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Zöliakie: Wenn jeder Krümel zählt

Viele greifen heute zu „glutenfrei“. Für Patienten mit der entzündlichen Darmkrankheit ist das ein Muss – und die Diät die einzige Therapie.

von Heidi Loidl, 15.03.2020
Brot schneiden

Bei Zöliakie gilt: Jeder Krümel zählt.


"Solang ich nicht weiß, was los ist, gebe ich keine Ruhe." Es war die Verzweiflung, die Angelika V. die Energie gab, dranzubleiben. An die Leidenszeit bis zur Diagnose erinnert sie sich noch gut. Zehn Jahre lang immer wieder Darmprobleme und heftige Blähungen. Ihre Ärztin tippte auf "Reizdarm", empfahl, nur Verträgliches zu essen. Aber statt ­einer Besserung stellten sich auch noch Koliken und massive Durchfälle ein. "Der Darm verwertete nichts mehr, innerhalb von zwei Jahren nahm ich 20 Kilo ab." Dann mit 72 endlich die Diagnose: Zöliakie. Das glutenfreie Essen war wie eine Erlösung: "Nach drei Tagen war Ruhe."

Auch im Alter kann Zöliakie auftreten

Dass Zöliakie auch im Alter ein Thema ist, haben selbst Ärzte nicht alle im Blick. Für Professor Detlef Schuppan ist es Alltag. Der Mainzer Gastroenterologe und Wissenschaftler forscht seit Jahren daran. Als Leiter der Zöliakie-Ambulanz kennt er viele Krankengeschichten. In seiner Kartei ist heute jeder zehnte neu diagnostizierte Patient über 65. Im Alter gelten die gleichen Diät­regeln. Jedoch verläuft das Leiden oft weniger typisch und wird daher nicht selten übersehen. Mit einer Beschwerdelinderung kann aber nur rechnen, wer die Diagnose kennt und sein Essen anpasst.

Das Eiweiß Gluten kommt in vielen Getreidesorten vor. Normalerweise ist es harmlos. Nicht so bei ­Zöliakie: Dann bekämpft das Immunsystem Gluten, der Dünndarm entzündet sich. Das kann die Schleimhaut so sehr schädigen, dass sie nicht mehr genug Nährstoffe aufnimmt.

Bei Angelika V. brachte eine Magen-Dünndarm-Spiegelung den entscheidenden Hinweis. An den entnommenen Gewebeproben konnte der Arzt sehen, wie kaputt die Darmschleimhaut war. Zusammen mit den erhöhten Markern im Blut war das der sichere Nachweis der Krankheit.

Aber nicht immer zeigt sich die Erkrankung so eindeutig. Stephanie Baas weiß von anderen Beispielen. Die Stuttgarter Ärztin berät Betroffene am Patiententelefon. Manchmal bringt eine Reise die Zöliakie zutage, wenn ein Magen-Darm-Infekt nicht abklingen will. Oder ein Routine-­Check ergibt einen Nährstoffmangel. "Die schlechte Nährstoffaufnahme ist bei Älteren ein typisches Zeichen", betont Baas und appelliert an die Ärzte: "Bei Blut­armut oder Eisenmangel unklarer Ursache sollte die Zöliakie-­Diagnostik stets Teil der Abklärung sein."

Zöliakie: Darmkrankheit mit Außenstellen

Auch eine ausgeprägte Osteoporose aufgrund eines Mangels an Vitamin D und Kalzium sowie erhöhte Leberwerte können auf Zöliakie hinweisen. Oder diese zeigt sich durch ­kaputten Zahnschmelz, chronischen Kopfschmerz oder depressive Verstimmung. Die Darmsymptome können gleichzeitig recht mild ausfallen.

Wegen der vielen Erscheinungsformen gilt die Zöliakie auch als "Chamäleon" der Medizin. Und es erklärt, warum 80 bis 90 Prozent der Betroffenen nichts von der Krankheit wissen, so schätzen Experten.

Darum raten Experten bei jeder Dia­gnose, auch bei Kindern, Eltern und Geschwistern den Bluttest zu machen. Die Anlage für Zöliakie wird ­­vererbt. Erfahrungsgemäß hat jeder sechste bis siebte Verwandte ersten Grades die Krankheit auch. "Es gibt Patienten, die nie Symptome gespürt haben und sich nach der Umstellung auf glutenfrei doch belastbarer und ausgeglichener fühlen", so Schuppan.

Gemeinsam fällt es leichter: Die Auslass-Diät

Knapp jeder dritte ältere Zöliakiepatient hat eine Autoimmunkrankheit, etwa der Schilddrüse, Rheuma oder einen Typ 1 Diabetes. Also mit Typ 1 Diabetes zum Zöliakietest? Unbedingt, meinen Experten.

Zeigt sich die Zöliakie im Alter auch oft anders als im Kindesalter, so ist doch eines gleich: Es gibt nur eine Möglichkeit, sie zu behandeln – strikt glutenfrei essen.

Mit dieser Information verließ Angelika V. damals nach der Dia­gnose die Praxis. "Mit zwei großen Tüten glutenfreier Lebensmittel vom Reformhaus kam ich heim – und dem Hinweis, mir bei der Patientenorganisation Rat zu holen." Die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft (DZG) ist Anlaufstelle für Betroffene, setzt sich für deren Interessen ein und organisiert Gruppentreffen. V. pflegt den Austausch mit anderen "Zölis", wie sie sie liebevoll nennt, bis heute. Damals hat ihr dieser sehr geholfen. Denn glutenfrei zu essen ist zunächst hart: Übliches Brot, Pasta und Mehl sind tabu, weil Weizen, aber auch Dinkel, Emmer, Einkorn, Roggen und Gerste Gluten enthalten. Alternativen sind etwa Reis, Mais, Buchweizen, Linsen, Amarant oder Quinoa. "Damit zu backen lässt sich lernen. Und an den anderen Geschmack kann man sich gewöhnen", erzählt Angelika V.

Verarbeitetes unter der Lupe

Das Gute: Mit glutenfreier Kost geht es den meisten schnell besser. Der Darm erholt sich. Das Problem: Schon kleinste Mengen Gluten können die Entzündung im Darm immer neu ­befeuern. "Bei manchen reicht dafür eine halbe Suppennudel", rechnet Ellen Duba vor, die das Team Ernährung der DZG leitet. Die Herausforderung: "Viele verarbeitete Leben mittel, von Bouillon über Eis, Soßen, Pommes bis hin zu Wurstwaren, können Gluten enthalten." V. achtet beim Einkauf genau auf die Kennzeichnung "glutenfrei".

Erst die Diagnose, dann die Diät

Heute essen nicht wenige Menschen auf Verdacht glutenfrei. Manchen geht es damit besser. Ist eine Diagnose dann überhaupt noch wichtig? Ja! Man muss von der Zöliakie die so­genannten Weizensensitivitäten abgrenzen. Diese bessern sich schon, wenn man weitgehend glutenfrei isst – die Zöliakie dagegen verlangt streng ­glutenfreies Essen. Deshalb: Erst die ­Diagnose, dann die Diät!

Bei Angelika V. jedenfalls steht fest: Jeder Krümel zählt. In ihrer Küche stehen daher zwei Toaster, im Vorrat gibt es glutenhaltige und glutenfreie Bereiche. Trotzdem kennt auch sie Rückfälle. Dann ist die Frage: "Hat das Restaurant nicht sauber gearbeitet? Oder habe ich die Hände nicht gewaschen, nachdem ich Brot für meinen Mann geschnitten habe?"

Für diesen Fall würde sie sich ein Mittel wünschen, das die Spuren von Gluten, die ihr jetzt so zusetzen, einfach unschädlich macht. "Das kann schon in ein paar Jahren Wirklichkeit werden", stellt Forscher Schuppan in Aussicht. "Wir arbeiten an einer solchen Arznei."

Der Einkauf: Gemüse, Obst, Kartoffeln, Milch, Eier, Fleisch, Fisch sind an sich glutenfrei, ver­arbeitet aber nicht unbedingt. Die DZG vergibt in Lizenz ein Siegel (­"durchgestrichene Ähre"), das die Glutenfreiheit von Produkten garantiert.

Im Vorrat: Glutenfreie Mehle und Backzutaten in verschließbaren Dosen/Gläsern getrennt von glutenhaltigen lagern. Generell glutenfreies Mehl/Stärke in der Küche zu verwenden erhöht die Diätsicherheit.

In der Apotheke: In Ta­bletten, aber auch Pulvern, Dragees, Säften und Nasentropfen kann Gluten stecken. Ihre Apotheke überprüft die Inhaltsstoffe der Medikamente und kontaktiert im Zweifel den Hersteller.

Beim Arzt: Falls ein sicher glutenfreies Medikament wegen eines Rabattvertrags ausgetauscht werden soll, bitten Sie Ihren Arzt, das durch Durchstreichen von "aut idem" auf dem Rezept zu verhindern.

Im Restaurant: Als Allergen muss Gluten ausgewiesen werden. Meist findet man den Hinweis schon in der Speisekarte. Bitten Sie im Zweifel den Kellner, die konkrete Zubereitung in der Küche zu erfragen.

In der Küche: Schneidebretter, Wellhölzer, Kochlöffel und alle ­Arbeitsgeräte aus Holz oder Kunststoff nur für die glutenfreie Zubereitung verwenden. Backformen alternativ mit Backpapier auslegen. Glutenfreies nicht nach Gluten­haltigem im selben Fett braten. 

Im Bad: Vorsicht bei Zahncremes, Lippenstift und ­­Ähn-lichem! Die Deutsche Zöliakie-­Gesellschaft stellt Mitgliedern eine Liste glutenfreier Kos­metik- und Hygieneartikel zur Verfügung. Alternativ beim Hersteller nachfragen.

Am Tisch: Separate Körbchen für glutenhalti­ges und glutenfreies Brot. Zwei Toaster anschaffen oder glutenfreien Toast durch eine wiederver­wendbare Folientasche ("Toasta-Bag") schützen.


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