Bluthochdruck: Jeder Patient ist anders

Das Alter spielt eine große Rolle dabei, wie weit die Blutdruckwerte runter müssen, um Herz und Hirn zu schützen. Was Ärzte raten und wie Patienten die Therapie erfolgreicher machen
von Elke Schurr, 12.10.2015

Blutdruck messen: Patienten können zu besseren Werten selbst viel beitragen

F1online

Die meisten Menschen, die von ihrem Bluthochdruck wissen, lassen sich laut Studien des Berliner Robert-Koch-Instituts auch behandeln: Das sind immerhin 88 Prozent. Jeder vierte Patient ist aber von guten Blutdruckwerten weit entfernt. Doch was sind eigentlich gute Werte? Welcher Blutdruck ist für einen Älteren noch akzeptabel, welcher muss gesenkt werden und vor allem wie?

Fest steht: Ein Allgemeinrezept gibt es nicht. "Ältere Menschen sind, was ihr biologisches Alter betrifft, sehr unterschiedlich", erklärt die Privatdozentin Dr. Ute Hoffmann, Bluthochdruck- und Nierenspezialistin in Regensburg. Deshalb müsse der behandelnde Arzt "jeden Patienten individuell betrachten und auch dessen gesamte Lebenssituation berücksichtigen".

Alter und Verfassung beeinflussen Bluthochdruck-Therapie

Je tiefer die Werte, umso besser? Ganz so einfach ist es nicht. Die Behandlungsleitlinien unterscheiden inzwischen verschiedene Patientengruppen und machen deren Zielwerte vom Alter und von der körperlichen sowie mentalen Verfassung abhängig. "Bei Patienten über 80 sind unter Umständen obere Werte bis 150 mmHg akzeptabel", sagt Hoffmann.

Wer allerdings jünger als 80 und noch körperlich fit ist, der sollte seinen Zielblutdruck möglichst unter 140/90 mmHg halten. Wer zucker- oder nierenkrank ist, sollte den zweiten Wert sogar noch etwas tiefer absenken.

Egal, ob es sich um eine milde (bis 159 mmHg) oder schwere Form (über 180 mmHg) des Bluthochdrucks handelt: "Das Ziel wird immer sein, schlimme Folgen wie etwa Schlaganfall oder Herzinfarkt zu verhindern, auch im Alter", betont Professor Martin Hausberg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Ein Ziel, das sich den Betroffenen manchmal nur schwer vermitteln lässt: Viele ältere Patienten fühlen sich gerade mit erhöhten Werten topfit, am Anfang der Behandlung dagegen müde und schlecht.

1. Tagesprofil bei normalem Blutdruck

Auch beim Normaldruck gibt es im Verlauf von 24 Stunden kleine Gipfel. Jeder Blutdruck reagiert sofort auf körperliche oder seelische Ereignisse. Das ist völlig normal. Ob man aufsteht, radelt, sich ärgert, ein Konzert besucht oder schläft: Der Blutdruck passt sich den Anforderungen jeweils an.

W&B/Martina Ibelherr

2. Tagesprofil bei Bluthochdruck


Bei einem Bluthochdruckkranken sind die Schwankungen stärker. Die Blutdruckwerte sind auch in der Nacht häufig erhöht. Blutdruckspitzen sind ausgeprägter.

W&B/Martina Ibelherr

Bessere Werte brauchen Zeit

"Werte zu senken darf nicht auf Kosten der Lebensqualität gehen", warnt Dr. Ute Hoffmann. Die Frage ist nur: Wie? Dass sich im Lauf der Jahre immer öfter ein hoher Druck in den Arterien bildet, liegt an deren Wänden: Sie werden im Alter steifer. "Das ist ein normaler Alterungsprozess", bestätigt Hausberg, "der vor allem den oberen Wert anhebt." Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht oder Fettstoffwechselstörungen, Gifte wie Nikotin oder Alkohol, Umstände wie Stress oder Bewegungsarmut beschleunigen diese Entwicklung.

Was liegt also näher, als genau hier anzusetzen und es zunächst ohne Tabletten zu probieren? "Das hängt von der Höhe der Ausgangswerte ab", betont Dr. Martin Prohaska, Kardiologe aus Mühldorf. "Denn das Leben und seine Gewohnheiten umzukrempeln, das dauert nun mal."  Erste positive Effekte zeigen sich oft erst nach einem halben Jahr, und das kann bei einem schweren Hochdruck zu lange sein. Wer aber niedrigere Ausgangswerte und keine Begleiterkrankung hat, kann mit einem aktiveren Leben und einer gesunden Ernährung die Tablettentherapie oft hinausschieben.

Bewegung hält Gefäße jung

Aktivität zahlt sich auch langfristig aus. Wenn der Betroffene seine Arterien durch viel Bewegung und den Verzicht aufs Rauchen jung hält, wenn er seinem Kreislauf keine überflüssigen Pfunde zumutet,  schlagen auch Tabletten weit besser an. "Auf Dauer werden gerade Ältere jedoch nicht ohne Medikamente auskommen", sagt Kardiologe Prohaska. "Oft reicht dann aber nur ein Blutdrucksenker oder die Hälfte der Dosis."

Die Auswahl an Blutdrucksenkern ist sehr groß: Je nachdem, unter welchen Krankheiten der Patient zudem leidet, ob er zuckerkrank ist oder bereits einen Herzinfarkt hatte, entscheidet sich der Arzt für das eine oder andere Medikament, vielleicht auch für Kombina­tionen.

Medikamente ausprobieren und kontrollieren

Medikamente greifen im Gegensatz zu den sanften, aber viel Disziplin erfordernden Lifestyle-Schritten meist schneller und verlässlicher. Ihr Nachteil: Vor allem zu Beginn der Behandlung bemerken manche Patienten nur mögliche Nebenwirkungen und hadern mit der Therapie. "Wem schwindelig wird oder immer übel ist, der sollte dringend mit seinem Arzt sprechen", empfiehlt Professor Hermann Haller, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkranke in Hannover. Auch in der Apotheke bekommen Patienten wichtige Tipps und können sich zu Präparaten und Einnahmezeiten beraten lassen.

Ausprobieren und kontrollieren, lautet deshalb das Motto der Blutdruck-Therapie. "Es können schon mehrere Wochen vergehen, bis das richtige Mittel gefunden ist und die Werte passen", weiß Kardiologe Prohaska aus langjähriger Praxiserfahrung. Das erfordert Geduld – von beiden Seiten. Viele Patienten setzen in dieser sensiblen Phase ihre Medikamente ab oder ändern eigenmächtig die Dosis. Besser sei es, zunächst nur mit einem Mittel in niedriger Dosis zu beginnen, sagt der niedergelassene Herzspezialist aus Mühldorf und rät zu kleinen Schritten. "So bleibt der Patient leichter bei der Stange!"

Blutdruckmessung ist fehleranfällig

Ein unverzichtbares Instrument, um die Behandlung zu kontrollieren und das weitere Vorgehen festzulegen, ist die Blutdruckmessung. Umso wichtiger ist natürlich, dass die Werte korrekt sind. "Und das ist alles andere als banal", warnt Kardiologe Prohaska. Fehler beim Messen sind an der Tagesordnung. Auch deshalb beäugt der Mühldorfer Kardiologe den Selbstcheck kritisch: Sobald der Wert zu Hause im grünen Bereich liegt, lassen die Patienten ihre Blutdrucksenker oft einfach weg.

Viele Ärzte setzen sicherheitshalber auf die Langzeitmessung, die den Druck automatisch über 24 Stunden dokumentiert und außerdem wertvolle Hinweise liefert: Wie verhält sich der Blutdruck nachts? Sinkt er zu tief, oder fällt er gar nicht mehr?

Mann misst zu Hause seinen Blutdruck

Blutdruck zu Hause messen »

Wie Sie typische Fehler vermeiden und richtig messen »

"Blutdruckbehandlung bedeutet Dauerbehandlung. Das ist etlichen Patienten nicht klar", sagt Mediziner Prohaska. Und dass der Blutdruck nicht nur aus einem Wert bestehe, sondern schwanke, auch nicht. Spezielle Schulungen, etwa beim Hausarzt, räumen mit potenziell gefährlichem Unwissen auf: Dort erfahren Patienten mehr über ihre Krankheit und lernen, besser damit umzugehen. Eine der wichtigsten Lektionen: Bei Ziel- und Messwerten geht es nicht nur um Zahlen. Am Ende steht ein besseres Leben, weil die Gefahr von Schlaganfall und Herzinfarkt deutlich gesenkt wird.


ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Grippe: Sind Sie geimpft?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages