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Leistenbruch: Operieren oder abwarten?

Leistenbruch-OPs gehören zu den häufigsten Eingriffen in Deutschland. Doch gerade im Alter sind sie nicht immer nötig.

von Petra Haas, aktualisiert am 22.07.2019
Leistenbruch

Schmerz in der Leiste: Das Bindegewebe verliert mit der Zeit an Spannkraft


Komisch fühlt sie sich an, diese weiche Beule in der Leiste.  Im Liegen genügt es oft, mit den Fingern sanft darüberzustreichen, und sie verschwindet wieder. Für einen erfahrenen Arzt ist es nicht schwer, einen Leistenbruch zu diagnostizieren. "Oft reicht ein gezieltes Abtasten", sagt Professor Ulrich Dietz, Leitender Arzt der Chirurgie am Schweizer Kantonspital Olten. Schon kniffliger ist die Entscheidung, ob operiert werden muss oder nicht – speziell bei Senioren.

Ein Hustenanfall, und es ist passiert: Erhöht sich plötzlich der Druck im Bauchraum, kann eine Lücke in der Bauchdecke klaffen, durch die Teile des Bauchfells und Darms nach außen dringen. Vom Husten, Holzhacken oder Heben schwerer Lasten allein entsteht eine solche Hernie jedoch nicht. "Lange glaubte man auch, Übergewicht spiele eine Rolle", so Dietz. Studien haben das aber längst widerlegt.

Leistenbrüche vor allem bei Männern

Viel entscheidender für die Lückenbildung ist die familiäre Veranlagung: schlaffes Bindegewebe, das altersbedingt noch mehr an Spannkraft einbüßt, und ein von Geburt an anfälliger Leistenkanal. Der Bruch kommt deshalb mit dem Alter: Aktuelle Erhebungen prognostizieren jedem siebten Mann ab 65 und jedem fünften ab 75 Jahren eine Leistenhernie, wie Mediziner die weiche Beule nennen. Frauen trifft es deutlich seltener.

Herr Prof. Dietz

Der Bruch kann sich mit ganz unterschiedlichen Symptomen bemerkbar machen: Manche ertasten eine Erhebung, haben aber keinerlei Beschwerden. Andere bemerken einen ziehenden Schmerz in der Leiste. Ein Grund für einen Arztbesuch bestehe allemal, betont Dietz: "Im schlimmsten Fall werden Teile des Darms eingeklemmt, sodass die Durchblutung stockt." Dann besteht Lebensgefahr, und es muss sofort operiert werden. Ein aufgeblähter Bauch, Erbrechen, starke Schmerzen sowie Rötungen in der Leistengegend seien Alarmzeichen.

Operation immer nötig?

Bei Frauen müsse der Arzt zudem unterscheiden, ob vielleicht ein Schenkelbruch vorliegt. Denn dieser erfordert eine andere Therapie. Mit mehr als 200.000 Eingriffen pro Jahr ist das Schließen der Bruchpforte eine der häufigsten Operationen in Deutschland. Doch ist ein Eingriff, wie ihn viele Gesundheitsratgeber propagieren, im Alter wirklich immer empfehlenswert? Was dafür spricht: Eine Hernie heilt nicht von allein ab. Sie kann mit den Jahren sogar größer werden. Andererseits "ist die Gefahr des Einklemmens sehr gering", sagt Chirurg Dietz aus Erfahrung, aber die Gefahr, durch einen Eingriff Komplikationen zu erleiden, viel größer.

Ohne Beschwerden kann Abwarten die bessere Alternative sein

"Aus diesen Gründen wird ein erfahrener Chirurg das Für und Wider einer Operation gut abwägen", bestätigt Professor Dieter Berger, Hernienspezialist in Baden-Baden und Mitglied der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Einem gebrechlichen Patienten, der keinerlei Beschwerden hat, würden beide Experten empfehlen, abzuwarten. "Weil ihm die Hernie im Lauf seines Lebens womöglich keinerlei Probleme bereiten wird", erläutert der Baden-Badener Facharzt. Hat ein Betroffener jedoch eine kleine Bruchpforte, in die sich Darmteile leichter einklemmen, oder Schmerzen, die ihn etwa am Spazierengehen hindern, raten sie zur Operation. Dasselbe gelte für geistig eingeschränkte Menschen – weil sie bei Problemen vielleicht nicht angemessen reagieren könnten.

Die Lücke zu schließen gelingt heute mit zahlreichen Verfahren. Je nach Größe des Bruchs, möglichen Begleiterkrankungen und Dauermedikamenten wie Gerinnungshemmern wägt der Arzt individuell ab, welche Methode für einen Patienten infrage kommt. Mitentscheidend ist, ob ein Senior nach dem Eingriff sofort wieder nach Hause kann oder besser einige Tage zur Beobachtung in der Klinik bleibt.

Im Zweifel für die Zweitmeinung

Was tun, wenn man plötzlich eine komische, weiche Stelle in der Leiste tastet? Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner. Häufig kann er bereits die Diagnose stellen und zu einem Spezialisten in einer Leistensprechstunde überweisen, wie es sie an vielen Kliniken gibt.

Gute Chirurgen klären über Vor- und Nachteile möglicher Operationen auf. Sie fragen nach der Krankengeschichte und halten Rücksprache mit dem Hausarzt. "Wer sich danach noch unsicher ist, sollte in Ruhe eine zweite Meinung einholen", rät Chirurg Dietz. Grund zur Eile bestehe in den allermeisten Fällen nicht.

Was Operierte beachten sollten

  • Nicht schonen, jedoch Tätigkeiten meiden, bei denen die Bauchwand übermäßig stark belastet wird.
  • Nichts ruckartig heben oder Schweres tragen. Beim Einkaufen einen Trolley verwenden, auf Reisen einen Rollkoffer.
  • Beim Sex hilft es, eine für die Leiste entlastende Stellung auszuprobieren, etwa die Rückenlage.
  • Starkes Pressen auf der Toilette ist tabu, weil es Schmerzen im operierten Bereich verursachen kann. Wer oft unter Verstopfung leidet, sollte den Arzt darauf ansprechen. Frisch Operierten helfen vorübergehend Abführtropfen. Fragen Sie Ihren Apotheker.

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