwanzigste ab 65 hat schon eine solche Attacke durchgemacht. Frauen trifft es vermehrt nach den Wechseljahren, wenn ihr Hormonschutz wegfällt. Das Zipperlein ist altbekannt. Auch dass es die Folge von gutem Essen und reichlichem Alkoholgenuss ist, weiß man seit Langem. Beides treibt die Harnsäure im Blut in ungesunde Höhen. Doch Ärzte wissen heute: Zu viel Harnsäure kann, muss aber nicht zur Gicht führen. Sie zücken nicht mehr so leicht den Rezeptblock und wissen besser, welche Ernährungs­empfehlungen wirklich sinnvoll sind.

Purine werden zu Harnsäure abgebaut

Erhard N. ist um eine Erklärung für seinen Gichtanfall nicht verlegen: "Ein schönes Eisbein esse ich einfach für mein Leben gern, dazu ein kühles Bier. Und die weißen Bohnen, so wie meine Mutter sie zubereitet hat." In der Tat liefern diese Lebensmittel viele Purine, die im Körper zu Harnsäure abgebaut werden. Zu viel davon im Blut, und sie bildet Kristalle, die sich in Gelenken absetzen können. Der Körper wehrt sich mit einer Entzündung: Der Bereich wird rot, heiß, schwillt an und schmerzt stark.

In diesem akuten Fall heißt es erst einmal: schnell zum Arzt. Kühlen und Ruhigstellen beruhigen das Gelenk schon etwas. "Aber nur, wenn man früh Medikamente gibt, lässt sich das Leiden innerhalb weniger Tage eindämmen", sagt Dr. Bettina Engel vom Bonner Institut für Hausarztmedizin. "Un­behandelt kann der Schmerz bis zu zwei Wochen andauern."

Gicht ist auch eine Frage der Gene

Die Ursache für die schmerzhafte Attacke allein im Essen zu suchen, greift jedoch zu kurz. "Zur Gicht gehört auch eine Veranlagung", stellt die Ärztin richtig. "Meist hatte bereits Vater oder Mutter Gicht." Anlage heißt: Die Harnsäureausscheidung ist gestört. "Der Lebensstil ist dann nur noch der Schalter, der umgelegt wird, sodass die Krankheit ausbricht."

Aber auch das Alter macht anfälliger für Gicht: Mit den Jahren schwächelt die Niere. Und Arzneien wie ASS oder bestimmte harntreibende Mittel können die Harnsäureausscheidung zusätzlich drosseln.

Kündigt sich ein Gichtanfall demnach durch zu viel Harnsäure im Blut an? "In der Tat steigt mit dem Harnsäurewert auch das Risiko einer Attacke. Aber", schränkt Engel ein, "es gibt viele Menschen mit mäßig hohem Spiegel, die nie an sichtbarer Gicht erkranken." Nur etwa zehn Prozent der Betroffenen erleiden wirklich irgendwann den schmerzhaften Anfall.

Maßnahme eins: Anders essen

Ist die Harnsäure nur mäßig erhöht und macht keine Beschwerden, sehen Ärzte daher heute keinen Handlungsbedarf mehr. Wozu den Patienten mit Diätvorschriften plagen, wenn die Krankheit vielleicht nie ausbrechen wird? Nach dem Gichtanfall ver­lässt aber kein Patient Engels Praxis ohne eine kurze Ernährungs­beratung. Ebenso bei sehr hohen Werten, denn dann muss man auch mit Schäden abseits der Gelenke rechnen.

Tritt innerhalb eines Jahres eine zweite Attacke auf, verschreibt die Hausärztin auch ein Medikament zur Dauertherapie. Mit der Einnahme beginnt der Patient allerdings frühestens zwei Wochen nach dem akuten Anfall. "Die richtige Ernährung bleibt wichtig, sie kann Medikamente einsparen helfen", betont Engel. Ziel: vermeiden, dass die Gicht chronisch wird und mit der Zeit die Gelenke zerstört oder Harnsäuresteine die Niere und andere Organe schädigen.

Erhard N. lässt sich noch in der Klinik erklären, worauf es ankommt. "Harnsäure runter", das heißt nicht nur weniger Purine essen, sondern auch Vorsicht mit Alkohol, denn dieser bremst die Ausscheidung von Harnsäure. Dabei aber viel trinken, denn Flüssigkeit spült auch die Harnsäure aus dem Körper. Also Schluss mit Leber Berliner Art und der geliebten Linsensuppe mit Würstchen? N. hat der Purine wegen lange Zeit darauf verzichtet.

Abschied von starren Regeln

Doch es tut sich etwas bei der Gichtdiät: "Die Empfehlungen haben sich gelockert, wir wissen heute besser, welche Lebensmittel guttun und welche eher schaden", erklärt Kerstin Bernhardt von "die ernährungslotsen" aus Köln. "Alkohol ist zum Beispiel nicht gleich Alkohol. Laut Studien können Männer zwei Gläser Wein am Tag trinken – Frauen ein Glas, ohne ihr Risiko für die Entwicklung einer Gicht zu erhöhen. Die gleiche Menge Alkohol als Bier oder Schnaps ist dagegen problematisch."

Zuviel Fruchtzucker ungünstig bei Gicht

Ebenso kritisch wie Alkohol bewerten Fachleute neuerdings Fruchtzucker. Früchte wie Birnen oder Äpfel enthalten viel davon. Experten raten zu höchstens zwei Portionen Obst am Tag. "Viel ungünstiger sind aber Limonade oder Cola", sagt die Ernährungswissenschaftlerin. "Sie sind unter anderem mit Fruchtzucker gesüßt."

Vor den Purinen in Innereien, Muscheln, Krebsen, Geflügelhaut und Schweineschwarte wird nach wie vor gewarnt. "Weniger problematisch als bisher vermutet sind pflanzliche Purin-Quellen wie Kohl, Spargel und Spinat", weiß Bernhardt.

Abspecken senkt das Gicht-Risiko

Klar positiv: Milchprodukte, die meisten unterstützen die Harnsäureausscheidung. Schlechte Noten gibt es für fettes Fleisch und fette Wurst, gute dagegen für Oliven- und Rapsöl sowie Nüsse. "Übergewichtige erreichen schon durchs Abnehmen viel", so Bernhardt. "Man sollte es aber behutsam tun – höchstens ein Kilo pro Monat –, sonst droht ein Gichtanfall." 

Von Fastenkuren und strikten Verboten hält die Ernährungs­beraterin ohnehin nichts. Sie erfragt die Vorlieben ihrer Klienten und erarbeitet mit ihnen zusammen, wie sie so nah wie möglich am gewohnten Essen bleiben können.

Seit dem Gespräch mit ihr kommen bei Erhard N. wieder Linsen auf den Tisch, aber nicht jede Woche, sondern einmal im Monat. Nicht mehr als dicker Eintopf, sondern als leichte Suppe mit reichlich Gemüsewürfeln. Dazu ein halbes Würstchen, in dünne Scheiben geschnitten.

Nutzen von Ernährungsumstellung hat Grenzen

Und welcher Effekt ist von einer Ernährungsumstellung zu erwarten? "Eine Senkung des Harnsäurespiegels um etwa 15 Prozent ist möglich", erklärt Engel. Das können die entscheidenden Prozente sein, wenn die Harnsäure unter die kritische Konzentration fällt. "Wer höhere Ausgangswerte hat, kommt zumindest mit weniger Medikamenten aus."

So auch Erhard N. Er hat ein gutes Maß gefunden. Gibt es mal was zu feiern, gönnt er sich ein Bier, aber kein zweites. "Ich weiß ja, wofür", sagt er. Ein zweiter Gichtanfall ist ihm bisher erspart geblieben.


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