Führerschein: Erhöhte Unfallgefahr im Alter?

Die meisten älteren Menschen sind sicher im Auto unterwegs. Doch Konzentration und Aufmerksamkeit können mit den Jahren nachlassen. Wie Sie Warnzeichen richtig deuten

von Dagmar Fritz, 08.01.2018

Autofahren: Wer sich unsicher fühlt, sollte einen freiwilligen Test machen


In Deutschland besitzen zwei Millionen Senioren im Alter zwischen 75 und 84 Jahren ein Auto. Autofahren bedeutet für ältere Menschen, mobil und unabhängig zu sein und am sozialen Leben teilhaben zu können. Besonders auf dem Land spielt deshalb das Auto eine wichtige Rolle. Doch durch Krankheiten, Medikamenteneinnahme und altersbedingte Einschränkungen kann die Fahrtüchtigkeit leiden.

Statistisch gesehen sind Autofahrer bis 70 Jahre keine Risikogruppe. Rüstige Senioren und Seniorinnen haben viel Erfahrung im Verkehr. Sie rasen normalerweise nicht, sondern fahren regelkonform, vorausschauend und passen ihren Fahrstil den eigenen Möglichkeiten an.

Ältere sind sich ihrer Schwächen bewusst

Richtig ist aber auch, dass mit dem Alter körperliche Beeinträchtigungen und Medikamenteneinnahme einhergehen: "25 Prozent der 70-Jährigen zeigen kognitive Einschränkungen, das Seh- und Hörvermögen verschlechtert sich und die motorischen Fähigkeiten lassen nach", sagt Dr. Jürgen Howe, bis vor kurzem Professor für Gerontopsychologie in Braunschweig und nun im Ruhestand.

Der Altersforscher leitete mehrere Untersuchungen zum Thema Automobilität im Alter. Eine Untersuchung zeigte deutlich, dass ältere Autofahrer in den Bereichen Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und dem Erfassen komplexer Situationen deutlich schlechter abschneiden als junge Autofahrer. "Ältere Autofahrer sind sich ihrer Schwächen bewusst", sagt der Psychologe, "die meisten reagieren vernünftig und hören mit dem Fahren auf, wenn sie sich unsicher fühlen. Aber etwa fünf Prozent sind uneinsichtig und da wird es gefährlich."

Fahrtüchtigkeit schwindet mit dem Alter

Um ein Auto im Straßenverkehr sicher zu steuern, sind vor allem geistige Fähigkeiten sowie das Seh- und Hörvermögen gefordert. Augenerkrankungen wie Glaukom oder Katarakt, auch Grüner und Grauer Star genannt, treten häufig bei älteren Menschen auf. "Sehschärfe und kontrastreiches Sehen nehmen im Alter ab, das Sehfeld ist eingeschränkt und die Gegenlichtempfindlichkeit wird größer", erklärt Gerontopsychologe Howe.

Was das Denkvermögen angeht, so verringert sich bei älteren Menschen häufig die visuelle Aufmerksamkeit: Komplexe Verkehrssituationen können nicht mehr so schnell erfasst werden. Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, wie dies im Straßenverkehr erforderlich ist, fällt älteren Menschen oft schwerer. "In unübersichtlichen Verkehrssituationen fühlen sich ältere Verkehrsteilnehmer schneller überfordert, deshalb häufen sich die Fahrfehler", erklärt Howe. 

Hinzukommt, dass manche ältere Menschen ihren Kopf nicht mehr so gut drehen können, weil sich die Beweglichkeit der Halswirbelsäule verschlechtert und sich altersbedingt oft das Sichtfeld verkleinert. "Gerade beim Abbiegen kommt es deshalb immer wieder zu gefährlichen Situationen und Beinahunfällen", erklärt der Psychologe.

Eigene Defizite beim Autofahren erkennen

Es gibt erste Anzeichen und auffällige Situationen, die auf Schwächen beim Autofahren hindeuten können: 

  • Auffälliges Fahrverhalten (Orientierung am Mittelstreifen, Schlangenlinien fahren, deutlich langsamer als der übrige Verkehr)
  • Häufig angehupt werden von anderen Autofahrern
  • Verkehrszeichen und rote Ampeln übersehen
  • Langsame Reaktion in kritischen Situationen 
  • Anderen die Vorfahrt nehmen
  • Rückspiegel kaum verwenden, Blinker vergessen zu setzen
  • Toten Winkel nicht kontrollieren
  • Schwierigkeiten beim Abschätzen von Abständen
  • Kratzer, Dellen und kleine Blechschäden am Auto
  • Beifahrer haben Angst

Fahrpraxis als entscheidender Faktor

Als Folge davon häufen sich kritische Situationen, Blechschäden oder Schlimmeres. Laut Statistischem Bundesamt tragen in der Altersgruppe der über 64-Jährigen 67 Prozent der Autofahrer, die in einen Unfall verwickelt sind, die Hauptschuld. Bei den über 75-Jährigen sind es sogar 75 Prozent.

Eine besonders wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Fahrpraxis: "Die Unfallstatistik zeigt, dass besonders ältere Autofahrer über 75 Jahre, die weniger als 3000 Kilometer pro Jahr fahren, Hauptverursacher von schweren Unfällen sind", sagt Dr. Walter Weißmann, Vorsitzender des Landesverbandes Bayerischer Fahrlehrer.

Ab 70 Jahren freiwillig zum Test

Vor diesem Hintergrund raten Experten älteren Autofahrern und Autofahrerinnen zum freiwilligen Test: "Ab 70 Jahren sollte man sich alle zwei Jahre freiwillig testen lassen", sagt Altersforscher Dr. Howe. Einen Test kann man in jeder Fahrschule oder beim ADAC machen.

Wer wissen will, wie es um seine Fahrtüchtigkeit bestellt ist, kann auch eine Fahrstunde in einer Fahrschule nehmen. In der Fahrstunde achtet der Fahrlehrer darauf, wie der Autofahrer oder die Autofahrerin den Verkehr beobachtet, sich in unübersichtlichen Situationen verhält und wie das Rückwärtsfahren klappt.

"Fahrlehrer erkennen schnell, ob der Fahrer die Situation überblicken kann und am Steuer noch alles unter Kontrolle hat", sagt Fahrlehrer Weißmann. Egal welches Ergebnis der Test liefert – den Führerschein behält man. "Aus dem Ergebnis muss jeder seine persönlichen Konsequenzen ableiten", so Weißmann. "Oft fallen die Tests positiver aus, als von den Probanden erwartet."


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