Hilfe bei Schwindel

Schwindelanfälle können unterschiedliche Ursachen haben. Welche Arten es gibt, welche Möglichkeiten zur Diagnose und Behandlung Ärzte haben, was jeder selbst tun kann
von Dagmar Fritz, 30.08.2017

Schwindel: Ursache oft nicht eindeutig erkennbar

istock/Troels Graugaard

Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind unangenehm und schränken die Lebensqualität erheblich ein. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Schwindelpatienten stark an: Durchschnittlich zehn Prozent der Deutschen leiden immer wieder an Schwindel, bei den über 60-Jährigen sind es über 30 Prozent und ab 80 Jahren klagen mehr als 40 Prozent über regelmäßige Schwindelbeschwerden.

Kein Altersschwindel

"Schwindel ist keine Krankheit", erklärt Privatdozentin Dr. Sandra Becker-Bense, Fachärztin für Neurologie und Oberärztin am Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum in München. "Schwindel ist ein häufiges und unangenehmes Symptom, das sehr viele unterschiedliche Ursachen haben kann." Nicht nur ältere Menschen leiden unter Schwindel: "Alle Schwindelerkrankungen können in jedem Alter auftreten", sagt die Ärztin. "So etwas wie den einen Altersschwindel gibt es nicht."

Die häufigsten Schwindelarten

Schwindel lässt sich in zwei unterschiedliche Hauptarten unterteilen: Wenn der Betroffene das Gefühl hat, alles dreht sich um ihn herum, ähnlich wie in einem Karussell, spricht man von Drehschwindel. Wenn das Gefühl vorherrscht, der Boden bewegt sich, ähnlich wie auf einem Schiff, spricht man von Schwankschwindel. Auch Fallneigung, Gangstörungen bis hin zu Stürzen oder wackelnden Bildern können auf eine Störung der Gleichgewichtsfunktion hinweisen.

Abhängig davon, welches Organ den Schwindel auslöst, unterscheidet man drei unterschiedliche Arten:

1. Peripher-vestibulärer Schwindel

Liegt eine Störungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr vor, sprechen Mediziner vom peripher-vestibulären Schwindel. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr erfasst Drehbewegungen des Kopfes und unseres Körpers sowie Linearbeschleunigungen. Ist das Organ akut beeinträchtigt, leiden Betroffene meist unter Drehschwindel, Übelkeit und fallen leicht hin. Auch der sehr häufig auftretende gutartige Lagerungsschwindel gehört in diese Gruppe. Beim Lagerungsschwindel wird die Schwindelattacke durch Bewegungen in eine bestimmte Richtung ausgelöst.

2. Nicht-vestibulärer Schwindel

Mögliche Ursachen für einen nicht-vestibulären Schwindel sind Sehstörungen, Schädigungen der peripheren Nerven (Neuropathie), Medikamentennebenwirkungen, Angst, Kreislaufstörungen oder auch Herzrhythmusstörungen. Benommenheit, Unwohlsein oder Gang- und Standunsicherheit treten hier häufig auf.

3. Zentral-vestibulärer Schwindel

In manchen Fällen liegt aber auch eine Funktionsstörung der Gleichgewichtszentren im Gehirn vor. Dann sprechen Mediziner vom zentral-vestibulären Schwindel. Bei dieser Form des Schwindels ist eine Schädigung des Hirnstamms, des Kleinhirns oder seltener des Großhirns die Ursache. Auch hier ist der Schwindel ein Anzeichen für unterschiedliche Ursachen, wie beispielsweise Entzündungen, Durchblutungsstörungen oder Tumore. In der Regel treten bei dieser Form noch andere Symptome auf wie Sprachstörungen, Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen und Kopfschmerzen.

Ursachen für Schwindel

Verschiedene Sinnessysteme sind beim Menschen daran beteiligt, das Gleichgewicht herzustellen. Neben den Gleichgewichtssignalen aus dem Innenohr sind auch der Sehsinn und der Gefühlssinn dafür verantwortlich, die Balance zu halten. Die Informationen aus diesen verschiedenen Sinnen laufen im Gehirn zusammen und werden dort verarbeitet. Ist eines der Sinnessysteme beeinträchtigt, ist Schwindel eine mögliche Folge.

Schwindelattacken sind sehr unangenehm. "Wenn das Gleichgewicht nicht funktioniert, löst das bei vielen Patienten Angst und Verunsicherung aus", sagt Neurologin Becker-Bense. Häufig treten gleichzeitig weitere unangenehme Begleiterscheinungen auf, wie die Neigung zu fallen oder Übelkeit bis hin zum Erbrechen.

Therapie: Die Ursache behandeln

Die gute Nachricht: In den meisten Fällen stecken keine schwerwiegenden Erkrankungen hinter den Schwindelanfällen. Und: Schwindel lässt sich gut behandeln. "Vorausgesetzt, es wurde eine genaue Diagnostik durchgeführt und die Ursache des Schwindels richtig erkannt", sagt Schwindelexpertin Becker-Bense.

Oft ist der Grund für die Beschwerden gar nicht so einfach zu finden. "Patienten, die zu uns in die Schwindelambulanz kommen, haben meist eine lange Odyssee hinter sich", sagt Becker-Bense. Um auch bei schwierigen Fällen die Ursachen für die Beschwerden zu finden, werden im Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum in München Spezialmessungen, Ganganalysen und Augenmessungen durchgeführt. Häufig stellt sich heraus, dass nicht körperliche Ursachen für die Beschwerden verantwortlich sind, sondern psychische.

Schwindelanfälle im Alter

Auch bei Senioren ist Schwindel nicht immer ein Anzeichen für ein bestimmtes Krankheitsbild, sondern kann vielfältige Ursachen haben. Altersbedingte, körperliche Veränderungen können eine Rolle spielen wie zum Beispiel das Nachlassen der Sehkraft oder des Gefühlsinns. Manche Medikamente verursachen Schwindel als unerwünschte Nebenwirkung. Auch psychische Faktoren, wie Depressionen, Trauer oder Angst sind sehr häufig Auslöser für Schwindelbeschwerden im Alter. Schwindelexpertin Dr. Becker-Bense macht Betroffenen dennoch Hoffnung. "Auch im Alter muss man sich mit dem Schwindel nicht abfinden", sagt die Ärztin. "Viele Erkrankungen kann man gut behandeln oder das Gehirn kann sich darauf einstellen."

Tritt eine akute Schwindelattacke mit anderen neurologischen Symptomen auf wie Taubheitsgefühlen, Lähmungserscheinungen, Sehstörungen, Kopfschmerzen, plötzlicher Schwerhörigkeit oder Erbrechen, sofort einen Arzt kontaktieren. Die Symptome können Hinweis auf eine akute Erkrankung sein, wie beispielsweise einen Schlaganfall.


Schwindeltagebuch hilft bei Diagnosestellung

"Patienten, die unter Schwindelbeschwerden leiden, sollten zuerst ihren Hausarzt aufsuchen", rät Dr. Becker-Bense, "er kennt die Lebensumstände, die Vorerkrankungen und die Medikation." Um den Ursachen der Schwindelanfälle auf die Spur zu kommen, ist eine genaue Anamnese sehr wichtig. Der behandelnde Arzt wird viele Fragen stellen. Als Patient ist es deshalb hilfreich, sich selbst und die Umstände zu beobachten, die zu den Schwindelanfällen führen: Gibt es bestimmte Auslöser für die Schwindelanfälle? Mögliche Auslöser können bestimmte Bewegungen sein oder Situationen, Stress, Husten oder auch visuelle Reize. Treten bei den Schwindelattacken begleitende Beschwerden auf, wie beispielsweise Sehstörungen, Herzrasen oder Angst? "Für eine genaue Diagnose ist es gut, wenn sich der Patient über ein paar Tage hinweg notiert hat, wann die Schwindelattacken begonnen haben, wie häufig sie auftreten und wie lange sie anhalten", rät die Expertin.

Kostenloser Download

Der Hausarzt als erste Anlaufstelle kann den Patienten gegebenenfalls zu einem Facharzt für eine genauere Abklärung schicken. Dies kann beispielsweise ein Neurologe sein, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Augenarzt, Internist oder Kardiologe. Kommt auch der Facharzt nicht weiter, können Patienten sich an eine Schwindelambulanz wenden. In diesen Fachzentren haben sich Ärzte auf die Behandlung von Schwindel und Gleichgewichtsstörungen spezialisiert und arbeiten vernetzt zusammen.

Therapie: Aktiv bleiben wichtig

Nach einer sorgfältigen Anamnese und einer körperlichen Untersuchung kann ein erfahrener Hausarzt die meisten Ursachen für den Schwindel ohne aufwendige Zusatzuntersuchung bestimmen und eine geeignete Therapie einleiten. "Physiotherapeutische Übungen und Lagerungsmaßnahmen, können bei bestimmten Schwindelformen zu einer schnellen Linderung der Beschwerden führen", sagt Dr. Becker-Bense.

Medikamente, die akute Schwindelsymptome unterdrücken, sollten nur für wenige Tage eingenommen werden. "Diese Medikamente dämpfen die Wahrnehmung des Schwindels, bekämpfen jedoch nicht seine Ursachen", sagt die Neurologin und Schwindelexpertin. "Dadurch fällt es dem Gehirn schwerer, sich auf die neue Situation einzustellen und Ausgleichsstrategien zu entwickeln." Das Gehirn als Zentrum der Gleichgewichtsverarbeitung ist sehr anpassungsfähig – dazu muss es aber gefordert werden. Deshalb rät Ärztin Dr. Becker-Bense: "Auch wenn es Überwindung kostet – das Beste gegen Schwindel ist in Bewegung zu bleiben."


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