{{suggest}}


Corona: Protokolle von systemrelevanten Helfern

Wie sieht es in den Arztpraxen aus? Was erleben Angehörige und Pflegekräfte? Hier erzählen Menschen, die sich jetzt um andere kümmern.

von Elsbeth Bräuer, Orla Finegan und Kai Klindt, aktualisiert am 19.03.2020

"Ganz wichtig ist, Ruhe zu bewahren" 

"Einige Angehörige haben die Pflege schon abbestellt, weil sie fürchten, wir könnten das Coronavirus ins Haus bringen. Aber die meisten sind total entspannt. Wir tun auch wirklich alles, um unsere Patienten zu schützen, desinfizieren uns die Hände, tragen Handschuhe und bei Bedarf Schutzkittel. Wir setzen uns auch einen Mundschutz auf, obgleich das medizinisch meist nicht nötig wäre – aber es beruhigt die Patienten und ihre Angehörigen doch sehr. Jede Kollegin hat eine feste Tour, sodass sich die Infektionskette im Fall des Falles begrenzen ließe.

Woran es hapert, sind Informationen. Erst am vergangenen Freitag bekamen wir die Unterlagen, um einen Notfallplan aufzustellen – für den Fall, dass sich eine Mitarbeiterin oder ein Kunde mit dem Coronavirus ansteckt. Wochenlang hatten wir dazu nichts gehört, weder vom Berufsverband noch vom Gesundheitsamt.

Heute Abend bin ich zu einem Geburtstag eingeladen. Der fällt natürlich für mich aus – ich kann so ein Risiko nicht eingehen, unsere Kunden brauchen uns! Ganz wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Ich sage den Angehörigen, dass sie nicht mehr tun können, als sich an die Hygieneregeln zu halten: also gründliches Händewaschen, in den Arm husten oder niesen und so weiter. Die meisten sind da sehr einsichtig, die Patienten beherzigen auch den Rat, keinen Besuch von minderjährigen Kindern zu empfangen – selbst wenn es schwerfällt."

Cordula Wagner ist Krankenschwester und leitet einen ambulanten Pflegedienst in Unterföhring (bei München).

"Bei Menschen mit Demenz würde ich Corona gar nicht thematisieren"

"Unsere Tagespflege ist ab sofort geschlossen, das haben wir heute morgen von den Behörden erfahren. Schon in den letzten Tagen kamen viele Abmeldungen von Angehörigen, die sich Sorgen machen. Wir hatten uns überlegt, das Duschen und den Fahrdienst einzustellen und Schutzkleidung hätten wir lagernd gehabt. Aber das ist jetzt ohnehin überholt. Wirtschaftlich ist das für uns als Tagespflege natürlich ein Problem. Wir rufen gerade alle Angehörigen an und fragen den Bedarf ab: Wir bieten an, Medikamente und Einkäufe zu liefern und Betreuung zuhause zu übernehmen. Mehr können wir im Moment nicht tun.

Ihre Einrichtung hat geschlossen und Sie müssen einen Angehörigen zuhause beschäftigen? Empfinden Sie die Struktur der Tagespflege nach. Also: morgens Frühstück, dann Aktivierung, mittags essen und leichte Gymnastik für den Kreislauf, dann Mittagsschlaf. Beschäftigen Sie die Person mit Erinnerungen! YouTube bietet viele alte Sendungen aus den 60er-Jahren: Schauen Sie zusammen den Musikantenstadl. Oder gestalten Sie zusammen ein Fotobuch. Ihr Vater war Feuerwehrmann? Drucken Sie Bilder von Feuerwehrautos aus und suchen Sie Fotos von ihm in Uniform. Ein Leben bietet viele Impulse! Corona würde ich gegenüber demenzkranken Menschen gar nicht thematisieren – sie mit Panik zu konfrontieren bringt nichts. Versuchen Sie, Ruhe und Sicherheit auszustrahlen."

Michael Wissussek leitet eine Tagespflege in Bad Buchau.

"Pflegende Angehörige sind immer im Home Office"

"Zu Hause zu sein, auch notgedrungen, mag für einige eine neue Erfahrung sein. Für viele pflegende Angehörige ist es eine Selbstverständlichkeit. Ändert sich für mich persönlich viel? Nein! Ich komme seit vielen Jahren kaum noch raus. Hygiene wird bei uns schon immer groß geschrieben, dazu gehört auch das Händewaschen. Mein soziales Umfeld habe ich zum Großteil am PC, und Großveranstaltungen kenne ich nur noch aus Erinnerungen.

Ändere ich persönlich trotzdem etwas? Ja, natürlich. Arztbesuche, die nicht lebensnotwendig sind, werden gecancelt. Die wenigen, die uns noch besuchen, MÜSSEN sich jetzt die Hände waschen, bevor sie zu meinem Mann dürfen. Ich umarme nicht mehr unbedarft. Ich überlege mir zweimal, was notwendig ist, aber letzten Endes ist bei uns eh schon alles reduziert, sodass es keine gravierenden Änderungen sind.

Bin ich sauer? Ja, wenn ich lese, was alles noch nicht oder zu spät gemacht wird. Dass wir in der Pflege ein RIESIGES Problem haben, ist schon so viele Jahre klar. Wenn WIR pflegende Angehörige ausfallen, gibt es oft keinen Ersatz – was dann? Gibt es auch Positives? Ja! Was ich inzwischen an Hilfsbereitschaft lese, macht mir Mut. Mein Fazit: Lasst Euch nicht von Ängsten überrollen, aber seid natürlich vorsichtiger, soweit das möglich ist."

Wiebke Worm pflegt ihren MS-kranken Mann.

"Wir bekommen alle Ängste der Patienten zu spüren"

"Wir sind vier Ärzte und zehn medizinische Fachangestellte. In unserer Praxis bekommen wir die ganze Breite der Ängste zu spüren: Manche Patienten haben unverständliche Ängste, manche verständliche, und einige kommen mit einer Coolness, die uns auch wieder überrascht. Auch wenn sie schon viel erlebt haben, sollten ältere Menschen die Gefahr ernst nehmen, Abstand zu anderen halten und Sozialkontakte auf ein Minimum reduzieren.

Generell lautet unser Appell: Kommen Sie so selten wie möglich in die Praxis. Rufen Sie uns erstmal an. Wir haben auch an der Tür ein Schild, das darauf hinweist: Wer denkt, er könnte das Coronavirus haben, soll zurück zum Auto gehen und von dort aus anrufen. Wir halten uns an die allgemeinen Schutzmaßnahmen, wir minimieren unsere Kontakte und versuchen, die meisten Patienten telefonisch zu betreuen. Dazu wechseln wir uns ab: Einer macht die Telefonsprechstunde, der andere kümmert sich um die Patienten in der Praxis, nach ein paar Stunden wird gewechselt. Das funktioniert bisher gut! So können wir vor allem chronisch kranke Menschen gut weiterbehandeln.

Im Wartezimmer haben wir einige Stühle weggeräumt, damit die Patienten den Mindestabstand einhalten können. Viele Telefonleitungen sind zurzeit überlastet, und man muss es oft versuchen, bis man durchkommt. Die Zahl der Erkrankten verdoppelt sich, aber nicht die Anzahl der Telefonleitungen. Wer nicht schwer krank ist, braucht eben einfach mehr Geduld. Wir alle brauchen mehr Geduld. Am Telefon ist es momentan unsere Hauptaufgabe, herauszufinden, wer wirklich untersucht und wer beruhigt werden muss."

Dr. Markus Beier, Hausarzt aus Erlangen und Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands

"Ich biete kostenlos an, Angehörige anzurufen"

"Ich habe hin und her überlegt, wie ich im Kleinen helfen könnte. Auch, wenn es vielleicht lächerlich klingen mag, aber ich biete kostenlos an, mit demenzkranken Angehörigen am Telefon zu singen, ihnen etwas vorzulesen oder sie abzulenken. Viele warten ja immer wieder auf Anrufe. Vielleicht ist das ja auch über Videoanruf möglich. Bisher hatte ich zu zwei Angehörigen Kontakt, denen ich im Lauf des Gesprächs Tipps für die Beschäftigung zuhause geben konnte. Ich hoffe, dass das Angebot wenigstens ein paar Leuten hilft!

Uns allen fordert die momentane Lage unglaublich viel ab. Gerade pflegenden Angehörigen und ihren Liebsten, die jetzt am besten zuhause bleiben sollten – das versteht ein an Demenz erkrankter Mensch aber schwer und verfällt schlimmstenfalls in Ängste. Wie geht man mit Unruhe oder Ängsten um? Dafür gibt es leider kein Patentrezept. Aber es hilft ungemein, wenn man weiß, wie der Angehörige früher seine Ängste bekämpft hat – zum Beispiel durch Singen, Basteln oder Bewegung. In einer akuten unruhigen Phase würde ich versuchen, die Person gedanklich "abzuholen" und auf andere Gedanken zu bringen. Es kommt auf den Grad der Demenz an, in wie weit Erklärungen sinnvoll sind und nicht noch zusätzlich verunsichern."

"Eine positive Grundstimmung stärkt die Abwehr"

"Corona ist bei uns das alles dominierende Thema. Die Kunden sind so verunsichert! Es gibt einen riesigen Informationsbedarf. Viele fragen uns, ob sie weiterhin ihre Arzneimittel erhalten. Wir werden weiter beliefert, sage ich, auch wenn es mal ein oder zwei Tage dauern kann. Wer Dauermedikamente bekommt, sollte aber nicht bis zum Schluss warten, sondern sich rechtzeitig ein Folgerezept vom Arzt ausstellen lassen.

Auch die Frage nach Desinfektionsmitteln und Mundschutz kommt häufig. Ich erkläre dann, dass wir diese Artikel momentan nur an Krankenhäuser und Arztpraxen liefern – und dass man sie zum Schutz vor dem Coronavirus auch nicht braucht. Hände waschen, Abstand halten, das ist viel wichtiger! Wir haben ein Schild aufgestellt und auf dem Boden Markierungen angebracht, damit die Kunden auf Abstand bleiben. Inzwischen klappt das auch ganz gut.

Aufklären, beruhigen, Mut machen: Das macht einen Großteil unserer Arbeit aus. 'Eine positive Grundstimmung stärkt die Abwehr', sage ich den Kunden oft. Ich möchte, dass die Leute gerade in dieser schwierigen Zeit mit einem Lächeln aus der Apotheke gehen."

Ina Bartels leitet eine Apotheke in Hannover.


Newsletter abonnieren

Newsletter Senioren Ratgeber

Senioren Ratgeber - Newsletter