Speisepilze nach wie vor radioaktiv belastet

Auch Jahrzehnte nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl können Wildpilze erhöhte Strahlungswerte aufweisen. Worauf Pilzsammler achten müssen
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 31.08.2015

Ein besonderer Genuss: Selbst gesammelte Pfifferlinge

Thinkstock/iStockphoto

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor im Block vier des Kernkraftwerks Tschernobyl im Norden der Ukraine. Der erste Supergau der Geschichte löste nicht nur eine Diskussion über die Risiken der Atomkraft aus. Über Winde verteilten sich zudem große Mengen der radioaktiven Substanz Cäsium-137 über Europa. Die Nachwirkungen sind bis heute messbar.

Wild wachsende Pilze in deutschen Wäldern können nach wie vor erhöhte Mengen an Cäsium-137 enthalten. Sie nehmen den Stoff aus dem Waldboden auf und speichern ihn. Die Strahlenbelastung kann je nach Region und Pilzart stark schwanken. Das Bundesamt für Strahlenschutz veröffentlicht die aktuellen Messungen zur radioaktiven Belastung von Speisepilzen.

Erhöhte Belastung bei Wildpilzen

Vor allem im süddeutschen Raum weisen Wildpilze zum Teil stark erhöhte Werte auf. So können Trompetenpfifferlinge und Mohrenkopfmilchlinge aus dem Bayerischen Wald noch bis einige 1000 Becquerel pro Kilogramm enthalten. Die Einheit Becquerel gibt an, wie schnell ein chemisches Element radioaktiv zerfällt. Vereinfacht ausgedrückt: Je höher der Wert, desto höher ist die Radioaktivität.

Die Belastung hängt nicht nur vom Fundort ab, sondern ist auch von Pilzart zu Pilzart unterschiedlich. Gängige Speisepilze wie Steinpilze können noch mehrere 100 Becquerel pro Kilogramm aufweisen. Bei im Handel erhältlichen Pilzen gilt ein oberer Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Liegt die Belastung darüber, dürfen die Pilze in der EU nicht vertrieben werden.

Radioaktivität bei Wildpilzen in normalen Mengen unbedenklich

Doch was bedeuten diese Zahlen für Hobby-Pilzsammler? Akut gefährlich für die Gesundheit sind die Strahlungswerte bei Wildpilzen nicht, sagt Anja Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz: "In den üblichen Mengen ist der Verzehr von selbst gesammelten Pilzen unbedenklich." Wer eine Mahlzeit aus 200 Gramm relativ stark belasteten Pilzen mit 3000 Becquerel pro Kilogramm einnimmt, setzt sich etwa der gleichen Strahlenmenge wie bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria aus, so Lutz.

Dennoch rät das Bundesamt für Strahlenschutz, sich wegen der Krebsgefahr so wenig wie möglich erhöhten radioaktiven Werten auszusetzen. Wer seine individuelle Belastung verringern möchte, sollte auf den Genuss von Wildpilzen mit hohem Cäsium-137-Gehalt verzichten. Der aid Infodienst rät dazu, als Erwachsener pro Woche nicht mehr als 200 bis 250 Gramm Wildpilze zu sich nehmen. Im Übrigen kann zum Beispiel Wildfleisch ebenfalls eine erhöhte radioaktive Belastung aufweisen. Auch hier gilt beim Verkauf der Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm.

Landwirtschaftliche Erzeugnisse: Geringere radioaktive Strahlung

Wenn Wildpilze erhöhte Mengen an Cäsium-137 enthalten können, muss das nicht auch für Obst und Gemüse aus landwirtschaftlichem Anbau gelten? Hier sieht die Situation etwas anders aus: In bearbeiteten Ackerböden binden Tonminerale die radioaktiven Substanzen, sodass Pflanzen weniger davon aufnehmen können. Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind daher weniger radioaktiv belastet.

Pilzvergiftungen vorbeugen

Größer als die Gefahr radioaktiver Strahlung ist bei selbst gesammelten Pilzen unter Umständen die von Vergiftungen. Hans Halbwachs von der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft gibt Tipps, wie man Pilzvergiftungen nach Möglichkeit vermeidet:

  • Es gibt keine allgemeingültigen Merkmale oder Tests, die über die Giftigkeit eines Pilzes Aufschluss geben. Deshalb nur Pilze sammeln und essen, die man zweifelsfrei bestimmen kann.
  • Entsprechende Kenntnisse erwirbt man am besten in einschlägigen Kursen. Diese bieten Pilzvereine und zuweilen auch Volkshochschulen an.
  • Bei Unklarheiten lässt man seine Funde von einem Pilzberater beurteilen.
  • Bei Verdacht auf eine Vergiftung sofort den Giftnotruf verständigen. Eine Liste mit den Telefonnummern gibt es hier. Zeigt der Betroffene bereits Anzeichen für eine Vergiftung, sofort den Notruf 112 verständigen.

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