Interview mit Sabine Postel

Warum muss sich in der Pflege einiges verändertn Wie hat man das Thema im "Tatort" umgesetzt? Sabine Postel im Interview

von Thomas Röbke, 23.05.2018
Warum Sabine Postel

Senioren Ratgeber: Ihr neuer "Tatort" wirft ein Schlaglicht auf Missstände im Pflegebereich. Ist das ein Krimithema? 
Sabine Postel: Absolut, dieser Fall geht an die Nieren und ans Herz. Es ist kein typischer "Wer hat’s getan?"- Krimi. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Probleme mit der Versorgung ihrer Angehörigen haben, geraten unter Mordverdacht. Dass sie überhaupt diese Probleme haben, liegt daran, dass in unserem Pflegesystem einiges schiefläuft. 
Es geht um Pflegebetrug ...
Dass es betrügerische Pflegedienste gibt, die nicht erbrachte Leistungen abrechnen, ist nur ein Aspekt. Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen werden oft völlig allein gelassen. Ich habe persönliche Erfahrungen mit dem Thema, und diese unsäglich schlechte Entlohnung und die Überforderung der Pflegekräfte haben mir das Herz gebrochen. Da muss wirklich was verändert werden.

Senioren Ratgeber: Ihr neuer "Tatort" wirft ein Schlaglicht auf Missstände im Pflegebereich. Ist das ein Krimithema? 

Sabine Postel: Absolut, dieser Fall geht an die Nieren und ans Herz. Es ist kein typischer "Wer hat’s getan?"- Krimi. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Probleme mit der Versorgung ihrer Angehörigen haben, geraten unter Mordverdacht. Dass sie überhaupt diese Probleme haben, liegt daran, dass in unserem Pflegesystem einiges schiefläuft. 

Es geht um Pflegebetrug ...

Dass es betrügerische Pflegedienste gibt, die nicht erbrachte Leistungen abrechnen, ist nur ein Aspekt. Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen werden oft völlig allein gelassen. Ich habe persönliche Erfahrungen mit dem Thema, und diese unsäglich schlechte Entlohnung und die Überforderung der Pflegekräfte haben mir das Herz gebrochen. Da muss wirklich was verändert werden.

Gerade der Bremer "Tatort" ist bekannt dafür, auch heiße Eisen anzupacken. Trotzdem werden Sie die Reihe 2019 verlassen?
Ja, mit einem weinenden und einem lachenden Auge, vielleicht auch mit zwei weinenden. Leider setzt das Fernsehen immer zu sehr auf Themen, die gerade gut laufen. Ob Talkshows, Kochshows oder Krimis, mit denen wir von morgens bis spätnachts überschüttet werden: Es ist schwer, da immer wieder etwas Besonderes zu machen.
Wie hat sich Inga Lürsen in den 20 Jahren verändert? 
Sie ist weniger aufbrausend, aber auch resignativer geworden. Sie kommt ja aus der 68er-Bewegung und war immer im Kopf-durch-die-Wand-Modus unterwegs. Mittlerweile ist eine gewisse Altersweisheit dazugekommen, aber auch ein "Letztlich bringt es nichts mehr".

Gerade der Bremer "Tatort" ist bekannt dafür, auch heiße Eisen anzupacken. Trotzdem werden Sie die Reihe 2019 verlassen?

Ja, mit einem weinenden und einem lachenden Auge, vielleicht auch mit zwei weinenden. Leider setzt das Fernsehen immer zu sehr auf Themen, die gerade gut laufen. Ob Talkshows, Kochshows oder Krimis, mit denen wir von morgens bis spätnachts überschüttet werden: Es ist schwer, da immer wieder etwas Besonderes zu machen.

Wie hat sich Inga Lürsen in den 20 Jahren verändert? 

Sie ist weniger aufbrausend, aber auch resignativer geworden. Sie kommt ja aus der 68er-Bewegung und war immer im Kopf-durch-die-Wand-Modus unterwegs. Mittlerweile ist eine gewisse Altersweisheit dazugekommen, aber auch ein "Letztlich bringt es nichts mehr".

Warum Sabine Postel

Sabine Postel

 

  • * 10. Mai 1954 in Neustadt
  • Nordlicht 
  • Nach Schauspielschule in Bochum erste Theaterengagements. 
  • Danach zum Fernsehen, wo sie unter anderem mit "Nicht von schlechten Eltern" und "Die Kanzlei" Erfolge feiert. 
  • Seit 1997 spielt sie die Hauptkommissarin im "Tatort" von Radio Bremen. 
  • Postel ist verwitwet, hat einen Sohn Moritz und lebt in Köln.  

Wie sehr stimmen Postel und Lürsen überein? 
Gut zur Hälfte, schätze ich. Ihre Resignation teile ich aber nicht. Ich gebe die Rolle auf, weil ich zeitlich in einem zu engen Korsett stecke. Ich drehe fast nonstop, bei 12-Stunden-Drehtagen, das geht an die Substanz. Auch wenn das Jammern auf hohem Niveau ist. Die meisten Schauspielerinnen in meinem Alter haben kaum zu tun.
Die Rolle scheint abgefärbt zu haben, wenn Sie sagen: "Mein Blick hat sich verändert. Ich sehe Sachen viel detaillierter ..."
Das stimmt. Wenn ich einen Raum betrete, fallen mir Dinge auf, die ich früher nie beachtet hätte. Ein benutztes Glas mit Lippenstiftspuren etwa. Wenn mich eine Freundin um Rat bittet, gehe ich ermittlerisch an das Problem heran und antworte etwa: "Hast du hinterfragt, ob …" Ja, der "Tatort" hat mich schon geprägt, nicht naiv in irgendwas hineinzustolpern, sondern zu sagen: "Moment, hier stimmt etwas nicht!"
Wie Inga Lürsen sind Sie ein Kind des Nordens…
Ich stamme aus der Nähe von Hannover, einer Kleinstadt auf dem Land und bin passionierte Flachländerin. Mir liegt die Geradlinigkeit der Menschen dort sehr, die nicht unbedingt viel plaudern, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben.

Wie sehr stimmen Postel und Lürsen überein? 

Gut zur Hälfte, schätze ich. Ihre Resignation teile ich aber nicht. Ich gebe die Rolle auf, weil ich zeitlich in einem zu engen Korsett stecke. Ich drehe fast nonstop, bei 12-Stunden-Drehtagen, das geht an die Substanz. Auch wenn das Jammern auf hohem Niveau ist. Die meisten Schauspielerinnen in meinem Alter haben kaum zu tun.

Die Rolle scheint abgefärbt zu haben, wenn Sie sagen: "Mein Blick hat sich verändert. Ich sehe Sachen viel detaillierter ..."

Das stimmt. Wenn ich einen Raum betrete, fallen mir Dinge auf, die ich früher nie beachtet hätte. Ein benutztes Glas mit Lippenstiftspuren etwa. Wenn mich eine Freundin um Rat bittet, gehe ich ermittlerisch an das Problem heran und antworte etwa: "Hast du hinterfragt, ob …" Ja, der "Tatort" hat mich schon geprägt, nicht naiv in irgendwas hineinzustolpern, sondern zu sagen: "Moment, hier stimmt etwas nicht!"

Wie Inga Lürsen sind Sie ein Kind des Nordens…

Ich stamme aus der Nähe von Hannover, einer Kleinstadt auf dem Land und bin passionierte Flachländerin. Mir liegt die Geradlinigkeit der Menschen dort sehr, die nicht unbedingt viel plaudern, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben.

Sie leben aber seit Ihrer Schulzeit in Köln. Passt das zusammen? 

Die Kölner sind sehr offen und liberal und haben einen aus norddeutscher Sicht leicht mediterranen Einschlag. Das ist eine gute Mischung.

Wie sah die Straße Ihrer Kindheit aus? 

Meine Oma hatte einen Minibauernhof. Der lag an einer Straße, die so wenig befahren war, dass wir als Kleinkinder gefahrlos unserer Wege gehen konnten. Dieses behütete, aber sehr freie Leben hat mich sehr geprägt. Das können kleine Kinder heute gar nicht mehr führen. Wir hatten nur die Vorgabe "Wenn es dämmert, bis du wieder da!" Wir haben uns aus Torfklumpen Hütten gebaut und können von Glück sagen, dass wir nicht erstickt sind. Diesen ausgeprägten Freiheitsdrang habe ich bis heute. Ich hätte mich nie in ein Berufsbild pressen lassen, das mich eingeengt hätte. 

Was war der beste Ratschlag, den Sie je erhalten haben?

Meine Mutter war Bänkerin, sie riet mir: "Sieh immer zu, dass du nie mehr Geld ausgibst, als du hast. Versuche immer, eine kleine Reserve zu haben." Das habe ich beherzigt, auch in Lebensphasen, in denen ich sehr wenig verdiente.

Was würden Sie anders machen? 

Ich habe mal in London zweieinhalb Jahre eine große Serie für Channel 4 gedreht und bin zurück nach Deutschland, weil ich so starkes Heimweh hatte. Diese Weiche würde ich heute anders stellen. Dort hatte ich eine gewisse Prominenz, während ich in Deutschland wieder ganz klein anfangen musste. 

Sie engagieren sich für das Bremer Zentrum für trauernde Kinder. 

Das ist eine sehr wichtige Einrichtung, die aber keine öffentliche Förderung erhält. Wir haben ja nicht gelernt, mit dem Tod umzugehen, und Kinder trauern anders, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Mein Sohn war elf, als sein Vater starb. Dort gibt es Fachpersonal, und sie haben zum ersten Mal die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen, denen es genauso geht. Ehrenamtliche werden immer gesucht, etwa um mit den Kindern etwas zu unternehmen.

Wo finden Sie Ruhe? 

Am liebsten schnippel und buddel ich in meinem Garten herum. Rasenmähen finde ich großartig, da kriegt man den Kopf frei. Ich muss ja ständig Texte auswendig lernen, und die belegen so viel Speicherplatz in meinem Kopf, dass ich mich kaum auf einen Roman einlassen kann.

Worüber können Sie sich besonders aufregen?

Über Schleimerei und Opportunismus. Menschen, die um der Karriere willen verlernt haben, ihre Meinung zu sagen, kann ich nicht ab. Ich bin meinen Weg immer sehr gerade gegangen. Mit Mitte dreißig dachte ich: "Wenn du nicht immer so offen gesagt hättest, was du denkst, wärst du karrieremäßig weiter." Dass es mit der Karriere dann doch noch was wurde, erstaunt mich immer noch. 

Es heißt, Sie hätten einen Kontrolltick?

Ja, ich muss immer noch mal prüfen, ob ich die Tür abgeschlossen und den Herd ausgestellt habe. Aber nur, wenn ich überlastet bin und so vieles parallel mache. Ich habe auch schon mal was auf dem Herd stehen gelassen und fast das Haus abgefackelt. Darum ist es eigentlich kein Tick, sondern aus Erfahrung geborenes Misstrauen mir selbst gegenüber. 

 


Newsletter abonnieren

Newsletter Senioren Ratgeber

Senioren Ratgeber - Newsletter

Ist die Welt heute besser als vor 20 Jahren?
54,76%
45,24%
Nein, früher war es besser.
Ja, es hat sich viel zum Guten gewendet!
Insgesamt abgegebene Stimmen: 504