Depression auch im Alter behandeln

Traurig, antriebslos, niedergeschlagen: Eine Depression kann auch ältere Menschen treffen. Was Angehörige und Betroffene tun sollten
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 23.11.2015

Nicht einfach nur traurig: Eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung

istock/northlightimages

Seit Wochen schläft der 80-Jährige schlecht. Er klagt über Magenbeschwerden, fühlt sich antriebslos und niedergeschlagen. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein. "Kein Wunder, dass er keine rechte Lebensfreude hat," denkt sich sein Sohn bei einem seiner seltenen Besuche.

Depression bei älteren Menschen oft nicht erkannt

Zugegeben: Diese Szene ist nur ausgedacht. Untypisch ist sie aber nicht. Innere Leere, gestörter Schlaf und Rückzug sind mögliche Anzeichen für eine Depression. Gerade bei älteren Menschen werden sie aber in vielen Fällen nicht also solche erkannt, sondern als normale Alterserscheinung abgetan. Das sollten sie aber nicht: "Eine Depression zu behandeln lohnt sich auch im Alter", sagt Dr. Annette Sonntag, Leiterin der Tagesklinik für Depression am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Bei einer entsprechenden Behandlung haben Betroffene gute Chancen, aus dem seelischen Dauertief wieder herauszufinden.

Depressionen sind eine häufige psychische Erkrankung im Alter. In der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" des Robert Koch-Instituts zeigten 7,2 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und 6,1 Prozent der 70- bis 79-Jährigen eine depressive Symptomatik. Frauen waren jeweils häufiger betroffen als Männer. "Allerdings treten Suizide bei älteren Männern mit Depression besonders häufig auf", sagt Sonntag. Woran das liegt, ist nicht ganz klar. Möglicherweise besitzen Männer weniger soziale Netzwerke, die sie nach Berufsende oder dem Tod eines Partners auffangen können. Eine Studie mit 2000 australischen Senioren kam außerdem zu dem Schluss, dass in sehr hohem Lebensalter Männer häufiger depressive Symptome zeigen als Frauen. 

Nicht immer gibt es erkennbare Auslöser

Eine Depression ist aber nicht einfach nur eine melancholische Stimmung. Sie ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Schmerzhafte Erfahrungen wie der Verlust eines Partners oder Einsamkeit können zwar akute Auslöser einer Depression sein. Doch gleichzeitig ist bei der Erkrankung nach der Meinung vieler Experten auch der Stoffwechsel im Gehirn gestört. Der Haushalt an bestimmten Botenstoffen wie Serotonin und Noradrenalin, sogenannten Neurotransmittern, gerät dabei aus dem Gleichgewicht. Eine Depression muss auch gar keinen bestimmten äußeren Anlass besitzen, sondern kann wie aus dem Nichts entstehen.

Die inneren biochemischen Prozesse sind bei jungen wie bei alten Menschen vergleichbar. Die äußeren Auslöser können sich dagegen unterscheiden. So können bei Älteren etwa verstärkt Verlusterfahrungen oder chronische Krankheiten und Schmerzen eine Rolle spielen.

Menschen mit einer Depression unterstützen

Einfache aufmunternde Worte wie "Kopf hoch!" bewirken bei einer Depression allein wenig. Wirklich hilfreich ist in der Regel nur eine individuell passende Therapie. Häufig geben die Angehörigen den ersten Impuls zur Behandlung einer Depression. Sie bemerken oft als erstes, dass der Betroffene sich anders verhält. Dieser nimmt seine Depression selbst manchmal gar nicht also solche wahr – oder will es in einigen Fällen auch nicht. Das gilt vor allem bei älteren Generationen, bei denen psychische Erkrankungen häufig noch als ein Tabuthema oder ein Anzeichen von Schwäche gelten.

Wie aber erkennen Angehörige, dass jemand nicht im normalen Maß um einen verstorbenen Partner trauert, sondern eine Depression vorliegt? "Der Unterschied liegt vor allem in der Dauer und dem Schweregrad", sagt Sonntag. Bei einer Depression empfinden Betroffene über Wochen und Monate hinweg eine andauernde Freudlosigkeit, die über eine normale Trauerreaktion hinausgeht.

Depressionsexpertin Sonntag empfiehlt Angehörigen, bei Verdacht auf die psychische Erkrankung den Betreffenden offen darauf anzusprechen, dass sie eine Verhaltensänderung beim ihm bemerkt haben und dass dahinter eine Depression stecken könnte. "Betroffene an die Hand nehmen", rät sie. Depressionspatienten haben oft zu wenig Kraft, um an ihrem Zustand etwas zu ändern. Also ruhig gemeinsam einen Termin beim Arzt ausmachen. Oder den Betroffenen einfühlsam, aber hartnäckig daran erinnern, dass er sich untersuchen lassen sollte.

Depression behandeln

Die erste Anlaufstelle sollte der Hausarzt sein. Dieser kann den Betroffenen gegebenenfalls an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie überweisen. Patienten benötigen bei einer Depression eine speziell auf sie zugeschnittene Therapie – je nach den Ursachen und weiteren Umständen, die im Einzelfall vorliegen. Die Basis der Behandlung sind bei älteren ebenso wie bei jungen Menschen:

  • Psychotherapie, vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie
  • Medikamente (Antidepressiva)

Daneben können unterstützende Behandlungsformen hilfreich sein, den Betroffenen Selbstbestätigung zu geben und sie im Alltag zu stabilisieren. Viele profitieren vom passenden Maß an Sport und Bewegung, andere spricht eine Kunsttherapie mehr an. In einigen Fällen benötigen Patienten auch im sozialen Umfeld Unterstützung. Lebt ein älterer Mensch allein zu Hause, kann ihn zum Beispiel ein Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes bei alltäglichen Erledigungen entlasten.

Therapie: Ambulant, in der Tagesklinik oder stationär

Vor allem von der Schwere der Erkrankung hängt ab, wo die Behandlung überwiegend stattfindet. In leichteren Fällen kann sie ambulant erfolgen. Das heißt, der Patient bleibt in seinem gewohnten Umfeld, Hausarzt und Psychiater kümmern sich um ihn. Bei schweren Depressionserkrankungen oder wenn die ambulante Therapie nicht anschlägt, kann eine Betreuung in einer Klinik angeraten sein, entweder vollstationär oder in einer Tagesklinik. Bei letzterer kümmert sich ein Team aus Ärzten und Psychotherapeuten tagsüber um den Patienten, dieser kann aber den Abend und die Nacht zu Hause in seinem vertrauten Umfeld verbringen. Bei der vollstationären Behandlung bleibt der Betroffene auch nachts in der Klinik.

Bei der Behandlung einer Depression stehen verschiedene Medikamente zur Wahl. Sie alle zielen jedoch darauf ab, den Stoffwechsel des Gehirns wieder ins Lot zu bringen. Sie benötigen Zeit, um effektiv zu wirken. Außerdem muss der behandelnde Arzt in regelmäßigen Abständen überprüfen, wie die Behandlung anschlägt und gegebenenfalls das Präparat wechseln oder die Dosis erhöhen.

Bei passender Behandlung gute Aussichten auf Besserung

Diese Kontrollen sind auch deshalb wichtig, weil zu Beginn einer Behandlung mit einigen Antidepressiva das Risiko eines Suizids erhöht sein kann. "Diese Gefahr ist aber sehr gering," sagt Sonntag. In jedem Fall sollten Angehörige aufmerksam sein, mögliche Anzeichen oder Andeutungen unbedingt ernst nehmen und im Zweifel sofort professionelle Hilfe suchen. Besteht eine Gefahr, ist eine stationäre Behandlung angeraten. Antidepressiva können Nebenwirkungen verursachen. Dann sollten sie aber nicht selbstständig abgesetzt, sondern das weitere Vorgehen immer mit dem Arzt besprochen werden.

Bei einer fachgerechten Therapie stehen die Erfolgsaussichten gut, dass die psychische Krankheit sich bessert oder verschwindet. Das ist allerdings nur möglich, wenn Betroffene und ihr Umfeld mögliche Anzeichen für eine Depression nicht einfach als harmlose Traurigkeit abtun – bei alten wie bei jungen Menschen.


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