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Essen gegen Entzündung - geht das?

Anders essen hilft bei Rheuma. Lassen sich auch weitere Krankheiten wie Arteriosklerose, Depressionen oder Osteoporose durch eine pflanzenbetonte, entzündungshemmende Kost positiv beeinflussen?

von Heidi Loidl , 08.09.2019
Grüne Lebensmittel

Kann man da mit der Ernährung nichts machen? Olaf Adam war immer davon überzeugt: Für Rheumapatienten ist das richtige Essen ganz wesentlich. "Meine Ernährungsratschläge wurden von meinen Kollegen zunächst belächelt", erinnert sich der Rheumatologe und Medizinprofessor. 15 Jahre dauerte es, bis sich die Schulmedizin den wissenschaftlich belegten Erkenntnissen nicht mehr verschließen konnte. Heute rät auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Rheumatikern zu einer fleischreduzierten Kost mit viel Gemüse und Obst. Der Effekt ist im Blut messbar: Die erhöhten Entzündungswerte bessern sich im Lauf der Diät. Zahlreiche Patienten haben weniger Schmerzen und sparen Medikamente ein.

Ernährung und Entzündung hängen zusammen. Durch diese Erkenntnis kommt jetzt Bewegung in die Ernährungsmedizin. Gleichzeitig entpuppen sich immer mehr Leiden als entzündungsbedingt. Noch sind ­viele Fragen ungeklärt. Wem außer Rheumapatienten nutzt es zum Beispiel noch, die Ernährung anzupassen? Ist es möglich, durch anderes Essen Erkrankungen wie Alzheimer vorzubeugen?

Das Wichtigste vorweg: Es geht dabei nicht um eine Blasenentzündung oder einen grippalen Infekt, bei dem der Körper mithilfe einer Entzündungsreaktion Krankheits­erreger schachmatt setzt. Denn ist der Erreger besiegt, ist ja alles wieder im Lot. "Eine chronische Entzündung dagegen klingt nicht wieder ab", betont Cordula Siegmann-Thoss, Professorin im Studiengang Ernährungstherapie an der Europäischen Fachhochschule (EUFH), Standort Rheine im Münsterland. "Oft wird diese nicht einmal bemerkt." Still feuert die chronische Entzündung vor sich hin und lässt sich bestenfalls in Form ­erhöhter Entzündungswerte im Blut messen. Wo sie sitzt, sieht der Arzt nicht unbedingt. Wo sie als Nächstes zuschlägt, lässt sich vorher auch nicht mit Bestimmtheit sagen.

Woher kommt dieser geheimnisvolle Schwelbrand? "Eine Entzündung tritt immer auf, wenn der Körper sich schützen will", erklärt Rheumatologe Adam. Nikotin, Stress – überhaupt ein ungesunder Lebensstil trägt Mitschuld, sind Experten sich einig. Diskutiert wird auch die zunehmende Umweltbelastung.

Schwelbrand mit Folgen

So leise die Entzündung kommt, so massiv sind die Folgen: Greift sie auf die Blutgefäße über, wachsen dort Ablagerungen, die den Blutfluss gefährden – so die aktuelle Vorstellung von Arteriosklerose. Oder sie schädigt die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und führt zu Diabetes. Neuerdings vermuten Forscher, dass entzündliche Prozesse auch bei Depressionen, Alzheimer, Osteoporose und Darmkrebs eine Rolle spielen. Dringend suchen sie daher nach Wegen, den gefähr­lichen Schwelbrand einzudämmen.

Was das für den Speiseplan bedeutet? "Eine besondere Rolle spielen Fette", hebt Rheumatologe Adam hervor. Gesättigte Fette fördern Entzündungen eher. Fettes Fleisch, Wurst und fetter Käse schneiden deshalb schlecht ab, ebenso Fertiggerichte. Noch ungünstiger sind Transfette, die sich in vielen frittierten Produkten und Backwaren mit sogenannten teilgehärteten Fetten finden. Am besten auf der Zutatenliste nachsehen! Vorsicht also mit Pommes, Keksen, Kartoffelchips sowie verschiedenen Back- und Bratfetten.

Walnüsse: Keine Angst vor fetten Nüssen! Entscheidend ist die Fettqualität. In Walnüssen steckt viel Alpha-Linolensäure: eine Omega-3-Fettsäure, die den Aufbau von Ent­zündungsbotenstoffen bremst. Auch gut: Lein-, Raps-, Sojaöl. Fetten Fisch bevorzugen: Lachs, Makrele, Hering liefern vor allem langkettige Omega-3-Fettsäuren.

Kritisch sein bei Fetten

Darüber hinaus haben Entzündungsforscher eine ganz bestimmte Fettsäure im Visier: Arachidonsäure. Das typische Fleischfett ist gleichzeitig der Stoff, aus dem der Körper ent­zündungsfördernde Gewebshormone bildet. Arachidonsäure findet sich auch in fetten Milchprodukten und Eiern. Gut zu wissen: Fette Fische wie Lachs, Makrele oder Hering steuern da mit ihren langkettigen Ome­ga-3-Fettsäuren gegen. Ebenfalls gut, aber nicht ganz so wirksam, sind die Omega-3-Fettsäuren in Pflanzenölen wie Lein-, Hanf-, Walnuss-, Raps- und Sojaöl. Wer seinen Speiseplan checken möchte, kann das mit dem Omega-Ernährungsrechner im Internet tun.

Zucker – wie sollte es anders sein – kommt ebenfalls nicht ungeschoren davon: "Wir haben reichlich Be­lege, dass alles, was den Blutzuckerspiegel schnell in die Höhe treibt, auch Entzündungsprozesse befeuert", sagt Prof. Andreas Pfeiffer von der Berliner Charité. In Lebensmittel übersetzt heißt das: Ob Brot oder ­Nudeln – Vollkorn ist immer die bessere Wahl. Süße Getränke würde der Ernährungsmediziner am liebsten ganz von jedem Speiseplan streichen.

Vollkorn: Die Balaststoffe im vollen Korn sind das ideale Fressen für Darmbakterien. Regelmäßig gefüttert, bleiben diese in ausreichender Menge in unserem Darm wohnen und liefern Buttersäure. Sie wirkt entzündunghemmend und unterstützt den Körper im Kampf gegen Darmkrebs. Auch wirksam: Hülsenfrüchte wie Linsen und Gemüse wie Chicorée, Topinambur, Schwarzwurzeln.

Gerne große Gemüseportionen

Und was ist mit Gemüse und Obst? Schon lange erforschen Wissenschaftler, was in ihnen steckt. Neben Vitaminen und Mineralstoffen fanden sie unzählige weitere Stoffe, die in Sachen Gesundheit punkten. 

Sie färben Obst und Gemüse bunt, schrecken Fressfeinde ab, da sie bitter schmecken, und halten Bakterien fern. Dazu gehören Sulfide, die Scharfmacher in Knoblauch und Zwiebeln. Ebenso Polyphenole wie die Farbstoffe in Kirschen und Trauben, Zwiebeln und Äpfeln, die Bitterstoffe in Grapefruits und Orangen sowie Wirkstoffe aus der Teepflanze.

Lauch: Was ihm Schärfe verleiht, macht ihn gleichzeitig so ­gesund: Sulfide. Diese sekundären Pflanzenstoffe haben im Labor längst bewiesen, dass sie Entzündungen hemmen und gefährliche Radikale abfangen können. Als Radikalfänger arbeiten auch viele Farb- und Bitterstoffe in diversen Gemüse- und Obstsorten. Daher: Jeden Tag 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst essen!

Im Reagenzglas bremsen noch zig andere Inhaltsstoffe Entzündungen. Besonders auch die von Kräutern und Gewürzen wie Chili, Knoblauch, Ingwer oder der Kurkuma-Wurzel, die in Currypulver steckt. "Ob das Gleiche in unserem Körper passiert, wissen wir noch nicht", sagt Stoffwechselforscher Pfeiffer. Kresse hat er direkt an Versuchspersonen ge­testet und konnte die Entzündungshemmung tatsächlich messen. Allerdings "entsprach die eingesetzte Menge in der Schärfe einer ganzen Tube Japanischem Meerrettich pur".

Der bunte Mix macht’s

Mögen Brokkoli und Tomaten, grüner Tee und Knoblauch, Äpfel und Beeren noch so viel Gutes liefern – Pfeiffer möchte nichts davon als "entzündungshemmend" anpreisen. "Das wäre zu hoch gegriffen. Ein Nahrungsmittel ist nicht wie ein Arzneimittel, das man nimmt, und dann wirkt es." Und isoliert als Pille geschluckt, versagen die Inhaltsstoffe meistens: "Sie agieren nur im Orchester mit den anderen Lebensmittelbestandteilen."

Grüner Tee hat im Reagenzglas viele gute Eigenschaften gezeigt. Im echten Leben konnte er einen erhöhten Blutdruck etwas senken, wahrscheinlich weil Entzündungen gehemmt wurden. Auf weitere ­ Ergebnisse sind die Forscher nach wie vor gespannt.

Abnehmen entlastet

Eine der wichtigsten Strategien im Kampf gegen Entzündungsprozesse ist es, überflüssige Kilos abzubauen. "Fettgewebe ist nicht einfach tote Masse, die Energie speichert", erläutert Prof. Hans Hauner. "Besonders das am Bauch ist sehr aktiv, es pro­duziert reichlich Entzündungsbotenstoffe." Nimmt man ab, so der Münchener Adipositasforscher, gehen die Entzündungswerte wieder zurück.

Auch durch eine pflanzenbetonte Ernährung verbessern übergewichtige Menschen die Entzündungswerte im Blut. Das fanden Mitarbeiter des Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam heraus, als sie 29 wissenschaftliche Arbeiten auswerteten. Was pflanzenbetont heißt? Es kommen vor allem Gemüse, Hülsenfrüchte, Getreide und Obst auf den Tisch, aber kein oder nur wenig Fleisch und eventuell moderate Mengen an Eiern, Milchprodukten und Fisch.

Für Peter Stehle liest sich das sehr vertraut. "Dazu raten wir doch schon seit Jahren", sagt der Bonner Professor für Ernährungsphysiologie. Er hat es aber gerne in konkreten Zahlen. "Viel, wenig – damit können die Leute nichts anfangen, sie brauchen Mengenangaben", meint er und ­verweist auf die offiziellen Empfeh­lungen für eine gesunde Ernährung. Bei Gemüse sind das idealerweise 400 Gramm am Tag, und zwar regelmäßig! Das entspricht zum Beispiel zwei Möhren, zwei ­Tomaten und einer halben Gurke.
Ewige Gesundheit garantiert uns diese Kost nicht. Da sind sich alle ­Ernährungsexperten einig. Aber wir dürfen hoffen, damit besser zu leben. Vielleicht sogar länger. Denn auch der Alterungsprozess hängt mit dauerhaften Entzündungen zusammen, mutmaßen Altersforscher. Dem Alter ein Schnippchen schlagen? Wenn das kein Grund ist, ab jetzt gesund zu essen.

 


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