Depression auch im Alter behandeln

Traurig, antriebslos, niedergeschlagen: Eine Depression kann auch ältere Menschen treffen. Was Angehörige und Betroffene tun sollten

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 01.10.2018
Mann sitzt auf Bank

Nicht einfach nur traurig: Eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung


Alles ist leer. Man fühlt sich niedergeschlagen, antriebslos, kann seit Wochen nicht mehr gut schlafen. Manchmal kommen Magenbeschwerden oder Kopfschmerzen dazu. So oder ähnlich äußern sich Depressionen oft bei älteren Menschen. Doch gerade bei Senioren wird die Krankheit in vielen Fällen nicht erkannt - sondern als Alterserscheinung abgetan. "Eine Depression zu behandeln lohnt sich auch im Alter", sagt Dr. Annette Sonntag, Leiterin der Tagesklinik für Depression am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Bei einer Behandlung haben Betroffene gute Chancen, aus dem seelischen Dauertief wieder herauszufinden.

Depressionen sind auch im Alter eine häufige psychische Erkrankung. In der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" des Robert-Koch-Instituts hatten 7,2 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und 6,1 Prozent der 70- bis 79-Jährigen depressive Symptome. Frauen waren öfter betroffen als Männer. "Allerdings treten Suizide bei älteren Männern mit Depression besonders häufig auf", sagt Sonntag. Woran das liegt, ist nicht ganz klar. Vielleicht haben Männer weniger soziale Netzwerke, die sie etwa dem Tod eines Partners auffangen können. Eine Studie mit 2000 australischen Senioren kam zu dem Schluss, dass hochbetagte Männer häufiger depressive Symptome zeigen als Frauen. 

Nicht immer gibt es erkennbare Auslöser

Eine Depression ist aber nicht nur eine melancholische Stimmung. Sie ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Einsamkeit, der Verlust des Partners - das kann zwar akut eine Depression auslösen. Doch nach Meinung vieler Experten ist bei der Krankheit auch der Stoffwechsel im Gehirn gestört. Der Haushalt an bestimmten Botenstoffen wie Serotonin und Noradrenalin gerät dabei aus dem Gleichgewicht. Eine Depression muss auch keinen äußeren Anlass haben, sondern kann wie aus dem Nichts entstehen.

Die inneren biochemischen Prozesse sind bei jungen wie bei alten Menschen ähnlich. Die äußeren Auslöser können sich dagegen unterscheiden. Bei Senioren spielen etwa oft Verlusterfahrungen, chronische Krankheiten oder Schmerzen eine Rolle.

Menschen mit einer Depression unterstützen

Aufmunternde Worte wie "Kopf hoch!" bewirken bei einer Depression wenig. Wirklich hilfreich ist meist nur eine Therapie. Häufig geben die Angehörigen den ersten Impuls zur Behandlung. Sie bemerken oft, dass der Betroffene sich anders verhält. Dieser nimmt seine Depression manchmal gar nicht also solche wahr – oder will es in einigen Fällen auch nicht. Das gilt vor allem für ältere Generationen, bei denen psychische Erkrankungen häufig noch als Tabuthema oder Anzeichen von Schwäche gelten.

Der Tod eines lieben Menschen wirft Angehörige oft aus der Bahn. Wie aber erkannt man, ob jemand im normalen Maß trauert oder schon eine Depression vorliegt? "Der Unterschied liegt vor allem in der Dauer und dem Schweregrad", sagt Sonntag. Bei einer Depression empfinden Betroffene über Monate hinweg eine andauernde Freudlosigkeit, die über eine normale Trauerreaktion hinausgeht.

Die Depressionsexpertin Sonntag empfiehlt Angehörigen, den Betreffenden offen darauf anzusprechen, dass sich sein Verhalten verändert hat. "Betroffene an die Hand nehmen", rät sie. Depressionspatienten haben oft zu wenig Kraft, um etwas an ihrem Zustand zu ändern. Also ruhig gemeinsam einen Termin beim Arzt ausmachen. Oder den Betroffenen einfühlsam, aber hartnäckig daran erinnern, dass er sich untersuchen lassen sollte.

Depression behandeln

Die erste Anlaufstelle sollte der Hausarzt sein. Er kann den Betroffenen gegebenenfalls an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie überweisen. Depressive Menschen brauchen eine speziell auf sie zugeschnittene Therapie – je nach Umständen und Ursachen. Die Basis der Behandlung sind bei älteren ebenso wie bei jungen Menschen:

  • Psychotherapie, vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie
  • Medikamente (Antidepressiva)

Daneben können unterstützende Behandlungsformen hilfreich sein, den Betroffenen Selbstbestätigung zu geben und sie im Alltag zu stabilisieren. Viele profitieren von Sport und Bewegung, andere spricht eine Kunsttherapie mehr an. Manchmal brauchen Patienten auch im sozialen Umfeld Unterstützung. Lebt ein älterer Mensch allein zu Hause, kann ihm zum Beispiel ein Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes bei den täglichen Erledigungen helfen.

Therapie: Ambulant, in der Tagesklinik oder stationär

In leichteren Fällen kann die Behandlung ambulant erfolgen. Das heißt, der Patient bleibt in seinem gewohnten Umfeld, Hausarzt und Psychiater kümmern sich um ihn. Bei einer schweren Erkrankung oder wenn die ambulante Therapie nicht anschlägt, kann eine Betreuung in einer Klinik sinnvoll sein. Bei einer vollstationären Behandlung bleibt der Betroffene durchgehend in der Klinik. Bei einer Behandlung in der Tagesklinik kümmert sich ein Team aus Ärzten und Psychotherapeuten tagsüber um den Patienten. Den Abend und die Nacht kann er aber zu Hause in seinem vertrauten Umfeld verbringen.

Bei der Behandlung einer Depression stehen verschiedene Medikamente in Frage. Sie alle zielen darauf ab, den Stoffwechsel des Gehirns wieder ins Lot zu bringen. Medikamente brauchen Zeit, um zu wirken. Außerdem muss der Arzt regelmäßig überprüfen, wie die Behandlung anschlägt und gegebenenfalls das Präparat wechseln oder die Dosis erhöhen.

Bei passender Behandlung gute Aussichten auf Besserung

Die Kontrollen sind auch deshalb wichtig, weil sich das Suizidrisiko zu Beginn einer Behandlung mit einigen Antidepressiva erhöhen kann. "Diese Gefahr ist aber sehr gering", sagt Sonntag. In jedem Fall sollten Angehörige aufmerksam sein, Andeutungen unbedingt ernst nehmen und im Zweifel sofort professionelle Hilfe suchen. Bei Gefahr ist eine stationäre Behandlung wichtig. Antidepressiva können Nebenwirkungen haben. Dann sollte man sie aber nicht selbst absetzen, sondern immer mit dem Arzt darüber sprechen.

Bei der richtigen Therapie stehen die Aussichten gut, dass sich die Krankheit bessert oder verschwindet. Das ist aber nur möglich, wenn Betroffene und ihr Umfeld eine Depression nicht als harmlose Traurigkeit abtun.


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