Oma? Mama? Oma-Mama!

Enkel aufziehen: Wenn Eltern sterben oder sich aus anderen Gründen nicht kümmern können, springen manchmal die Großeltern ein. Ein Paar gibt Einblick in seine Aufgabe

von Elisabeth Hussendörfer, 16.05.2018
Hände

Mirko* (6) hat Schokolade geklaut, Janas* (5) Schokolade. Die Schwester petzt, der Bruder haut. Land unter, wie so oft. Maria D.* scheint Nerven wie Drahtseile zu haben. Bedacht beugt die 56-Jährige sich zu ihrer Enkelin, tröstet sie. "Du hast doch selbst Schokolade", sagt sie zu Mirko mit ruhiger Stimme. "Ich komme gleich, dann schauen wir, wo sie ist. Deiner Schwester gibst du dann aber bitte auch was ab."

Einverstanden, scheinen die dunklen Knopfaugen des Jungen zu sagen. Und plötzlich herrscht Frieden in der Wohnung. Maria D. hat Mirko und Jana nicht nur am Wochenende bei sich, sondern immer. Von den beiden wird sie liebevoll "Oma-Mama" genannt. "Mama und Papa haben es nicht geschafft, sich um euch zu kümmern", sagt sie manchmal. Sie will Mirko und Jana nicht noch mit Loyalitätskonflikten belasten nach dem Motto "Mama und Papa schlecht, Oma und Opa gut".

Wie passte das auch zusammen, wo sie doch selbst Mama ist: Desjenigen nämlich, der jetzt Probleme macht? Schon früh war der Sohn auffällig gewesen, brach die Schule ab, nahm Drogen. Die D.s haben zwei Kinder, die Tochter arbeitet als Erzieherin, steht mit beiden Beinen im Leben.

Gemeinsam pflanzen

 

Bange Sorge: Schaffen wir das?
Seit sie aufgehört hat, nach dem eigenen Versagen zu fragen, geht es Maria D. besser. "Man kann die Dinge immer von zwei Seiten sehen", findet auch ihr Mann Peter*. Hätte jemand sie vor ein paar Jahren gefragt, wie sie sich ihr Leben mit Mitte, Ende 50 vorstellen, hätte er gesagt: Weniger arbeiten, mehr reisen, endlich Zeit für uns, die wir schon früh Kinder bekommen und immer funktioniert haben.
 

Bange Sorge: Schaffen wir das?

Seit sie aufgehört hat, nach dem eigenen Versagen zu fragen, geht es Maria D. besser. "Man kann die Dinge immer von zwei Seiten sehen", findet auch ihr Mann Peter*. Hätte jemand sie vor ein paar Jahren gefragt, wie sie sich ihr Leben mit Mitte, Ende 50 vorstellen, hätte er gesagt: Weniger arbeiten, mehr reisen, endlich Zeit für uns, die wir schon früh Kinder bekommen und immer funktioniert haben.

Hätte einer prophezeit, sie würden ihr Schlafzimmer für ein Kinderzimmer räumen und das Ehebett ins winzige Büro verfrachten – Peter D. hätte ihn für verrückt erklärt. Jetzt, wo es genauso gekommen ist, sagt er: Wenn ich am Samstag mittags das Juweliergeschäft zusperre, kann ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Dann fliegen die Kinder dem 57-jährigen gelernten Juweliermeister in die Arme. Am Wochenende verbringt er mit ihnen viele Stunden auf dem Spielplatz, macht Radtouren. Bei Regen geht es in die Kletterhalle. Zunächst freilich gab es Zweifel: Als Großeltern für Kinder zu sorgen, so wie es sonst die Eltern tun? "Wenn die Eltern sterben und man dann einspringt, ist die Situation klar", sagt er. Aber so?

Lange hatten die D.s sich bemüht, positiv zu bleiben. Schon als der Sohn ihnen damals die schwangere Freundin präsentierte, bemerkten sie: Sie roch nach Alkohol. "Was hätte es aber gebracht, zu moralisieren?" sagen sie. Und: "Unterstützen und Kraft zusprechen, das ist besser." An den Wochenenden gingen sie für die junge Familie einkaufen, bestückten den Kühlschrank. Sie putzte, er kümmerte sich um die Kinder. So klappte es vielleicht. 

Vor fünf Jahren dann der Anruf: Ob man sich vorstellen könne, die Kinder und den Vater zu sich zu nehmen, fragt eine Familienrichterin, andernfalls kämen Erstere ins Heim. "Man überlegt da nicht lang", sagt Peter D. Der Sohn blieb ein halbes Jahr, es gab Hoffnung, bis er wieder nächtelang weg war. Bis heute ist der Umgang der D.s mit ihrem Sohn und dessen Frau auf gelegentliche Treffen unter Aufsicht eines Mitarbeiters vom Jugendamt beschränkt.

Kraft tanken beim Kuscheln

Vor allem die erste Zeit damals alleine mit den Kindern ist hart. Keine Nacht schlafen die D.s länger als vier Stunden am Stück. Mirko hat Albträume, Jana bekommt noch das Fläschchen. Später fällt Mirko in der Kita als aggressiv auf. "Es gab Momente, in denen wir dachten, wir schaffen das nicht", sagt sie. Das Umfeld macht es einem nicht gerade leicht. Reagiert verschnupft, wenn Maria D. mit den Enkeln deutlich wird. Großeltern sind dazu da, um zu verwöhnen … "Auch wir haben mal so gedacht", sagt Maria D. leise.

Nachsichtig ist sie im Laufe der Zeit geworden, mit sich – wie auch mit all jenen, die ja nicht wissen können, was Sache ist. Eine schwere Bindungsstörung wurde bei Mirko und Jana diagnostiziert, zu einer Fachfrau gehen sie jetzt. Zweimal die Woche Psychotherapie, einmal Ergotherapie, dazu ein Schwimmkurs und bei Mirko Fußball-Training – es gibt Tage, die sind getaktet wie die eines Managers. Aber es gibt auch die nicht enden wollenden Fragen, die einen selbst jung halten, und kleine Hände, die sich vertrauensvoll in die eigenen schmiegen. Und es gibt jeden Morgen eine Runde Kuscheln im Bett. "Dabei tanken wir alle Kraft!"

Hilfe für Betroffene

Großeltern, die ihre Enkel bei sich aufnehmen, können sich an das zuständige Jugendamt wenden und Unterstützung bekommen. Ein mögliches Modell ist die in Deutschland noch wenig bekannte "Verwandtenpflege". Mitarbeiter des Jugendamts prüfen in jedem Einzelfall, ob die Betreffenden dafür infrage kommen. Auch Großeltern können grundsätzlich Pflegeeltern sein. Neben sozialpädagogischer Unterstützung bekommen sie eine finanzielle Aufwandsentschädigung und nehmen je nach Jugendamt an unterschiedlichen Fortbildungsmaßnahmen teil.

 

* Namen von der Redaktion geändert

 


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