Rheuma richtig behandeln

Je früher eine rheumatoide Arthritis erkannt und behandelt wird, desto größer sind die Chancen, ihr Fortschreiten zu stoppen. Welche Therapien ein Leben ohne Schmerzen möglich machen
von Elke Schurr, 31.05.2017

Rheuma: Das entzündete Gelenk kann starke Schmerzen bereiten

istock/Stefan Redel

Der Schmerz kommt meist über Nacht: In den frühen Morgenstunden lässt sich auf einmal das Hemd nicht mehr über den Kopf, der Ring nicht mehr über den Finger streifen. Die Gelenke sind heiß, geschwollen, kraftlos, steif. Man fühlt sich abgeschlagen und müde.

Rheuma, genauer gesagt die rheumatoide Arthritis, gehört zu den chronischen Autoimmunerkrankungen: Das Abwehrsystem wendet sich gegen den eigenen Körper. Die Folge ist eine Entzündung im Gelenk.

Jede Bewegung wird zur Qual

Eine knappe halbe Million Bundesbürger ist davon betroffen. Damit ist die chronische Gelenkentzündung die häufigste Erkrankung innerhalb der großen Rheuma-Familie. Sie meldet sich das erste Mal bevorzugt bei Frauen im mittleren Lebensalter zwischen 45 und 64 Jahren. Im höheren Alter ab 70 trifft sie dann Frauen und Männer gleichermaßen. Mitunter beginnt das Leiden schleichend, oft aber grätscht die Krankheit aufgrund der starken Schmerzen von einem Tag auf den anderen in den Alltag: jede Bewegung, jeder Griff eine Tortur.

Doch Rheumapatienten können hoffen: Die moderne Behandlung nutzt einen Stufenplan, der verschiedene Arzneiwirkstoffe miteinander kombiniert und durch physiotherapeutische Hilfen ergänzt. Damit gelingt es bei der Mehrzahl der Betroffenen, nicht nur die schmerzhaften Beschwerden, sondern auch das gelenkzerstörerische Geschehen zu stoppen und Lebensqualität zurückzugewinnen.

Grafik: Was bei Rheuma am Gelenk passiert

W&B/W&B/Dr. Ulrike Möhle

Das setzt voraus, dass Rheuma so schnell wie möglich auch als Rheuma erkannt wird und die Gelenkbeschwerden nicht mit anderen Krankheiten verwechselt werden. Dies erweist sich aber als schwierig – vor allem bei Senioren. Fingergelenke, Zehen, Ellenbogen, Knie, Hüfte oder Schulter: Die rheumatoide Arthritis kann alle Gelenke betreffen und bei mehreren gleichzeitig zu entzündeten Innenhäuten führen (siehe Grafik oben).


Michael Hammer, Chefarzt am St. Josef Stift Sendenhorst

W&B/Privat

Kein klares Bild mit Röntgen

Polyarthritis ist deshalb auch der ursprüngliche Name der Erkrankung, was so viel heißt wie Entzündung vieler Gelenke. Doch das trifft es keineswegs immer. "Bei Älteren ist es oft nur ein einziges großes Gelenk wie etwa das Schulter- oder Kniegelenk, in dem die Krankheit sich als Erstes bemerkbar macht", erklärt Professor Michael Hammer vom Nordwestdeutschen Rheumazentrum Sendenhorst. "Da denkt mancher Hausarzt erst mal an eine Arthrose."

Hinzu kommt, dass auch Röntgenbilder gerade zu Beginn noch keinen Hinweis geben und spezielle Laborwerte, die bei jüngeren Rheumapatienten oft erhöht sind, bei älteren im normalen Bereich liegen. Rheumafaktoren, aber auch andere Antikörper des Immunsystems im Blut fehlen bei Älteren häufig. Rheumatologe Hammer plädiert schon deshalb für eine schnelle Überweisung an einen erfahrenen Rheumatologen.

Rheuma wie einen Notfall behandeln

Denn nur wenn die Gelenkentzündung sicher diagnostiziert ist, bekommt der Patient auch die richtigen Medikamente. Die Behandlung einer rheumatoiden Arthritis duldet keinen Aufschub, betont auch Professor Jens Gert Kuipers, Rheumatologe aus Bremen: "Eine beginnende rheumatoide Arthritis ist wie ein Notfall zu behandeln." Wer keinen schnellen Termin beim niedergelassenen Rheumatologen bekommt, muss seinen Hausarzt bitten, ihn in einer Früharthritis-Sprechstunde, etwa in einem Rheumazentrum, unterzubringen", rät Michael Hammer.

Grund der Eile: Das "Fenster der Gelegenheit", so nennen Rheumatologen den optimalen Behandlungszeitraum bei dieser Rheumaform, ist für rund drei, vier Monate geöffnet. In dieser Anfangsphase zwischen ersten Beschwerden und Therapiebeginn sind die Gelenke noch nicht zu stark angegriffen, die Medikamente können noch optimal wirken und die Krankheit sogar zu einem Stillstand führen: Alle Krankheitszeichen bilden sich zurück. Keine Schmerzen, keine Entzündungswerte, keine Schwellungen. "Der Patient merkt nicht mehr, dass er Rheuma hat, und der Arzt muss fast an seiner Diagnose zweifeln", beschreibt Professor Jens Gert Kuipers das Ziel aller Therapien.

Jens Gert Kuipers ist Chefarzt am Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen

privat/Ingo Wagner

"Ganz geschlossen ist das Fenster aber nie", beruhigt er. "Auch ein Patient, bei dem erst nach einem Jahr die Krankheit entdeckt wird, kann von der medikamentösen Therapie profitieren." Beschwerden lassen sich immer noch lindern, das Rheuma lässt sich zumindest eindämmen.

Rheuma behandeln: Medikamente gegen die Entzündung

Ein Mix verschiedener Arzneimittel macht das möglich: Medikamente, die die Entzündung schnell unterdrücken, aber auch direkt in die krankhaften Abwehrvorgänge eingreifen und verschiedene Gewebshormone und Botenstoffe hemmen. "Ohne eine kleine Dosis Kortison, zumindest zu Beginn, geht das auch heute noch nicht", erklärt Professor Hammer, "außer wenn Begleiterkrankungen dagegen sprechen."

Als Grundlage der Therapie verschreibt der Arzt meist Methotrexat oder ein anderes Präparat aus der großen Gruppe der lang wirksamen Antirheumatika. Dieses Basismedikament ist quasi der Anker der Rheumabehandlung. Seine antientzündliche Wirkung tritt jedoch erst nach Wochen oder Monaten ein. Manchmal braucht der Patient dazu ein zweites Basismedikament zur Intensivierung. Erst wenn diese Kombination nicht funktioniert, kommen die neueren Biologika ins Spiel, die noch gezielter bestimmte Abwehrstoffe des Körpers blockieren.

Patient muss hinter der Therapie stehen

Die Therapie ist kompliziert und verlangt regelmäßige Labor-Kontrollen sowie einen engen Kontakt zwischen Rheumatologen und Hausarzt. "Vor allem ist auch der Patient gefragt", betont Kuipers. "Steht er hinter der Therapie? Verträgt er die Medikamente?" Wo Arzneimittel so stark in Abwehrprozesse einwirken, sind auch Nebenwirkungen nicht weit. Infekte etwa haben im Körper dann leichteres Spiel.

Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die Senioren ja häufig zusätzlich brauchen, können ein Problem werden. Wie wichtig der Austausch des Patienten mit seinen Ärzten, aber auch mit seinem Apotheker ist, kann Isabel Waltering nur bestätigen: "Auch rezeptfreie Schmerzmittel sollten Ältere nur mit Vorsicht einnehmen", so die klinische Pharmazeutin von der Universität Münster. "Nieren-, Leber- und Blutbildschäden drohen." Manchmal ist es eine Lösung, das Medikament örtlich als Salbe anzuwenden.

Medikamente: Dosis langsam verringern

Waltering schult Rheumapatienten in der Apotheke und gibt ihnen hilfreiche Tipps, um die Akzeptanz und Sicherheit der Rheumamittel zu gewährleisten: "Wer etwa Methotrexat abends statt morgens einnimmt, schläft über eine mögliche Übelkeit hinweg. Oder Beispiel Biologika, die der Patient sich meist selbst verabreichen kann: Sie gehören immer in den Kühlschrank, sollten aber nur zimmerwarm gespritzt werden."

Wenn die Krankheit nachweislich über sechs bis zwölf Monate zur Ruhe gekommen ist, kann der Arzt mit dem Patienten versuchen, die Medikamente langsam auszuschleichen. "Ganz auf null gelangt man zwar meist nicht", betont Rheumatologe Kuipers, "aber immerhin können 30 bis 60 Prozent der Patienten die Basistherapie reduzieren."

Rheumaärzte empfehlen zudem, von Anfang an auf physiotherapeutische Begleitung zu setzen. Das hält die betroffenen Gelenke beweglich, baut Muskeln auf, die sie zum Schutz und zur Stabilisierung brauchen. Der Patient lernt, Fehlstellungen zu vermeiden. Ein Leben ohne Schmerz wird wieder möglich.


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